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Legende: Audio Das Kokettieren mit wenig Schlaf ist out und ungesund abspielen. Laufzeit 51:54 Minuten.
Aus Doppelpunkt vom 14.05.2019.
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Schlafmedizin Wenig Schlaf ist gefährlich

Warum schlafen wir? Darauf hat die Wissenschaft bis heute keine Antwort. Was man weiss: Wir schlafen seit den 1990er-Jahren pro Nacht 40 Minuten weniger. Das Kokettieren, dass vier oder fünf Stunden Schlaf genügen, weicht aber allmählich dem Bewusstsein, dass genügend Schlaf wichtig ist.

Es gibt kaum ein Interview mit Jean-Claude Biver, in dem der Schlaf kein Thema ist. Er schlafe stets nur vier oder fünf Stunden, sagt der Chef der Uhrenmarken Hublot, Zenith und Tag Heuer: «So habe ich zwei Stunden Vorsprung auf die Konkurrenz.» Biver gibt aber zu, dass er sich tagsüber unterwegs hin und wieder einen Powernap gönnt. Das kann im Wartezimmer des Arztes sein oder auf einem Parkplatz, wenn er mit dem Auto unterwegs ist. Im Betrieb macht er den Powernap auf der betriebseigenen Toilette.

Porträt von Jean-Claude Biver.
Legende: Jean-Claude Biver, Verwaltungsratspräsident der Uhrendivision von LVMH (Hublot, Tag Heuer, Zenith), schläft nur vier bis fünf Stunden pro Nacht. Hublot

Zu wenig Schlaf ist problematisch

Für Theo Wehner, emeritierter Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich, ist das Kokettieren mit wenig Schlaf ein reines Heroisieren. Selbst wer eine Woche lang nur vier oder fünf Stunden pro Nacht schlafe, handle, wie wenn er eine Blutalkohol-Konzentration von einem Promille hätte, so Wehner. Klares Denken und weise Entscheide seien dann kaum mehr möglich.

Porträt von Theo Wehner mit Laptop am Schreibtisch.
Legende: Theo Wehner ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich. Nelly Rodriguez
Sich jahrelang nur vier oder fünf Stunden Schlaf pro Nacht zu gönnen, ist falsches Heldentum. Wer zu wenig schläft, handelt häufig unethisch.
Autor: Theo WehnerProfessor für Arbeits- und Organisationspsychologie, ETH Zürich

Was Wehner besonders nachdenklich stimmt, sind die zwischenmenschlichen Folgen des Schlafmankos: «Wer zu wenig schläft, handelt häufig unethisch.» Unethisch, das heisst: weniger Hilfsbereitschaft, weniger Respekt, die Moral bleibt auf der Strecke. Egoismus, Sarkasmus und Zynismus nehmen zu. Wehner selbst schläft sieben bis acht Stunden pro Nacht.

Nur wer ausgeschlafen ist, kann kreativ sein

Björn Rasch forscht zum Schlaf. Er ist Professor für kognitive Biopsychologie an der Universität Fribourg. In einem Experiment hat er herausgefunden, dass sich Probanden im Schlaf abgespielte holländische Wörter besser merken konnten.

So viel weiss man: Schlaf ist kreativ. Ausserdem regenerieren Hirn und Organe, während wir schlafen. Und der Schlaf ist an den Tag-Nacht-Rhythmus gekoppelt. Durchschlafen ist allerdings eine moderne Erfindung. Wir wachen mehrmals pro Nacht auf. Je älter wir werden, desto bewusster nehmen wir solche Wachphasen wahr.

Porträt von Björn Rasch.
Legende: Björn Rasch ist Professor für kognitive Biopsychologie an der Universität Fribourg. Christian Doninelli, Universität Fribourg
Wir wachen 14 bis 18 Mal pro Nacht auf, das ist völlig normal.
Autor: Björn RaschProfessor für kognitive Biopsychologie an der Universität Fribourg

Schlafgewohnheiten im Mittelalter

Im Mittelalter wurde noch ganz anders geschlafen. Man ging – wie es der Volksmund sagt – mit den Hühnern ins Bett: Sobald es dunkel wurde, legte man sich schlafen. Nach fünf Stunden Schlaf war man für zwei Stunden wach, ass etwas, man unterhielt sich und gönnte sich dann noch einen späten Schlaf am Morgen.

Lerche oder Eule – das ist genetisch

Claudio Bassetti ist Professor für Neurologie und Schlafmedizin am Berner Inselspital. Er ist ein Langschläfer. «Das liegt in meinen Genen», sagt er. Schon sein Vater und sein Grossvater hätten gerne lang geschlafen. Langschläfer, Kurzschläfer – das liegt in unserer DNA. Wer eine Eule ist, kann nicht automatisch zur Lerche werden.

Porträt von Claudio Bassetti.
Legende: Claudio Bassetti ist Professor für Neurologie und Schlafmedizin am Berner Inselspital. Inselspital Bern
Entscheidend ist, wie ausgeschlafen sich der einzelne am Morgen fühlt.
Autor: Claudio BassettiProfessor für Neurologie und Schlafmedizin, Inselspital Bern.

Ein paar Mal nachts bewusst aufzuwachen ist für den Schlafmediziner völlig normal. «Wir müssen die Lage verändern, gehen auf die Toilette», alles im grünen Bereich. «Entscheidend ist, wie ausgeschlafen sich der einzelne am Morgen fühlt.» Häufig wachen wir nachts kurz auf und merken es gar nicht. Alles völlig normal und ein Erbe unserer Evolution. Unsere Vorfahren hatten stets ein waches Ohr, ob irgendwo Gefahr lauert.

Wir dürften den Schlaf nicht unterschätzen, so Bassetti: «Zu wenig Schlaf begünstigt Übergewicht, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz» – also unsere Volkskrankheiten. Schlafentzug soll sich auch negativ auf Krebserkrankungen auswirken. Bassetti ist überzeugt, dass dem Schlaf schon bald die gleiche Wichtigkeit zugesprochen wird wie der Ernährung und der Bewegung.

3 Schlafmythen – wahr oder falsch?

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3 Schlafmythen – wahr oder falsch?
Legende:unsplash/Amy Treasure

Der Schlaf vor Mitternacht ist der gesündere. Wichtig ist der Tiefschlaf in der ersten Schlafhälfte. Wenn man regelmässig um 9 oder 10 Uhr schlafen geht, dann findet der tatsächlich vor Mitternacht statt. Wenn man regelmässig um 1 Uhr schlafen geht, findet er nach Mitternacht statt. Wichtig ist die Regelmässigkeit, ob vor oder nach Mitternacht ist aber egal.

Nachschlafen kann man problemlos. Nach einer durchwachten Nacht schläft man in der Regel tiefer. Allerdings braucht man mehrere Nächte, um das Schlafmanko wieder aufzuholen. Mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger, nachzuschlafen.

Vorschlafen: Ein grosses Fest, ein strenges Wochenende, also schlafe ich vor. Schön wär’s. Man kann zwar ein paar Stunden Schlaf tanken und steckt dann eine Party besser weg. Im Voraus tiefer zu schlafen, geht leider nicht. Ein Mittagsschlaf vorab schadet sicher nicht.

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