Wie die Muttersprache schon bei Babys zu hören ist

Forscher haben herausgefunden, dass chinesische und deutsche Babys anders weinen. Denn schon Mutterleib hören die Babys der Stimme ihrer Mutter zu.

Kinder werden schon im Mutterleib sprachlich geprägt. Seit 30 Jahren beschäftigt sich die promovierte Verhaltensbiologin Kathleen Wermke mit dem Babygeschrei. Sie leitet am Uniklinikum Würzburg das Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen der Poliklinik für Kieferorthopädie.

2009 veröffentlichte sie zusammen mit anderen Forschern eine Studie mit der Frage, wie stark die Muttersprache die ersten Babylaute beeinflusst. Das ging so: Während mehreren Monaten hat ein Wissenschaftlerteam das Weinen von europäischen Babys aufgenommen. Im Vergleich wurden Babylaute von 55 Neugeborenen aus Peking und 21 Babys aus Kamerun aufgezeichnet.

Die Forscher haben festgestellt, dass die Babys bereits im Mutterleib auf die Stimme der Mutter hören. Sie versuchen so nicht nur den Kontakt zur Mutter aufzunehmen, sondern erfassen die Melodie und den Rhythmus der Muttersprache. Diese Eigenheiten bauen sie dann in die eigenen Babylaute ein, weiss die Forscherin Kathleen Wermke: «Es ist wie eine Art Gedächtnisspur die gelegt wird, sodass sich Babys nach der Geburt daran erinnern, was sie im Mutterleib gehört haben.»

Bereits Neugeborene imitieren mit Schreien die Melodie der Sprache der Mutter. Je nach Kultur schreien die Säuglinge in unterschiedlichen Tonlagen mit unterschiedlicher Bedeutung.

Tonale Sprache in China und Afrika

Tonale Sprachen bestimmen die Bedeutung von Wörtern. Das Weinen gleicht wie einem Singsang und zeigt eine deutlich stärkere melodische Variation, verglichen beispielsweise mit deutschen Neugeborenen, sagt Kathleen Wermke: Die Stimme moduliere auf und ab, macht einen Bogen nach oben und unten. «Sie gibt der Sprache dadurch immer wieder eine neue Bedeutung.» So benötigt es vier charakeristische Töne, um Mandarin zu sprechen.

Die Sprache der Nso

Deutlich komplizierter ist die Sprache des Nso Stammes im Nordwesten Kameruns. Die Muttersprache Lamnson hat gleich acht Tonvariationen und ist also noch ausgeprägter.

Französische Babys schreien wie Edith Piaf

In nicht tonalen Sprachen können wir ein Wort auf verschiedenen Tonebenen sagen und es habe immer die gleiche Bedeutung, erklärt Professorin Kathleen Wermke. Einziger Unterschied: Die Franzosen gehen eher mit der mit der Stimme nach oben, die deutsche Muttersprache drückt sich nach unten aus.