Zum Inhalt springen
Inhalt

Ein Jahr nach #metoo «Die lügt doch, die Schlampe!»

Ob Kavanaugh oder Ronaldo: Werden bekannte Männer der Vergewaltigung beschuldigt, ist eine bestimmte gesellschaftliche Reaktion garantiert – die der Falschbeschuldigung. Psychotherapeut Jan Gysi erklärt, wie verbreitet sogenannte Vergewaltigungsmythen sind und wie sie den Opfern schaden.

Legende: Audio INPUT KOMPAKT Vergewaltigt: «Warum hast du nicht geschrien?» abspielen. Laufzeit 16:01 Minuten.
16:01 min, aus Input vom 17.10.2018.

Scham ist ein Grund, warum die meisten Opfer schweigen. Ein anderer Grund ist fehlendes Vertrauen. Opfer müssen sich oft rechtfertigen, weil sie Vorurteilen ausgesetzt sind.

«Sie hat es doch gewollt!»

Aussagen wie «Sie hat es doch gewollt!», « Wie viel hat sie getrunken?», «Warum kommt sie erst jetzt damit?» oder «Das kann ich mir nicht vorstellen!» sind für Betroffene ein Schlag ins Gesicht, aber keine Seltenheit.

Solche Vorurteile sind verbreitet, erklärt Jan Gysi im Interview. Auch bei Profis, die mit Opfern arbeiten: Ärzte, Anwältinnen, Richter, Polizistinnen.

«Er doch nicht!»

«Vergewaltigungsmythen sind stereotype Vorstellungen bezüglich Opfer sexualisierter Gewalt», sagt Jan Gysi und zählt auf: «Dass die meisten Vergewaltigungen Falschbeschuldigungen sind, dass jemand der sexualisierte Gewalt erlebt hat selber schuld ist, oder dass sie es provoziert hat.»

«Ein weiterer Mythos ist, dass eine Vergewaltigung durch einen Unbekannten an einem dunklen Ort einer Frau passiert, die sich mit aller Kraft wehrt, schreit und Verletzungen hat. Daten zeigen aber, dass das nur ein ganz kleiner Teil ist. Meistens kennen sich Täter und Opfer. Manchmal nur einige Stunden, manchmal länger», sagt Gysi.

Dass sich Opfer und Täter meist kennen, ist nichts Neues. Dennoch fällt es oft schwer zu glauben, dass es der Ex, der Onkel oder Trainer gewesen sein soll. Oder eine berühmte Persönlichkeit. Also wird das Opfer angezweifelt.

Vergewaltigungsmythen zeigen, dass es Vorstellungen davon gibt, was eine «echte» Vergewaltigung ist. Was davon abweicht, wird ungern geglaubt. Eben - meist ist der Täter nicht der Fremde im Dunkeln, sondern jemand aus dem engen Kreis.

Vorurteile strafen Opfer und schützen Täter

«Diese Vorurteile gehen zulasten der Opfer und haben zur Folge, dass Täter davonkommen», sagt Jan Gysi.

Diese Vorurteile gehen zulasten der Opfer und haben zur Folge, dass Täter davonkommen.
Autor: Jan GysiFacharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Dies erklärt auch, warum der Vorwurf der Falschbeschuldigung so unterschiedlich wahrgenommen wird: Glaubt man den Daten, ist die Zahl der Falschbeschuldigungen klein, glaubt man den Behörden, ist die Zahl hoch.

«Falschbeschuldigungen gibt es und es ist für Polizei und Staatsanwaltschaft eine grosse Herausforderung, diese zu erkennen», sagt Gysi. Sie seien aber deutlich weniger häufig, als es subjektiv viele Mitarbeiter bei Polizei und Justiz wahrnehmen würden. Grosse internationale Untersuchungen zeigten, dass zwei bis acht Prozent der Beschuldigungen falsch seien.

Es ist ein Wegschauen - auch der Gesellschaft.
Autor: Jan Gysi

Profis besser schulen

Müssten denn Profis, die mit Opfern sexualisierter Gewalt arbeiten, besser geschult werden? Gysi, der Fachpersonen schult und Vorträge hält, meint, dass sexualisierte Gewalt an Universitäten, Fachhochschulen und Polizeischulen nicht wirklich konsequent gelehrt würden: «Es ist ein Wegschauen - auch der Gesellschaft.»

Vermeintliche Lügen

Für Polizei und Staatsanwaltschaft sei es hilfreich zu wissen, was eine posttraumatische Störung sei, meint Gysi. Traumatische Erinnerungen würden nicht sofort chronologisch abgelegt: «Es kann sein, dass Opfer beim Erzählen von D zu B zu E zu A springen.» Die Gefahr sei, dass eine nicht informierte Ermittlungsbehörde als Lüge ansehe, was eine eigentlich Folge von Trauma sei.

Es sei auch möglich, dass Einzelheiten vorübergehend vergessen und erst mit der Zeit bewusst werden. Bei Polizei und Staatsanwaltschaft könne es ein Vorurteil sein, dass Informationen, die im Nachhinein gemacht werden, Lügen sind, um Aussagen zu korrigieren.

Opfer ziehen sich wegen Vorurteilen aus einem Fall zurück

Fühlen sich Opfer nicht verstanden, passiert es immer wieder, dass sie sich aus einem Fall zurückziehen: «Bei den Behörden kann der Eindruck entstehen, dass viele Beschuldigungen falsch sind», sagt Gysi.

Hilfe nötig?

Hier , Link öffnet in einem neuen Fenstergeht's zu den kantonalen Beratungsstellen.

Vorurteile gegenüber Opfern sexualisierter Gewalt halten sich hartnäckig, auch nach intensiven Diskussionen ein Jahr nach #metoo. Sich diesen Vergewaltigungsmythen bewusst zu sein - auch als Gesellschaft - würde nicht nur den Opfern, sondern auch der Aufklärung solcher Fälle dienen.

Abonniere den Insider-Newsletter von SRF 3

Abonniere den Insider-Newsletter von SRF 3
Legende:SRF

Stories und Hintergründe zu ausgewählten Themen – direkt in deine Mailbox. Mit dem Insider-Newsletter weisst du mehr über die Highlights von SRF 3. Melde dich jetzt an!

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Maja Luna Gfeller (Hopeless)
    Die Sendung war ausgewogen und professionell. Viele Leute wissen aber nicht wie lange man unter einer Vergewaltigung leiden kann zum Teil noch Jahrzehnte später. Die PTBS hält sich nämlich nicht an Verjährungsregeln. Eine Therapie ist sehr anstrengend lohnt sich auf lange Sicht trotzdem weil man zumindest nicht mehr alleine damit leben muss. Am Schlimmsten finde ich dass ich nicht mehr fähig bin gute vertrauenswürdige Leute von den anderen zu unterscheiden dann bin ich chronisch schreckhaft.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Michael Galli (M. Galli)
    Und was ist das für eine Therapie-Industrie? Und welche Diagnosesysteme und Therapieschemata meinen Sie? Belegen Sie das mit Fakten oder sprechen Sie nicht darüber, weil dann ists einfach nur warme Luft und Müll und von dem haben wir genug. Ihre Aussage stützt nach mir genau diese Mythen über welche der Beitrag berichtet. Auch wenn das einige nie glauben werden und hinter allem eine Verschwörung sehen, es geht nicht immer nur ums Geld..
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von markus kohler (nonickname)
    Es gibt eine Therapie-Industrie hinter der #metoo Bewegung, die ganz erheblich von echten und vermeintlichen Missbräuchen profitiert. Sie haben eigene Diagnosesysteme von psychischen Störungen dazu eigene Therapieschemata entwickelt. Auf einmal ist jede psychische Störung bei jüngeren Frauen das Resultat eines schweren Missbrauchs und die Patientinnen sind gerne bereit in die Rolle eines Opfers zu schlüpfen, das schützt vor jeglicher Selbstverantwortung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten