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Aktuell Tom Gisler hat einen Diktatoren-Schnauz

Was sagt ein Bart über dessen Träger aus? Wir wollten es wissen und haben unsere Moderatoren zum grossen Bart-Check geschickt. Vom «Bart mit animalischem Flair» bis zum «in Szene gesetzten sekundären Geschlechtsmerkmal» war alles dabei.

Ein Bart steckt voller Geschichten. Doch um einen Bart zu verstehen, muss man genau hinschauen. Und das haben wir getan, beziehungsweise haben wir uns Hilfe vom Fachmann geholt: Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler und Dozent an der Hochschule der Künste in Zürich. Und: Er hat das Buch «Anything grows - 15 Essays zur Geschichte, Ästhetik und Bedeutung des Bartes» geschrieben. Er hat unseren Moderatoren ganz genau auf den Bart geschaut.

Während Jahrhunderten waren Politik, Business und Sport reine Männersache. Das hat sich geändert. Ist der Bart die letzte Bastion der Männlichkeit? «Input» über die Bedeutung des Bartes.

1. Tom Gisler: Der Diktatoren-Schnauz

Porträtbild von Tom Gisler. Vorne links ist auch ein kleines Holzzebra zu sehen.
Legende: Tom Gisler SRF

Beim Bart von Tom Gisler spricht Jörg Scheller vom typischen «Ich-könnte-wenn-ich-wollte-Vollbart.» Dieser Bart sei ein perfekter Kompromiss zwischen Modernitätsversprechen und altväterlicher Gemütlichkeit. Böse gesagt, ein «Auf-Nummer-sicher-Bart». Auffallend sei der besonders betonte Schnauz: «Da hat es einen ganz leichten Saddam-Hussein-Flair mit drin. Ob das eine ironische Geste ist oder ob Tom schlicht nicht realisiert hat, dass er da den typischen Diktatoren-Schnauz trägt, weiss ich nicht.»

2. Michel Birri: Animalischer Flair

Poträtbild von Michel Birri
Legende: Michel Birri SRF

«Michel trägt einen ‹Dreitage-kurz-vor-Vollbart›», sagt Bart-Fachmann Jörg Scheller. Der Schnauz ist weniger betont als bei Tom Gisler, dafür wächst der Bart runter bis zum Hals. «Da signalisiert Michel einen leicht animalischen Flair, das hat etwas Wildes.» Am Hals werde es immer körperlicher, weg vom Geist, runter zum Körper. «Insofern verbindet dieser Bartwuchs die geistige mit der körperlichen Sphäre.»

3. Andi Rohrer: Der Obszöne

Porträtbild von Andi Rohrer - mit Bart und Mütze.
Legende: Andi Rohrer SRF

«Andis Bart wuchert fast schon vorgeschichtlich vor sich hin. Das ruft Erinnerungen an patriachalische Zeiten wach», meint Jörg Scheller. Laut ihm waren solche Bärte lange Zeit Zeichen von Manneskraft, Stärke und Potenz. «So betrachtet, ist das eine Art sekundäres Geschlechtsmerkmal, das durchaus etwas Obszönes hat.» Aber wahrscheinlich verstehe Andi seinen Bart als Hipsterbart. «Ein ironischer, eher postmoderner Bart, wo man sich bestimmte Symbole aneignet, gerade weil man sie nicht so meint, wie sie gemeint waren.» Auffallend sei, sagt Scheller, dass Andis Augen sehr mit seinem Bart kontrastierten. «Das sind eher die Augen eines gendersensiblen Mannes von heute.»

4. Julian Thorner: Für ein Abenteuer zu haben

Porträtbild von Julian Thorner.
Legende: Julian Thorner SRF

Auch bei Julian Thorner hat Bart-Experte Jörg Scheller einen spannenden Kontrast entdeckt: «Sein leicht wuchernder Bart kontrastiert mit seiner sehr strikten, geometrisch in Form gegelten Frisur.» Dadurch erhöhe Julian die Spannung des Gesichts. «Oben suggeriert er: Ich habe alles unter Kontrolle, ich bin pünktlich und arbeite genau. Der Bart allerdings sagt: Ich bin offen für alles, auch mal für ein Abenteuer – solange die kostbare Frisur keinen Schaden nimmt.»

5. Luca Bruno: Der Geheimnisvolle

Porträtbild von Luca Bruno
Legende: Luca Bruno SRF

«Luca hat einen ‹kurz-vor-zottelig-Vollbart›. Das ist aber kein Hipster- oder Trendbart», sagt Jörg Scheller. Vielmehr sei dieser Bart Ausdruck einer individualistischen Haltung gegenüber Trends und Moden. «Ein Bart, der Distanz erzeugt, weil man nicht direkt zum Gesicht durchkommt.» Das Gesicht sei eine Art Schaufenster, wo wir unsere Emotionen und Haltungen kommunizieren würden. Insofern sage dieser Bart: «In mir schlummern Geheimnisse, bei mir musst du dir Mühe geben, um zu mir vorzudringen.»

6. Stefan Büsser: Bartlos modern

Porträtbild von Stefan Büsser
Legende: Stefan Büsser SRF

Genau. Stefan Büsser hat gar keinen Bart. Aber umso spannender ist die Analyse von Bart-Experte Jörg Scheller. Er sagt, dass Büssi durch seine Bartlosigkeit der einzige westlich moderne Moderator bei SRF 3 sei. «Die westliche Moderne hat sich immer bartlos gegeben. Päpste oder US-Präsidenten zum Beispiel sind stets schön glattrasiert.» Mit dieser Bartlosigkeit distanziere man sich bei uns von traditionalistischen oder orthodoxen Gesellschaften. «In der westlichen Moderne gibt man sich jung, transparent und aufgeklärt. Deshalb ist das Gesicht bartlos, immer offen für Neues. Historisch betrachtet ist Büssi deshalb der modernste Moderator, den ihr habt.» Ob gewollt oder mangels Bartwuchs – diese Frage konnte dann aber auch der Experte nicht beantworten.

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Legende:SRF

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