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Gruppenfoto: Lucia Tesfalem und Yonas Mohbratu mit Maria und Bernhard von Siebenthal
Legende: Lucia Tesfalem und Yonas Mohbratu mit Maria und Bernhard von Siebenthal SRF
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Aktuell Flüchtlinge privat aufnehmen: «Nun brauchen wir eine Pause»

Bernhard und Maria von Siebenthal haben eine junge Familie aus Eritrea bei sich aufgenommen. Sie gehörten zu den ersten in der Schweiz, gar zu den allerersten in Schaffhausen, die sich wegen der aktuellen Krise dazu entschieden haben. «Input» war am Anfang und am Ende des Projekts mit dabei.

SRF3 Input

Der Eritreer Yonas Mohbratu (21) flüchtete über das Meer nach Europa. Zusammen mit seiner Frau Lucia (19) und ihrem gemeinsamen Baby lebte er über ein halbes Jahr bei der Familie von Siebenthal. Input war beim Einzug mit dabei. Heute leben die Eritreer in einer eigenen Wohnung. Input besucht wieder beide Familien und spricht mit ihnen über enttäuschte Erwartungen und ungeahnte Chancen.

«Sie nannten uns Mama und Papa»

Eines der drei Kinder ist ausgezogen, mehr als genug Platz im Einfamilienhaus auf dem Land, das Elend gross – warum also nicht etwas vom eigenen Glück teilen, haben sich die von Siebenthals gesagt, als im letzten Herbst die eritreische Familie bei ihnen eingezogen ist.

«Input» wollte damals wissen, ob sie es anderen Interessierten nach ihren ersten Erfahrungen empfehlen würden. Absolut, meinte er:

Es ist spannend, man kann Neues lernen, es ist bereichernd.
Autor: Bernhard von Siebenthal

Mittlerweile lebt die Familie aus Eritrea in einer eigenen Wohnung, die ihnen von einer Nachbargemeinde zur Verfügung gestellt wird. Einerseits hätten sie das Gefühl gehabt, sie seien bereit für diesen Schritt, sagt Maria von Siebenthal. Andererseits ging es ihr gesundheitlich nicht so gut, darum hatte sie das Bedürfnis nach mehr Privatsphäre.

Wie hat das junge Paar reagiert, als ihnen der bevorstehende Auszug mitgeteilt wurde? Im ersten Moment seien sie traurig gewesen, hätten es aber auch verstanden.

Lucia hatte Tränen in den Augen. Wir seien zu Vater und Mutter geworden für sie.
Autor: Bernhard von Siebenthal

Das Lernen lernen, bevor man Deutsch lernen kann

Rückblickend waren die gemeinsamen sieben Monate anstrengender, als erwartet. Ohne gemeinsame Sprache müsse wortwörtlich mit Hand und Fuss kommuniziert werden, erklärt Bernhard von Siebenthal:

«Ich konnte nicht sagen, Yonas solle den Kehricht hinausstellen. Ich musste es vorzeigen: Hinuntergehen, den Sack zeigen und am nächsten Morgen zusammen raus auf die Strasse, wo der Sack hingehört.»

«Ein grosser Vorteil des Zusammenlebens ist die Sprache. Leben die Geflüchteten mit Einheimischen, wird schneller Deutsch gelernt», heisst es bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.

Die von Siebenthals hatten von «schneller» eine andere Vorstellung.

Ich dachte, sie lernen schnell Deutsch, wenn sie mit uns zusammen sind. Ich war recht erstaunt, dass es so langsam ging.
Autor: Maria von Siebenthal

Ihre Muttersprache Tigrinya sei so anders als Deutsch, dass es auch verständlich sei, dass sie ihre Zeit bräuchten, sagt Maria von Siebenthal.

In der Schule gehen sie mit ihren 19 und 21 Jahren in die Kurse für Jugendliche. Lucia ist im Alphabetisierungskurs. Yonas geht täglich in den Deutschunterricht. Daheim in Eritrea sei er bis zur 10. Klasse zur Schule gegangen, dann habe er auf dem Feld gearbeitet, sagt er.

Das Interesse der Gastfamilien lässt nach

Auch wenn der Aufwand für die Gastfamilien grösser ist als erwartet, geht das Projekt in Schaffhausen weiter. Mittlerweile leben 30 Leute bei 18 Gastfamilien, sagt Andi Kunz, der die Asyl- und Flüchtlingsbetreuung im Kanton Schaffhausen leitet.

Auch die Schweizerische Flüchtlingshilfe will ihr Gastfamilienprojekt bis vorerst 2018 weiterführen:

Unser Interesse und Ziel ist es, dass das Konzept der Gastfamilien schweizweit als Teil des Integrationssystems eingeführt wird und dass so 500 oder mehr Gastfamilien ein ständig aktivierbares Netz bilden werden.
Autor: Stefan FreySchweizerische Flüchtlingshilfe

Allerdings ist die Welle der Solidarität kleiner als auch schon: Weil das Thema medial nicht mehr so präsent sei wie im letzten Herbst, gingen nur noch vereinzelte Anfragen von Gastfamilien ein, sagt Andi Kunz.

Der lange Weg

Die Sprachschule geht davon aus, dass mit einem Intensivkurs, wie ihn Yonas Mohbratu besucht, innert zwei Jahren das Niveau erreicht werden sollte, um eine Lehre machen zu können. Genau das hat er auch vor.

Ich möchte Deutsch lernen, eine Lehre als Automechaniker machen und auf eigenen Beinen stehen.
Autor: Yonas Mohbratu

Auch wenn die beiden einen langen Weg vor sich haben, sie wirken motiviert, engagiert und zuversichtlich.

Und die von Siebenthals, würden sie wieder Leute aufnehmen? «Das wissen wir noch nicht», sagt Bernhard von Siebenthal. Es sei eine gute Zeit gewesen, aber im Moment bräuchten sie erst einmal eine Pause.

18 Kommentare

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  • Kommentar von D. Jango , Zürich
    Ganz allgemein: Das Asylwesen kostet rund 4-5 Mia. Fr/Jahr, für offiziell 120 Tausend 'Flüchtlinge' im Land. Nimmt man zB den durchschnittl. afghanischen Lohn, könnte man davon 7 Mio. Menschen vor Ort finanzieren. Es ist absolut grotesk, wie im Namen von 'Humanität' und 'Solidarität' viel Geld für wenige Menschen verschleudert wird. Denjenigen, die die Reise zu uns nicht vermögen, ist nicht geholfen! Einziger Profiteur ist Herr Frey (Hilfswerk) unter gütiger Mithilfe der Lobbyistin im Bundesrat.
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    1. Antwort von Henri Jendly , Villmergen
      @Jango: woher haben Sie diese Zahlen? Lesen Sie doch die Weltwoche (Parteizeitung SVP): man geht von 1.2 Mia. aus! Der BR (Ueli Maurer) geht von 1.5 bis 2.4 Mia. aus. Haben Sie wirklich das Gefühl, BR Maurer würde derart untertreiben? Glauben Sie wirklich, die Weltwoche würde nicht auch lieber von 4 bis 5 Mia. ausgehen? Schreiben Sie ausnahmsweise mal etwas zu den Fakten und nicht zu von Ihnen und Ihresgleichen gestreuten Gerüchten.
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    2. Antwort von D. Jango , Zürich
      @Jendly: Diese 1.5 Mia sind vom Bund. Der arbeitet nach dem Prinzip: Aus dem Augen aus dem Sinn. Heisst: Die Kosten auf Kantons- und Gemeindeebene werden nicht mitgerechnet. Einfache Überschlagsrechnung: Oberwil-Lieli zahlt als Ersatzabgabe 110 Fr. pro Migrant und Tag für Unterkunft und Betreuung. Macht 110 Fr. mal 365 Tage mal 120 000 Migranten = 4,8 Mia./Jahr. Hinzu kommen KK, Psyocholog, Übersetzer etc. Eingesetzt vor Ort kann mit gleichem Kapital mehr Menschen nachhaltiger geholfen werden!
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  • Kommentar von Katharina Vogt , Fahrweid
    Ich finde es gut, dass es Familien und Einzelpersonen gibt, die eine Kultur des Miteinander-Teilen und der Solidarität leben. Wir sind alle Menschen auf diesem Planeten. Solange unsere Regierungen (mit unsern Steuergeldern) nicht aufhören Krieg zu führen, anderen Menschen ihr Land und die Rohstoffe zu rauben und diese Erde zu zerstören, werden Menschen auf der Flucht sein. Sie haben dann das gleiche Recht hier zu leben wie Du und ich.
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  • Kommentar von Dan Ernst Mühlemann , Zürich
    Herzlichen Dank an alle Personen die etwas wagen, die bereit sind zu helfen, die ihre Zeit und Ressourcen teilen um Menschen in Not aufzunehmen oder ihnen nach der oft traumatisierenden Flucht zu beizustehen. Gerade gestern habe ich eine albanische Familie getroffen, die vor etwa 16 Jahren in die Schweiz geflohen ist. Heute sind sie alle wertvolle, sehr arbeitsame, tüchtige Berufsleute, die gerne Steuern bezahlen und unseren Sozialstaat mitfinanzieren.
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