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Legende: Christine Brombach, Ernährungsforscherin «Wir werden relativ schnell wieder in alte Konsummuster zurückfallen.» ZVG
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Ernährung nach Corona «Wir werden schnell wieder in alte Konsummuster zurückfallen»

Die Schweiz hat während Corona das Selber-Kochen und -Backen entdeckt. Steht unsere Convenience-Gesellschaft in Zukunft vermehrt selber am Herd? Oder knüpfen wir so schnell wie möglich wieder an alte Gewohnheiten an? Diese Gefahr sei gross, sagt Ernährungsforscherin Christine Brombach.

Christine Brombach

Christine Brombach

Ernährungsforscherin

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Christine Brombach ist Professorin für Ernährung und Consumer-Science an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil.

SRF: Leergekaufte Gemüseregale, während Tagen kein Mehl und keine Hefe - die Schweiz hat während des Shutdowns offenbar das Kochen und Backen neu entdeckt - gibt's dafür schon Zahlen?

Christine Brombach: Dazu ist es noch etwas früh, aber man kann schon sagen, dass es einen Trend in diese Richtung gibt. Wir haben an der ZHAW 1000 unserer Studierenden unter anderem zu ihren Kochgewohnheiten währed der Corona-Krise befragt und gesehen, dass öfters selber frisch gekocht worden ist. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie Produkte, die sie zuvor meist als Convenience oder Teil-Convenience gekauft hatten, während der Krise selber zubereitet hatten. Erwähnt wurden da vor allem selbst gebackene Brote, Pastagerichte, Saucen.

Hat das Selber-Zubereiten von Speisen in dieser Krisenzeit einen neuen Stellenwert bekommen?

Ganz bestimmt. Das Kochen gab den Menschen in dieser unsicheren Zeit eine Tagesstruktur, Sicherheit und das gute Gefühl, selber aktiv zu sein, sich und seinen Lieben was Gutes tun zu können.

Dinge, wie eben selbst gebackene Brote, geben in als bedrohlich empfundenen Zeiten ein Gefühl von Geborgenheit. Man kann damit an Vertrautes anknüpfen.
Autor: Christine BrombachErnährungsforscherin

Hinzu kommt, dass gerade Familien in dieser Zeit wieder näher zusammengerückt sind, man hat wieder vermehrt zusammen gegessen. Ein Ritual, das Geborgenheit gab und bestimmt von vielen Menschen als schön empfunden worden ist.

Das tönt ja alles wunderbar. Da müsste man eigentlich davon ausgehen, dass wir in Zukunft am Kochen und gemeinsam Essen festhalten werden?

Da bin ich nur verhalten optimistisch. Wir werden relativ schnell wieder in alte Konsummuster zurückfallen. Das zeigen alle Studien, die nach Lebenmittelskandalen gemacht worden sind. Da gibt es in der Regel eine kleine Delle, man sieht dass der Verbrauch eines bestimmten Lebensmittels kurzzeitig zurückgeht. Aber dann erholen sich die Verkaufszahlen schon bald wieder.

Die Menschen versuchen, unangenehme Erfahrungen möglichst schnell zu verdrängen, um dann wieder an das anzuknüpfen, was vorher gewesen war.
Autor: Christine BrombachErnährungsforscherin

Vermutlich wird den meisten von uns auch die Zeit fehlen, um öfters selber zu kochen, sobald wir dann alle wieder in unseren normalen beruflichen Alltag eingebunden sein werden und nicht mehr von den kurzen Wegen zwischen Homeoffice und Küche profitieren können. Wobei hier aber auch festgehalten werden muss, dass in der Schweiz mit 38 Minuten pro Person und Tag noch sehr viel Zeit ins tägliche Kochen investiert wird. Und das war schon vor Corona so.

Und wie steht es um unsere Kochkompetenz? Die ist ja während Corona ziemlich auf die Probe gestellt worden?

In der Tat: Der Kochalltag ist sehr vielschichtig und komplex und spielt sich nicht ausschliesslich am Herd ab. Man muss planen und budgetieren, Vorrat halten und diesen sinnvoll bewirtschaften, Foodwaste vermeiden, wertschätzend mit Lebensmitteln umgehen, ökologisch einkaufen, dabei das Tierwohl im Auge behalten und zu all dem erst noch gesund und fein kochen. Das ist anspruchsvoll. Und ich gehe davon aus, dass die eine oder andere Person während des Shutdowns vermutlich gemerkt hat, dass die eigene Kochkompetenz nicht genügt und dass da und dort möglicherweise jetzt auch der Wunsch da ist, die eigenen Kompetenzen erweitern zu können.

Was schlagen Sie vor?

Der bestehende Hauswirtschaftsunterricht müsste ausgebaut und zum Pflichtfach für alle über die ganze Schulzeit hinweg werden.

Der berühmte britische Fernseh-Koch Jamie Oliver hat mal gesagt, man müsse zehn Gerichte kochen können, dann komme man gut durchs Leben.
Autor: Christine BrombachErnährungsforscherin

Und das muss man eben lernen. Anders als noch in den 50er- und 60er-Jahren wird die Alltagskompetenz Kochen nicht mehr selbstverständlich von Generation zu Generation weitergegeben, weshalb der Erwerb dieser Fähigkeiten unbedingt in den Schulunterricht integriert sein muss.

Und das reicht?

Nein!

Kochen ist ein «Life-Long-Learning» und nichts, was man sich einmal im Leben aneignen und dann auf der To-do-Liste abhaken kann.
Autor: Christine BrombachErnährungsforscherin

Wir werden nämlich immer wieder mit neuen Produkten konfrontiert, deren Verwendung wir neu lernen müssen. Zudem verändert sich auch unsere Lebenssituation ständig: Wir kochen für uns alleine, später vielleicht für die Familie, wir werden älter und müssen unseren Speiseplan anpassen. Da muss man zwingend ein Leben lang dran bleiben. Nur so sind wir für schwierige Situationen, wie eben die Corona-Krise, gut gerüstet.