Zum Inhalt springen

Header

Audio
Ines Follador: «Jeder Insasse soll irgendwann wieder am Leben teilnehmen und mein oder Ihr Nachbar werden können»
Aus Morgengast vom 02.09.2020.
abspielen. Laufzeit 08:03 Minuten.
Inhalt

Justizvollzugsanstalt Cazis Gefängnisdirektorin: «Auch Verbrecher haben Respekt verdient»

Wie geht es zu hinter sieben Meter hohen Gefängnismauern? Ines Follador ist Direktorin der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez (GR), die Anfang Jahr den Betrieb aufgenommen hat. Im Interview erklärt sie, was Gefängnisse und Migros-Klubschulen gemeinsam haben und wie sie auch mit Verbrechern respektvoll umgeht.

Ines Follador

Ines Follador

Direktorin Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez (GR)

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Ines Follador ist 60 und war 2011 die erste Frau, die in der Schweiz ein Männergefängnis übernahm – damals noch das alte Churer Gefängnis «Sennhof». 2019 wurde sie Direktorin des neusten Gefängnisses der Schweiz in Cazis Tignez GR, das Anfang 2020 den Betrieb mit Häftlingen aufgenommen hat. Vor ihrer Arbeit als Gefängnisdirektorin war Ines Follador in der Leitung einer Migros-Klubschule tätig.

SRF: Bevor Sie Gefängnisdirektorin wurden, haben Sie eine Migros-Klubschule geleitet. Haben die beiden Jobs Gemeinsamkeiten?

Ja, im Zentrum stehen Menschen, die ein und aus gehen. Im Gefängnis müssen sie einfach länger bleiben als in der Klubschule.

Die meisten kennen Gefängnisse nur aus Filmen – mit orangen Übergewändern und rauhem Umgangston. Stimmt dieses Bild?

Es stimmt für die USA, aber überhaupt nicht für die Schweiz. Es geht sehr viel harmonischer zu, als man von aussen meinen könnte. Unser Ansatz ist auch anders: Natürlich geht es ums Strafen, aber ein ganz wichtiger Teil ist auch die Resozialisierung.

Jeder Insasse soll irgendwann wieder am Leben teilnehmen und mein oder Ihr Nachbar werden können.
Autor: Ines FolladorGefängnisdirektorin in Cazis Tignes (GR)

Was für eine Beziehung haben Sie zu den Insassen? Sind Sie da immer misstrauisch oder gibt es da auch Sympathie?

Die Beziehung besteht aus der Polarität zwischen Nähe und Distanz. Wenn ein Häftling mit mir reden will, dann kann er einen Gesprächsantrag stellen und bekommt einen Termin und dann spreche ich mit ihm wie mit jedem anderen Menschen auch.

Fällt es Ihnen da nicht manchmal schwer, den Respekt zu behalten, wenn Sie wissen, was jemand für Taten begangen hat?

Respekt ist das Wesentliche in unserem Alltag. Ohne geht es nicht, auch gegenüber Verbrechern. Es sitzt einem immer ein Mensch gegenüber. Ja, er hat eine Tat begangen und ein Gericht hat ihn dafür verurteilt. Dieses Urteil ist gemacht, wir haben dazu nichts mehr zu sagen. Unsere Aufgabe ist es, die Strafe zu vollziehen – auf die menschliche Art, die es braucht: mit Offenheit aber auch mit klaren Grenzen.

Aber haben Sie nie Mühe, am Abend abzuschalten?

Nein, das habe ich nicht. Es gibt sicher Dinge, die einem manchmal nachgehen. Aber das hatte ich schon, als ich in der Leitung der Klubschule sass.

Allerdings ist es schon wichtig, dass die Mitarbeitenden selber stabil sind im Leben.
Autor: Ines FolladorGefängnisdirektorin in Cazis Tignez (GR)

Und sie müssen ein gewisses Alter haben, wenn sie bei uns anfangen, weil diese Arbeit auch Lebenserfahrung braucht.

Und Angst? Gibt es nie Situationen, die gefährlich sind? – Immerhin haben Sie es zum Teil mit Schwerverbrechern zu tun…

Angst wäre ganz falsch. Wir müssen uns mit einer gewissen Vorsicht durch den Vollzugsalltag bewegen, aber trotzdem offen sein. Sonst besteht immer ein Hemmnis.

Als Sie vom alten ins neue Gefängnis gezügelt sind, gab es den Vorwurf, das Gefängnis sei viel zu schön geworden. Wie eine Jugendherberge, Stichwort Kuscheljustiz. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, teilweise. Aber man muss bedenken, wie lange die Menschen hier absitzen und ihre Strafe verbüssen müssen. Ausserdem ist es auch der Arbeitsplatz von uns Mitarbeitenden. Ich zitiere gerne den Architekten, der das Gefängnis gebaut hat: Man kann doch nicht absichtlich etwas Hässliches bauen, sondern man soll das bestmögliche machen. Das ist gelungen.

Was ist das wichtigste, was Sie im Gefängnis über das Leben gelernt haben?

Dass das Leben lebenswert ist in allen Schattierungen.

Es gibt auf beiden Seiten der Gefängnismauern interessante Menschen.
Autor: Ines FolladorGefängnisdirektorin in Cazis tignez (GR)

Meine Erfahrung ist: Der Unterschied zwischen drinnen und draussen ist gar nicht so gross.

PodKnast - Der Podcast aus dem Gefängnis

PodKnast - Der Podcast aus dem Gefängnis

Im Podknast erzählen der Vollzugsbeamte, die Seelsorgerin, die Direktorin, die Überlebende, der Sicherheitschef, der Justizdirektor und der Insasse von den verboten interessanten und bewegenden Geschichten, die das (Knast)leben schreibt.

Hier gibt es die ganze Podcast-Serie.

Das Gespräch führte Michael Brunner.

«Morgengast» Radio SRF 1, 2.9.2020, 07.15 Uhr;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    "Jeder Insasse soll irgendwann wieder am Leben teilnehmen..." Nein, nicht jedem kann man das Recht zugestehen, wieder auf die Bevölkerung losgelassen zu werden, deshalb wurde ja auch die Verwahrungsinitiative angenommen. Aber «kaum jemand getraut sich, eine lebenslängliche Verwahrung auszusprechen», so Chaaban, die Initiantin dieser Initiative. Die Sicherheit der Bevölkerung ginge mE eigentlich vor, aber man könnte meinen, es gehe um Todesstrafe. Und nochmals nein: Respekt muss verdient sein!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Roland Naegeli  (Roland Naegeli)
    Nein, haben sie nicht. Hatten die Verbrecher Respekt vor ihren Opfer gezeigt, nein. Viele der Verbrecher werden dank schwachen Richter/innen immer wieder zu lasch bestraft.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Lily Mathys  (Alle vergeben)
    „ Als Sie vom alten ins neue Gefängnis gezügelt sind, gab es den Vorwurf, das Gefängnis sei viel zu schön geworden.“
    Auch wenn ich die Antwort nachvollziehen kann, ist sie zu sehr kongruent mit derjenigen eines mir bekannten, sehr alten Mannes:“Mein Haus ist das schönste mir bekannte Gefängnis!“ er kann sein zu Hause ohne Begleitung nicht mehr verlassen.
    Sonst Finde ich ihre Aussagen menschlich und fair.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen