48 Stunden im Truck: Wenn die Kabine zur Wohnung wird

Input besucht eine Welt, von der wir Konsumenten täglich abhängig sind, aber selten Einblick kriegen: Wir sind mit tonnenweise Ware unterwegs. Schlafen in der Kabine. Essen, was Raststätten hergeben. Erleben Stress, Stau, Kameradschaft und Leidenschaft für einen Beruf, der viel abverlangt.

Von der Ladung zum Bett: Der LKW von innen

Er ist mir auf den ersten Blick sympathisch: Ruedi Bühler (58) ist seit rund 20 Jahren als Lastwagenfahrer unterwegs. Mit ihm werde ich die nächsten 48 Stunden verbringen.

Etappe 1: Von Rothrist nach Airolo

Der Plan ist, rund 24 Tonnen Papier nach Bologna zu fahren und mit einer Ladung Blumen wieder in die Schweiz zu kommen.

Ruedi zeigt mir seine Kabine, die er seine Zweitwohnung nennt: Standheizung, Klimaanlage, Kühlschrank, zwei bequeme Betten hinter den Sitzen.

Das ist Ruedis Reich. Hier lebt er von Montag bis Freitag - oder Samstag. Man weiss nie, wann man von einer Fuhr zurück ist.

Es gibt viel zu sehen: Einmal Schweiz-Italien retour

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Input auf LKW-Tour

Input hat Lastwagenfahrer Ruedi Bühler begleitet. Die Sendung dazu gibt's hier zum herunterladen und unterwegs hören.

Ob es meinetwegen, der Radiofrau so aufgeräumt ist? Wenn ich im Auto auf Reisen bin, sieht es schon nach einem Tag aus, als ob weiss ich nicht was eingeschlagen hätte. Ich habe mir klischeehaft Pin-Up Girls an den Wänden und Kippen am Boden vorgestellt. Bei ihm sei es immer ordentlich und sauber, sagt Ruedi und lacht.

Wenn der Tachograf das Essen bestimmt

Ruedi war in seinem ersten Leben Beizer. Kochen und gut essen tut er heute noch für sein Leben gern, erzählt er auf dem Weg von Rothrist Richtung Gotthard. Dann beginnt er zu fluchen: Der digitale Tachograf macht ihm einen Strich durch seine Abendpläne.

Der digiale Tachograf Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der digitale Tachograf... ...weiss ALLES über Ruedi. Nun gut, fast alles. SRF

Der Tachograf weiss ganz genau, wann Ruedi wo wie schnell unterwegs war, wann er wie lang Pause gemacht hat, wann er wie lange gearbeitet hat. Hat er zu spät oder zu kurz Pause gemacht und wird von der Polizei kontrolliert, gibt's eine fette Busse.

Eigentlich eine gute Sache, denn wer will schon übermüdete LKW-Fahrer auf der Autobahn?

Andererseits, sagt Ruedi, könnte er jetzt locker noch eine Stunde bis nach Stabio an der schweizerisch-italienischen Grenze fahren.

Dort wären seine Kollegen. Dort wäre eine Beiz, die er sehr mag. Stattdessen machen wir bei der Raststätte bei Airolo Feierabend. Es gibt Gnocchi und Salat, schmeckt beides ganz gut. Fleisch isst Ruedi nicht unterwegs, er hat seine Vorstellungen, wie es zubereitet sein soll.

Feierabend nach einem 15 Stundentag auf der Raststätte

Ruedi in der Kabine mit Sitz und Bett. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Bett gleich neben dem Arbeitsplatz: Hinter Ruedis Sitz steht sein Bett. SRF

Per Zufall treffen wir Kollegen von Ruedi an, die ebenfalls hier essen. Ruedi freut sich.

Wer einen Job wie Ruedi macht, ist auf gute Kollegen angewiesen. Sie sind es, mit denen er sein Znacht isst. Mit ihnen schlägt er noch ein, zwei Stündlein tot, bevor es ins Bett geht. Ein paar Zigis rauchen, übers Leben und die Arbeit reden. Nur sie verstehen, was es bedeutet, ständig auf Achse zu sein, weit weg von Familie, Freunden, Zuhause.

Für die meisten von uns ist nach acht Stunden Feierabend. Für LKW-Fahrer dauert ein Tag 13 bis 15 Stunden, wovon höchstens zehn reine Fahrtzeit sein dürfen. Das ist legal. Den Rest verbringen sie am Zoll oder beim ein- und ausladen.

Feierabend bedeutet für Ruedi nicht Kino, Konzert oder Lieblingsbar mit Kumpels. Sondern essen und dann Licht aus auf irgendwelchen Rastplätzen.

Das Bett auf Rädern

Reenas Bett Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mein Bett In diesem Bett, etwa vier Meter über dem Boden, werde ich die nächsten beiden Nächte schlafen. SRF

Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wo zwei Menschen in einer LKW-Kabine übernachten sollen. Ich staune über die beiden sehr bequemen Betten, die übereinander hinter den Sitzen stehen. Sie sind 1.90 Meter lang und etwa einen halben Meter breit.

Nach 22 Uhr löschen wir das Licht. Ich bin fix und fertig. Den Wecker hab ich auf 4.40 Uhr gestellt, da wir nach fünf Uhr früh weiterfahren.

Es sind lange Arbeitstage und kurze Nächte als Truckfahrer. Ich bin froh, hat Ruedi so einen modernen Truck. In weniger komfortabel ausgerüsteten LKWs ohne Standheizung würden wir frieren.

Etappe 2: Von Airolo via Reggiolo nach Como

Nach einer Nacht in der Kabine auf einer Raststätte bei Airolo geht es weiter nach Italien. Allerdings gibt es eine Planänderung: Wir fahren nicht nach Bologna, sondern nur bis Modena. Dort stellen wir den Anhänger mit dem Papier ab. Danach geht es nach Reggiolo um 28 Tonnen Stahl zu laden.

Planänderungen gehören zum Alltag von Ruedi. Er weiss nie, was seine nächste Ladung sein wird und wohin sie ihn führt. Das macht sein Leben fast nicht planbar.

Freitagabend nach Feierabend einen Tisch in der Lieblingsbeiz reservieren um mit der Freundin essen zu gehen? Zu riskant. Gut möglich, dass er erst Samstagmittag von der Fuhr nach Hause kommt. Selbstbestimmt planen sieht anders aus.

Alle wollen die Ware, aber niemand die LKWs

Unterwegs fällt mir auf, wie wenig Rücksicht auf die LKWs genommen wird. Alle wollen alles und zwar so billig wie möglich. Nur die Lastwagen wolle niemand, sagt Ruedi. Ihnen werde die Schuld am Stau gegeben, nur fahre er ja nicht zum Spass mit dem LKW herum. Autofahrer würden sich auch gerne mit Lastwagen anlegen: Er werde unterwegs immer wieder ausgebremst.

Das Ding mit dem Puff

Unterwegs treffen wir seine Kollegin Brigitte Wisler an. Sie ist selbständige Lastwagenfahrerin. Die 33-Jährige muss Eier aus Stahl haben. Wobei heute viel zahmere Fahrer unterwegs sein müssen als früher. Früher seien richtig raue Typen unterwegs gewesen, sagt die Chaffeuse. Erst Saufen, dann Puff und am nächsten Tag weiterfahren. So krass gehe es heute nicht mehr zu, sagen Ruedi und Brigitte.

Das Puff komme für ihn nicht in Frage, sagt Ruedi, der glücklich mit seiner Freundin zusammen ist. Brigitte ist schon im Puff gelandet. Aus Versehen, sagt sie und lacht laut. Sie wollte noch was trinken gehen, die Bar hat zugemacht, also sei sie ein Haus weiter und habe erst dann gemerkt, wo sie gelandet sei.

Die Route

Hilfe, ich fange an zu riechen!

Heute Abend übernachten wir bei Como. Zum Znacht teilen Ruedi und ich uns eine herrliche Pizza in einem Restaurant, das Ruedi sehr mag.

Duschen können wir heute nicht. Gestern gab es Duschen auf der Raststätte. Da, wo es uns heute hin verschlagen hat, ist nur Katzenwäsche möglich, auf der Toilette der Beiz. So ist es eben im Truckerleben: Man weiss nie, wohin es einen verschlägt.

Etappe 3: Von Como über Birr zurück nach Rothrist

Heute Morgen geht es wieder los in aller Herrgottsfrühe Ich habe den Wecker wieder auf 4.40Uhr gestellt und es gibt wieder eine Planänderung: Es kommt ein dringenderer Auftrag rein, also bleibt der Stahl in Como stehen. Wir holen Waren für verschiedene Firmen in Luzern und im Aargau ab. Fahren wieder durch den Gotthard. Fahren nach Beromünster, Lupfig, Birr, Klingnau.

Ruedi, der Gentleman-Gourmet-Trucker

Am Nachmittag sind wir wieder in Rothrist. Die 48 Stunden mit Ruedi sind vorbei. Ruedi, der Gentleman-Gourmet-Trucker, der die wilden Zeiten noch erlebt hat und nach Moldawien, Weissrussland und Albanien gefahren ist.

Ob er nochmals diesen Beruf erlernen würde, wenn er jung wäre? «Nein, sicher nicht!» Stress und Stau im Alltag und in der digitalisierten Zukunft ist mehr Computer im Truck als Fahrer. Nein, darauf hat er keine Lust.

Wobei er schon gerne mit dem Truck unterwegs ist. Wir wären gerne nach Albenga gefahren, um Blumen zu holen. Wer weiss, vielleicht das nächste Mal!

Die ganze Reise könnt ihr euch hier anhören.

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