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Wirte finden keine Nachfolger Wenn die letzte Dorfbeiz schliesst

Ende Jahr ist «Uustrinkete» im Restaurant Jura im Fricktal. Das langjährige Wirtepaar mag nicht mehr und findet keinen Nachfolger. Diese Geschichte ist beispielhaft für das Beizensterben auf dem Land. Mit jeder Beiz geht ein sozialer Treffpunkt für Bevölkerung und Vereine verloren.

Wenn man Schliessungen und Neueröffnungen zählt, bleibt per Ende 2017 ein Minus von 856 Gastrobetrieben. Das ist dreimal mehr als im Vorjahr. Ein Grund für das Beizensterben seien veränderte Lebens und -Konsumgewohnheiten, sagt Casimir Platzer, Präsident von GastroSuisse. Es findet eine Verlagerung vom Dorf in die Stadt und die Agglomeration statt. Ein weiterer, wichtiger Grund: Viele altgediente Beizer haben ein Nachfolgeproblem. Jüngere Generationen wollen diesen Knochenjob nicht mehr verrichten.

Wenn die Leute nur noch zum Schlafen ins Dorf kommen, wird das Überleben schwierig für die Dorfbeiz.
Autor: Casimir PlatzerPräsident GastroSuisse
Ein Mann in Anzug und Krawatte.
Legende: Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse: «Es findet eine Verlagerung vom Dorf in die Stadt und Agglomeration statt.» Reuters

Beispielhaft dafür ist die Geschichte des über hundertjährigen Restaurants Jura im Fricktal: Das Wirtepaar Margrit und Eugen Wildhaber mag nach 34 Jahren nicht mehr.

Wir haben auf vieles verzichtet in all diesen Jahren. Jetzt möchten wir das Leben noch etwas geniessen.
Autor: Margrit WildhaberWirtin im Restaurant Jura

Ein Nachfolger ist nicht in Sicht, und auch die beiden Töchter haben andere Pläne. Das Jura wird Ende Jahr schliessen, wenn nicht noch eine Lösung gefunden wird. Das Dorf verliert seine einzige Beiz. Die grösste Sorge des Wirtepaars sind die Vereine im Dorf, die bald heimatlos sein werden.

Dorfbewohner retten ihren Treffpunkt

Wie eine Dorfbeiz gerettet werden kann, zeigen Beispiele wie der Sternen in Detligen BE und der Weisse Wind in Freienwil AG. Dank engagierten Dorfbewohnern konnten diese Treffpunkte vor dem Untergang gerettet werden. Die Ausgangslage war bei beiden Beispielen die gleiche: Die Wirte der Traditionsbeizen waren alt und müde geworden und mochten nicht mehr wirten. Eine Nachfolge war nicht in Sicht. Der Plan in beiden Fällen: Beiz abbrechen und Wohnhäuser bauen auf dem Grundstück.

Dieses Haus hat mich schon immer fasziniert. Es traf mich schon der Schlag, als ich hörte, dass es abgerissen werden sollte.
Autor: Stefan HurniVerwaltungsratspräsident der Sternen Detligen AG

In Detligen gründete der Landwirt und Gemeinderat Stefan Hurni mit gleichgesinnten eine IG (Interessengemeinschaft) zur Rettung des Sternen. Die Resonanz aus der Bevölkerung sei gross gewesen, sagt Hurni. Man habe dann im Nu eine Million Franken aufgetrieben für den Kauf des Sternen, dann sei auch die Gemeinde eingestiegen. Aus der IG wurde eine AG, die den Sternen kaufte und seit Oktober 2017 führt. Vorher musste die Beiz renoviert werden, was dank unzähligen Freiwilligeneinsätzen und dem lokalen Gewerbe vonstatten ging. Heute ist der Sternen, dieses stattliche Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert mit seinem Säli, dem Festsaal und der rustikalen Gaststube, ein beliebter Treffpunkt. Nicht nur für die Menschen und Vereine aus dem Dorf, sondern aus der ganzen Umgebung. Heute werden im Sternen sogar wieder Hochzeiten gefeiert.

Der Weisse Wind wird genossenschaftlich geführt

Das Dorf Freienwil AG und seine letzte Beiz, der Weisse Wind, sind derart pittoresk, dass sie auch schon Schauplatz für den «Bestatter» waren. Trotzdem drohte der Beiz der Abbruch. Dies wollten der Freienwiler Historiker Urs Rey und ein paar Gesinnungsgenossen nicht akzeptieren. Sie gründeten eine Genossenschaft, trieben Geld auf und konnten die Beiz schliesslich kaufen.

Wir haben uns zusammengetan, weil wir finden, der Weisse Wind sei für unser Dorf mehr als das letzte Restaurant, sondern auch das Zentrum unserer Gemeinde. Das kann man doch nicht einfach ausradieren.
Autor: Urs ReyEx-Präsident Genossenschaft Weisser Wind

Nach aufwändigen Umbauarbeiten wurde der Weisse Wind im März 2018 mit einem dreitägigen Volksfest wiedereröffnet. Das Haus beherbergt heute neben der Beiz auch eine KiTa, und im Saal veranstaltet ein Kulturverein monatlich Konzerte und Lesungen.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Tobias Humm (thumm)
    Wenn ich in der Bildauswahl das Foto der Speisekarte betrachte, komme aich auf die Idee, dass diese Beiz nicht umsonst zugegangen ist. Wer Schweins Cordon Bleu als Fitnessteller verkauft, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Das ist schwere Kost und hat mit Fitnessteller rein gar nichts zu tun. Beizer müssen dazulernen, sich in einem beweglichen Umfeld bewegen und nicht denken, was vor 100 JAaren gut war, sei immer noch billig.
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  • Kommentar von Rochus Schmid (Rochus Schmid)
    Die Beispiele "Sternen" und "Weisser Wind" zeigen, dass "Kommunismus im Kleinen" eine gute Sache ist. So gibt es auch schon seit Jahrhunderten Alp-und Wald Kooperationen. Nicht Gewinnmaximierung ist das Ziel, sondern Gewinn für das lokale Leben. Aus der Frage:"was machen wir mit UNSEREM Gasthaus" entstehen dann so gute Ideen wie am Tag Kindertagesstätte und am Abend Kulturprogramm.
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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Ursache sind in erster Linie die viel zu hohen Miet/Pachtpreise und die fehlende Möglichkeit im Ausland einzukaufen. Dazu kommen so Absurditäten wie das Rauchverbot, dass vielen Büezerbeizen den Garaus beschert hat. Auch die Senkung auf 0.5 Promille (ich sage nicht man soll besoffen Auto fahren!) tut ihr übriges dazu. Somit ist das Beizensterben auf unsere Politiker und deren lammfrommen Ja-Sager zurückzuführen. Dis Schweiz macht sich selber kaputt!
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