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Spatzenhirn? Von wegen! Darum baut der Spatz Zigaretten in sein Nest

Man hört ihn vor dem Fenster zwitschern, sieht ihn Brotsamen picken und schenkt ihm doch kaum Beachtung: Der Haussperling – umgangssprachlich Spatz – wird oft als Allerweltsvogel unterschätzt. Dabei ist er ein Überlebenskünstler. Diese vier Fakten zeigen den Spatz in neuem Licht:

1. Spatzenhirn? Eher cleveres Köpfchen!

Hinter dem bescheidenen Äusseren des Spatzen steckt ein cleveres Köpfchen. «Er ist hochintelligent, sehr neugierig und schafft es so, in unserer dynamischen Welt zurechtzukommen», erklärt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach.

So wurden Spatzen beispielsweise schon dabei beobachtet, wie sie automatische Türen überlisten: Sie fliegen gezielt vor den Bewegungssensor, warten, bis die Tür sich öffnet und huschen dann hindurch. «Die Vogelwarte kriegt immer wieder Anrufe, weil ein Spatz sich verfliegt», so Rey.

Ein Spatz füttert seinen Nachwuchs in einem Garten.
Legende: Hausspatzen sind sehr soziale Vögel, die meist in Kolonien unterwegs sind und über verschiedene Rufe kommunizieren. Keystone/Steffen Schmidt

Ein anderes Beispiel: Spatzen zupfen Blätter mit ätherischen Ölen aus Kräutergärten, um sie in ihre Nester zu flechten und so Parasiten zu vertreiben. «Manche Spatzen gehen sogar noch weiter: Sie legen Zigarettenstummel in ihre Nester, um diese Eindringlinge auszuräuchern.»

2. 10'000 Jahre an der Seite des Menschen

Die Geschichte des Spatzen ist eng mit jener des Menschen verbunden. Einst ein Zugvogel, erkannte er in der Sesshaftwerdung unserer Gesellschaft eine neue Chance und frass die angebauten Körner. «Er hat sich genetisch an den Menschen angepasst und einen kräftigeren Schädel und Schnabel entwickelt», sagt der Vogelexperte.

Ein Spatz sitzt auf einem Brotkörbchen an einer Bar mit einem Stück Brot im Schnabel.
Legende: Von manchen geliebt, von manchen gehasst: Der Hausspatz ist in der Schweiz vielerorts anzutreffen. Keystone/Martial Trezzini

Inzwischen lebt der Spatz seit rund 10'000 Jahren an der Seite des Menschen – und zwar so nah, wie kaum ein anderer Wildvogel. «Wo es Menschen gibt, hat es Spatzen und wo es keine Menschen gibt, hat es meist auch keine Hausspatzen.»

3. Auch im Regenwald flattert er

Spatz ist nicht gleich Spatz: Weltweit gibt es über 40 verschiedene Arten. So sind auch im Regenwald, auf einem winzigen Eiland im Indischen Ozean oder in der Wüste von Zentralasien Spatzen zu finden. In Europa ist der Haussperling – umgangssprachlich Hausspatz – am häufigsten verbreitet.

Ein Spatz fliegt auf einen Balkon in Berlin-Mitte, aufgenommen von unten.
Legende: Die Versiegelung von Flächen machen dem Haussperling zu schaffen: Er braucht Nischen, um zu brüten. Keystone/DPA/Anette Riedl

Allerdings ist seine Population in vielen Städten stark geschrumpft: In Paris beispielsweise ist er in den vergangenen 15 Jahren um fast 90 Prozent zurückgegangen. «Die wilden Ecken fehlen. Bei Gebäuden gibt es meist keine Nischen mehr, in denen er brüten kann», so Livio Rey.

4. Der Spatz ist in aller Munde

Über den kleinen Vogel gibt es unzählige Redewendungen. «Was uns nah ist, kommt häufig in der Sprache vor», erklärt SRF-Mundartexperte Markus Gasser. Einige Beispiele:

«Drecksspatz»: Viele Vögel machen ein Staubbad, um ihr Gefieder von Parasiten zu reinigen. Diese Angewohnheit ist zum Ausdruck geworden, weil wir den Spatz häufig dabei sehen.

«Spatz von Paris»: Die französische Sängerin Edith Piaf war nur 1,47 Meter gross, was ihr den Spitznamen «La Môme Piaf» einbrachte. Während «La Môme» so viel wie «die Kleine» heisst, ist «Piaf» umgangssprachlich für Spatz.

Porträt von Edith Piaf in Schwarzweiss.
Legende: Der «Spatz von Paris»: So nannte man die französische Chanson-Sängerin Edith Piaf. Keystone/EPA Photo/AFP/Str

«Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach»: Früher ass man vermehrt Wildvögel. Beim Spatz ist weniger Fleisch am Knochen, aber immerhin hat man etwas Kleines zu essen.

«Mit Kanonen auf Spatzen schiessen»: Im Jahr 1871 hat man im Deutschen Reich diskutiert, ob die Jesuiten als religiöse Gemeinschaft eine Gefahr für den Staat seien. Ein Graf soll damals gesagt haben, dass er sie nicht für gefährlich halte und keine Lust habe, mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen. Seither nutzen wir die Redewendung, wenn grosser Aufwand für ein verhältnismässig kleines Problem betrieben wird.

Radio SRF 1, Treffpunkt, 15.4.2026, 10:00 Uhr

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