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«Wer ist mein Vater, und wo ist er?»
Aus Input Story vom 09.09.2020.
abspielen. Laufzeit 27:51 Minuten.
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Suche nach Angehörigen Peter M* suchte 30 Jahre lang nach seinem Vater

Im Gefängnis geboren und jahrelang auf der Suche nach seinem Vater. Peter M.* erzählt seine spannende Geschichte.

Zum Zeitpunkt der Zeugung von Peter M.* im Jahr 1967 war dessen Vater minderjährig. Als auskam, dass seine Mutter Sex mit einem Minderjährigen hatte, wurde sie «administrativ versorgt». Das heisst, sie wurde schwanger ins Frauengefängnis Hindelbank gesteckt, ohne Gerichtsurteil. Peter M. kam im Gefängnis zur Welt und verbrachte die ersten zwei Jahre seines Lebens dort.

Flucht nach Spanien

Für die Familie seines Vaters, die in den 60er Jahren aus dem katholischen Spanien in die Schweiz gekommen ist, war die Schwangerschaft eine Tragödie. So schlimm, dass die ganze Familie Hals über Kopf zurück ins Heimatland reiste. Damit verlor sich die Spur des Vaters.

Die Kinder- und Jugendzeit von Peter M. war belastet durch einen gewalttätigen, alkoholabhängigen Stiefvater und eine psychisch instabile Mutter, die ihrerseits bereits eine schwierige Kindheit hatte. Zuflucht fand er bei seiner Grossmutter. Der Vater hatte eine grosse Lücke hinterlassen.

Ich wollte unbedingt herausfinden, wer mein leiblicher Vater war, der mir in meiner Jugendzeit hätte beistehen können.
Autor: Peter M.Suchte 30 Jahre nach seinem Vater

Nach einer Lehre als Metzger, kam in ihm der starke Wunsch auf, seinen Vater zu suchen. «Ich wollte unbedingt herausfinden, wer mein leiblicher Vater war, der mir in meiner Jugendzeit hätte beistehen können und für mich ein Vorbild und der Fels in der Brandung gewesen wäre. Es war ein Sehnen nach Geborgenheit», sagt Peter M. heute.

Eine schier unmögliche Suche

Peter M. hatte lediglich eine Information: sein leiblicher Vater ist Spanier und heisst Juan. Seine Mutter und seine Verwandten verrieten ihm sonst nichts.

Die Behörden liessen ihn ebenfalls im Stich. Da ihn sein Stiefvater adoptiert hat, sass er an einem kurzen Hebel. Zudem blieben ihm behördliche Informationen über seine Mutter verschlossen. Das widerrechtliche Wegsperren der Mutter war der Grund, weshalb er auch von den Ämtern keine Informationen erhielt.

«Ich hatte keine Chance, an Informationen über meinen Vater heranzukommen», sagt Peter M. Es sei jahrelang ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen und habe ihn enorm belastet.

Warum ist die Suche nach der Familie so wichtig?

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Der Familienforscher der Universität Freiburg, Dominik Schöbi, erklärt warum es so wichtig ist, die ganze Familie zu kennen:

«Die Familie zeichnet sich durch enge Beziehungen ihrer Mitglieder untereinander aus. Fehlt ein Familienmitglied, dann ist sie als System nicht mehr vollständig, ihre Einheit gestört.

Die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern sind die längsten. Sie beginnen mit der Geburt, bzw. bereits im Bauch der Mutter. Die Rollenverteilung innerhalb der Familie ist explizit und implizit gegeben.

Jedes Mitglied spielt verschiedene Rollen gleichzeitig. Diese können sich im Verlaufe der Zeit verändern. Sie spielen aber auch auf Distanz, wenn beispielsweise die Kinder ausgezogen sind.»

Der SRK Suchdienst wird aktiv

2008 kontaktierte Peter M. den Suchdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Dieser klopfte bei verschiedenen Ämtern an. Auch für das SRK bliebt diese Suche zuerst auch erfolglos.

Der SRK Suchdienst

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Die Anfänge des SRK Suchdienstes gehen bis in die Zeit von Henry Dunant zurück: Auf dem Schlachtfeld von Solferino hatte Dunant die letzten Worte von Sterbenden entgegengenommen, um sie an die Angehörigen weiterzuleiten.

Mit dem Ersten Weltkrieg (1914 - 1918) wurde die Suche nach vermissten Menschen global und ist es seither geblieben. Was den Suchdienst des SRK einmalig macht, ist der Umstand, dass er in einem weltweiten Netz aller Rotkreuz- und Roter Halbmond- Organisationen agiert.

2019 eröffnete er 532 neue Fälle. Er ist jährlich mit rund 1000 Suchanfragen beschäftigt. Auch das Internet hilft bei der globalen Suche nach Vermissten, mit der Einschränkung, dass nicht alle Menschen jederzeit Zugang zum Netz haben.

Erschwerend kam noch hinzu, dass Peter M.’s Vormundschaftsakten, sowie Informationen zu den Vaterschaftsabklärungen wegen einer Überschwemmung des Gemeindearchivs verloren gegangen sind.

Für Peter M. war es ein Wechselbad der Gefühle. Jeder Schritt in der Suche gab ihm Hoffnung, und jede verschlossene Türe gab ihm ein Gefühl von grosser Resignation.

Ein Stolperstein und dann der Erfolg

Die «Administrative Versorgung» war eine öffentlich-rechtliche Zwangsmassnahme in der Schweiz. Angwendet wurde sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1981. Praktiziert wurde sie, wenn die Gesellschaft mit bestimmten Individuen nicht zurechtkam. Im Zuge der offiziellen Aufarbeitung dieser widerrechtlichen Praxis öffneten sich die Archive.

Nun standen die Wege offen, die es ermöglichten, die Akten zu sichten, die schlussendlich die entscheidenden Informationen lieferten: ein vollständiger Name, ein Geburtsdatum, etc.

Erfolg dank spanischem Roten Kreuz

Mit Hilfe des spanischen Roten Kreuzes fand man schliesslich den Vater. Nur: Er wollte mit seinem Sohn keinen Kontakt aufnehmen. Ein herber Rückschlag. Die ganze Suche schien vergeben.

Das erste Treffen mit meinem Vater im Herbst 2019 gehört zu den schönsten Erlebnissen in meinem Leben.
Autor: Peter M.Suchte 30 Jahre nach seinem Vater

Durch gutes Zureden von dessen Frau, liess er sich aber doch noch umstimmen. «Das erste Treffen mit meinem Vater im Herbst 2019 gehört zu den schönsten Erlebnissen in meinem Leben», sagt Peter M. heute. «Und wir holen das nach, was wir miteinander verpasst haben.»

(*Name der Redaktion bekannt)

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Rochus Schmid  (Rochus Schmid)
    Eine sehr schöne Geschichte. Und die „Heldin“ ist die spanische Frau des Vaters die es vormacht wie „auf das Herz hören“ die Menschen zusammenführt.
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    1. Antwort von Remo Fischer  (remi22)
      "auf das Herz hören"? eher auf die Frau hören.
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  • Kommentar von Toni Stark  (Toni Stark)
    In 30 Jahren lesen wir dann die Geschichten der adoptierten Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren. Eigentlich müssten wir es besser wissen, aber es ist politisch nicht opportun gegen die Ehe für Alle zu sein.
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    1. Antwort von Felicia Mändli  (Felicia)
      Zweifel an neuen Strukturen sind auch heutzutage durchaus angebracht. Im Fall von Kindern von gleichgeschlechtlichen Paaren gibt es allerdings schon erste Dokumentationen und Studien (z.B. Children of Lesbian and Gay Parents von C. Patterson), die die Entwicklung dieser Kinder untersuchten und zum Schluss kamen, dass diese Kinder keinerlei Defizite haben oder erfahren. Deshalb handelt es sich bei Ihrem Kommentar nicht um Kritik, sonder um Homophobie, das ist zum Glück politisch nicht opportun!
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  • Kommentar von Samuel Herrmann  (Samuel Herrmann)
    Viele Menschen wie Peter M. haben das Bedürfnis nach Kontakt zu den leiblichen Eltern. Steht das nicht im Kontrast zum Recht auf Adaption von gleichgeschlechtlichen Paaren? So wie ich das verstehe würden absichtlich solche Familienkonstellationen erschaffen, obwohl die Kinder dann möglicherweise doch eine Sehnsucht zu den biologischen Eltern haben.
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