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Die Kreuzfahrtbranche schreibt Milliardenverluste
Aus 10vor10 vom 13.07.2020.
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Kreuzfahrt-Branche nach Corona «Anlegen in Städten wie Venedig könnte zum Problem werden»

Die Corona-Krise hat das Geschäft mit Kreuzfahrten praktisch lahmgelegt. Tourismus-Experte Jürg Stettler rechnet damit, dass die Pandemie die Branche längerfristig verändert.

Jürg Stettler

Jürg Stettler

Tourismus-Experte

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Er leitet das Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern und setzt sich mit Destinationsmanagement und der nachhaltigen Entwicklung im Tourismus auseinander.

SRF: Die gesamte Tourismusbranche wurde von der Corona-Krise hart getroffen. Inwiefern leidet das Geschäft mit Kreuzfahrten besonders?

Jürg Stettler: Diese Form von Reisen – viele Menschen für lange Zeit auf beschränktem Raum, dazu das Szenario einer Quarantäne ohne Fluchtmöglichkeiten – ist zu Corona-Zeiten besonders problematisch.

Hinzu kommt, dass die Corona-Risikogruppe der Zielgruppe von Kreuzfahrt-Anbietern sehr ähnlich ist. Kreuzfahrten zielen in der Tendenz auf ältere, wohlhabende Menschen. Diese überlegen sich eine Kreuzfahrt nun aber doppelt.

Wie existenzbedrohend ist die Situation für die Branche?

Kurzfristig können viele Anbieter die Krise überstehen. Kreuzfahrten haben in den letzten Jahren stark geboomt und so konnten die Anbieter entsprechende Rückstellungen machen.

Das Problem ist die mittel- und längerfristige Perspektive. Hier sehe ich einen massiven Druck auf die Schifffahrtsgesellschaften zukommen. Es wird entscheidend sein, ob oder wie es staatliche Unterstützungen für die Industrie gibt.

Die Kreuzfahrt im Corona-Jahr

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Wegen der Corona-Pandemie mussten praktisch alle Anbieter ihre Schiffe seit dem Frühling im Hafen lassen.

Die Folgen lassen sich an den Aktien der Marktführer Carnival, Royal Caribbean und Norwegian Cruise Line ablesen: Ihre Kurse sind seit Jahresbeginn um 65 bis 75 Prozent gefallen.

Noch bevor das Virus in Europa festgestellt wurde, waren erste Fälle auf einem Kreuzfahrschiff bekannt: Die «Diamond Princess» wurde im Februar im Hafen von Yokohama unter Quarantäne gestellt. Über 700 Passagiere infizierten sich, 13 Personen starben.

Erste Reeder, unter anderem in Deutschland, haben die Wiederaufnahme des Betriebs in den nächsten Wochen angekündigt.

Im Jahr 2019 haben rund 30 Millionen Passagiere Ferien auf einem Kreuzfahrtschiff gemacht, so die Zahlen von CLIA, dem grössten Kreuzfahrt-Reedereiverband. Laut CLIA hängen über 1,7 Millionen Jobs weltweit an der Kreuzfahrbranche.

Welche Rolle spielt der Imageschaden, welcher durch die Meldungen über die Infektionsherde auf Kreuzfahrtschiffen, entstanden ist?

Das ist schwierig abzuschätzen und vor allem auch abhängig davon, wie sich die Pandemie entwickelt und wann ein Impfstoff verfügbar sein wird. Man muss aber sagen, dass die Kreuzfahrt zuvor schon unter Druck gekommen ist: Mangelnde Nachhaltigkeit oder der Übertourismus – etwa in Destinationen wie Venedig – wurden zunehmend kritisiert.

Dennoch wurden gleichzeitig neue Schiffe gebaut. Dies wird wohl zu massiven Überkapazitäten führen und damit früher oder später auch zu Konkursen.

Venedig und ähnliche Destinationen haben in der Corona-Krise ein völlig anderes Gesicht erhalten – ohne die Touristenmassen in den Strassen. Kann dies zu einer Neuausrichtung führen?

Das ist zu erwarten. Diese Küstenstädte können nun neue Standbeine aufbauen und sind damit weniger abhängig vom Kreuzfahrt-Tourismus.

Dementsprechend könnte es dann neue Regulierungen geben für die Kreuzfahrt, indem beispielsweise eine geringere Zahl an Schiffen pro Tag anlegen darf.

Blicken wir zum Schluss auf die Schweiz. Sie hat auf den ersten Blick wenig Verbindung zur Kreuzfahrt. Gerade hierzulande gibt es aber auch Veranstalter von Flussschiffahrten mit kleineren Schiffen. Sehen Sie hier ähnliche Szenarien?

Innerhalb der Branche kann man sicherlich differenzieren. Ich gehe davon aus, dass Anbieter mit kleineren Schiffen – wie in der Flussschifffahrt – auch in Zukunft existieren.

Für sie ist es leichter, Angebot und Route anzupassen oder ihre Schiffe nachhaltiger zu machen. Anders gesagt: Die kleineren Schiffe werden eher eine Zukunft haben als die ganz grossen Kreuzfahrtschiffe.

Das Gespräch führte Vera Büchi.

Morgengast Radio SRF 1, 15. Juli 2020, 7:20 Uhr;

9 Kommentare

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  • Kommentar von Dietrich Michael Weidmann  (Dietrich Michael Weidmann)
    Ich fürchte leider, dass es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis die Betreiber der Werften (und vor allem die Politiker, die diese jetzt subventionieren) auf die Idee kommen, die begonnenen Kreuzfahrtschiffe in Flugzeugträger und Schlachtschiffe umzufunktionieren... - die Auseinandersetzungen um die letzten Ressourcen des Planeten stehen ja demnächst an... Es wäre jetzt an der Zeit die alten Denkmuster zu überwinden!
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  • Kommentar von Daniel Frei  (daniel.frei9)
    Die Riesenschiffe werden mit fossilen Kraftstoffen betrieben. Die Branche handelt absolut unzeitgemäss und verantwortungslos, denn saubere Abgastechnik ist für sie kein Thema. Von daher sollen diese Dreckschleudern verschrottet werden.
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  • Kommentar von Urs Petermann  (Rhf)
    Und so können wir dem Corona-Virus doch noch etwas verdanken. Schön für die Städte wie Venedig, wenn diese Riesenkähne nicht mehr kommen. Halleluja!
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