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Kinderlähmung im Alter Polio – vergessen aber noch nicht vorbei

Im Alter kämpfen Polio-Patienten nochmals mit ihrer Krankheit: Post-Polio, eine vergessene Krankheit rund 60 Jahre nach der Einführung der Impfung gegen Kinderlähmung in der Schweiz.

Legende: Audio Polio – die vergessene Krankheit abspielen. Laufzeit 50:58 Minuten.
50:58 min, aus Doppelpunkt vom 05.02.2019.

Dorothea Walther stolperte plötzlich über ihre eigenen Füsse. Zu Fuss war sie – die als neun Monate altes Baby an Polio erkrankte – schon als Kind nie gut unterwegs. Trotzdem nahmen ihre Eltern sie mit auf Wanderungen und lange Spaziergänge. Dorothea Walter erhielt die Diagnose Post-Polio als sie 50 Jahre alt war.

Die Diagnose Post-Polio war wie ein Donnerschlag für mich.
Autor: Dorothea WaltherPost-Poliopatientin

In ihrer Wohnung in Bern bewegt sich die 71-Jährige bis heute ohne fremde Hilfe. Draussen braucht sie mittlerweile den Rollstuhl.

Gestern Polio, heute Post-Polio

Das Poliovirus, das mit Fäkalbakterien ausgeschieden und so übertragen werden kann, entzündet das Rückenmark und das Hirn, dabei sterben Nervenzellen ab. Auch Speicheltröpfchen können Polio übertragen. Das kann so weit gehen, dass Lähmungen auftreten. Bleiben Nervenzellen intakt, müssen sie die Arbeit der abgestorbenen übernehmen. Über all die Jahre werden sie mehr beansprucht, was ab der Lebensmitte zu einer neuronalen Müdigkeit, also müden Nervenzellen, führt. Poliopatienten, die Mühe mit dem Gehen haben, können sich noch schlechter fortbewegen. Ihnen fehlt die Kraft. Der typische Post-Poliopatient wird mit den Jahren immer schwächer und müder.

Der Polioarzt, der selber Polio hatte

Klagte in den 1950er-Jahren ein Kind über Halsschmerzen, waren Mütter in Alarmbereitschaft. Kinderlähmung kündigte sich häufig über Halsschmerzen und Anzeichen einer Grippe an. So auch beim heute 69-jährigen Arzt Thomas Lehmann. Bei ihm kam erschwerend dazu, dass das Schlucken plötzlich nicht mehr klappte. Der Bewegungsapparat und die Atmung sind bei ihm nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die «Eiserne Lunge», eine Art Röhre, in welcher den Patienten die Atmung erleichtert wurde, war für ihn kein Thema.

Beim Spitalaustritt versprach Lehmann dem Chefarzt, er werde später mal sein Nachfolger werden. Er hielt Wort: 1981 kehrte er als Assistenzarzt auf die Poliostation zurück. 1986 übernahm er den Chefarztposten. Die Poliozentrale des Berner Inselspitals gibt es heute nicht mehr. Seit 20 Jahren lassen seine Kräfte nach und Lehmann muss stets kürzertreten. Auch er leidet unter Post-Polio.

Die Dunkelziffer in der Schweiz schätze ich auf 90'000 Patienten.
Autor: Thomas LehmannPolio-Arzt und Post-Poliopatient

Denn zwei seiner vier Geschwister lagen 1957 gleichzeitig wie er krank im Bett. Bei ihnen wurde keine Polio diagnostiziert, denn die Symptome waren nicht ausgeprägt. Allerdings haben sie heute Post-Poliosymptome wie schnelle Müdigkeit und Erschöpfung.

Die Schweiz ist poliofrei

Die letzte grosse Epidemie mit 1628 Fällen traf die Schweiz 1954, ein Jahr bevor ein Impfstoff gegen Kinderlähmung gefunden wurde. Ab 1956/57 gab es die Polioimpfung auch in der Schweiz. Thomas Lehmann war nicht geimpft. 1961 kam die Schluckimpfung auf den Markt, 1965 gab es das erste Mal seit über 50 Jahren keinen neuen Poliofall mehr in der Schweiz. Der letzte Wildpoliofall in der Schweiz wurde 1982 gemeldet, 1989 ein einziger Fall von Impfpolio.

Ist die Impfpolio eine Gefahr?

Kinder mit einem geschwächten Immunsystem laufen bei der Schluckimpfung Gefahr, dass sie eine sogenannte Impfpolio entwickeln. Im geschwächten Kind mutiert das Poliovirus, das für die Impfung sorgen sollte und steckt das Kind mit Kinderlähmung an. «Das passiert etwa bei einem Kind auf rund 3 Millionen geimpfter Kinder», relativiert Cornelia Staehelin, Verantwortliche für Tropen- und Reisemedizin/Infektiologie am Inselspital Bern und Präsidentin der Swiss Society for Tropical and Travel Medicine (SSTTM).

Die Polio immer noch nicht ausgerottet

1988 setzte sich die WHO,zum Ziel, die Polio auszurotten. Die Polio gehört – nicht nur wegen der Post-Polio – längst noch nicht der Vergangenheit an. Wildpoliofälle melden aktuell Afghanistan und Pakistan. Polio bleibt aktuell.

16 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    @ SRF: eine kleine, aber wesentliche Korrektur: Polio wird nicht von Fäkalbakterien ausgelöst, sondern vom Poliovirus. Das ist zwar ein Enterovirus, aber das hat mit Fäkalbakterien nichts zu tun, sonst könnte man Polio ja mit Antibiotika heilen, was leider nicht geht. Und Impfpolio entsteht nicht durch eine Mutation, sondern weil man früher nicht inaktivierte Viren gebraucht hat zur Impfung, sondern nur abgeschwächte.
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    1. Antwort von SRF, Regula Zehnder
      Sie haben recht. Das Poliovirus wird mit Fäkalbakterien ausgeschieden und kann dann übertragen werden. Nicht die Fäkalien selbst verursachen die Polio. Wir entschuldigen uns für die Ungenauigkeit und haben diese korrigiert.
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  • Kommentar von Armin Meile (MrMele)
    Danke für den logisch nachvollziehbaren Einwand. Es wäre erfreulich, wenn sich mehr Leute kritisch und vor allem neutral mit den Infektionskrankheiten und den Impfungen befassen würden. Das ist nicht ganz einfach, da das Impfen in den Medien in der Regel wie eine heilige Kuh behandelt wird. Warum werden z. B. nie Langzeit-Vergleichsstudien zwischen geimpften und nicht geimpften Personen durchgeführt? Das offizielle Ethik-Argument gilt seltsamerweise bei Zulassungstudien von Medikamenten nicht...
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Eine Langzeitstudie verlangen wo über 90% geimpft sind, ist sachlich unsinnig. Wenn viele geimpft sind kann das Virus gar nicht mehr zirkulieren, d.h. auch die ungeimpften werden nicht angesteckt. Hingegen kennt man die Langzeitverläufe zur Genüge aus Zeiten vor der Impfung und von jetzt. Die Resultate sind eindeutig. Da geht es nicht um "heilige Kühe", sondern um Menschenleben. Wer Kinder mit Atemnot wegen Polio gesehen hat diskutiert nicht mehr um Verschwörungstheorien, sondern impft.
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  • Kommentar von roland goetschi (pandabiss)
    Im Gegensatz zu manch anderen Infektionen ist es nicht ratsam, Polio "durchzumachen", um den Körper abzuhärten. Die Folgen einer Poliomyelitis können grausam sein: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation führt 1 von 200 Polio-Infektionen zu lebenslangen Lähmungen. 5 bis 10 Prozent der Gelähmten sterben, wenn die Atemmuskeln von der Krankheit befallen werden.
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