Wer gesund lebt, soll weniger Krankenkasse zahlen – ist das fair?

Fitness-Armbänder und Gesundheits-Apps messen Gesundheit und Lebensstil. Die Krankenkassen sind an diesen Daten brennend interessiert. Doch würden Sie Ihre Gesundheits-Daten preisgeben – für einen Prämien-Rabatt? Soll, wer ungesund lebt, auch mehr Prämie bezahlen? Die «Forum»-Diskussion zum Thema.

Schrittzähler, Fitness-Armbänder und Smartwatches liegen voll im Trend. Neben dem Puls zählen diese Geräte Schritte und Kalorien, messen den Blutdruck und die Schlafqualität oder zeichnen die Jogging-Distanz auf. Und der Trend ist nicht aufzuhalten: Bald wird es möglich sein, mittels Sensoren unter der Haut das Blut zu analysieren, ohne eine Blutprobe nehmen zu müssen.

Wer gesund lebt, erhält Rabatte

Mit diesen neuen Technologien kommen die Krankenkassen erstmals ohne grossen Aufwand an Daten über unseren Lebensstil und Gesundheitszustand. Ein erster Schritt in Richtung Überwachung ist bereits getan: Als erste Versicherung Europas sammelt die CSS in einem Pilotprojekt mittels Schrittzähler die Bewegungsfreudigkeit von 2000 Kunden. In Deutschland sind ähnliche Projekte in Planung.

Die längerfristige Idee dahinter: Künftig könnten unsere Gesundheitsdaten Einfluss auf die Höhe der Prämie haben. Wer gesund lebt, kriegt Rabatte. Wer keine Gesundheitsdaten preisgibt oder ungesund lebt, riskiert dereinst eine höhere Prämie. Obwohl in der Schweiz die Nutzung solcher Gesundheitsdaten erst in der Zusatzversicherung erlaubt sind, ist absehbar, dass die Kassen diese auch in der Grundversicherung nutzen wollen.

«Persönliches Gesundheitsmonitoring mit digitalen Tools macht durchaus Sinn. Doch dass mir eine Versicherung vorschreibt, was «gesundes» Verhalten ist und was nicht, zeugt von einem veralteten Menschenbild.»

Pro und Kontra: Die Experten

Felix Schneuwly. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Krankenkassen-Experte: Felix Schneuwly. zvg

Einer der Experten im «Forum» ist der Krankenkassenexperte Felix Schneuwly, der die Abteilung Public Affairs bei Comparis leitet. Er befürwortet die Idee, dass ein gesunder Lebensstil belohnt werden soll: «Ein Prämienrabatt für gesundes Verhalten oder eine höhere Kostenbeteiligung bei ungesundem Verhalten ist für mich der richtige Weg – das sollte künftig auch in der Grundversicherung möglich sein.»

Generell sind Befürworter der Meinung, dass es unsolidarisch sei, wenn jemand, der sich sportlich betätigt und auf seine Gesundheit achtet, für jene zahlen muss, die rauchen, trinken und keinen Sport treiben. Der Druck, Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, werde künftig massiv steigen.

Ruth Baumann-Hölzle. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle. zvg

Anderer Meinung ist Ruth Baumann-Hölzle, Medizin-Ethikerin in der Stiftung Dialog Ethik und Theologin: «Krankheit darf nicht zur Schuld werden», sagt sie. Die Solidarität zwischen Gesunden und Kranken sei ein Grundstein unseres Gesundheitssystems.

Auch andere Ethiker und Soziologen befürchten gesellschaftliche Folgen: Mit der Datensammelwut würden kranke, gebrechliche Menschen diskriminiert. Entweder wären sie gezwungen, dem Fitness-Wahn zu folgen, oder sie müssten mit einer höheren Prämie rechnen. Zudem werde masslos überschätzt, wie viel wir durch unser eigenes Verhalten steuern können.

Andrea Belliger Krieger. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Expertin für Digitale Gesundheit: Andrea Belliger Krieger. zvg

Ebenfalls am «Forum»-Diskussionstisch steht Andrea Belliger Krieger, Expertin für digitale Gesundheit an der PH Luzern. Ihre Meinung: «Persönliches Gesundheitsmonitoring mit digitalen Tools macht durchaus Sinn. Doch dass mir eine Versicherung vorschreibt, was ‹gesundes› Verhalten ist und was nicht, zeugt von einem veralteten Menschenbild.»

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