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Trauern «Wir nahmen unser totes Baby mit nach Hause»

Erinnerungen schaffen – das raten Hebammen und Trauerbegleiter allen Eltern, die ihr Kind kurz vor, während oder nach der Geburt verlieren. Das verstorbene Kind fotografieren, es baden oder: es mit nach Hause nehmen. Ein Ehepaar erzählt von seinen Erfahrungen.

Babyfinken: Für die Eltern verstorbener Kinder können solche Erinnerungsgegenstände wichtig sein.
Legende: Babyfinken: Für die Eltern verstorbener Kinder können solche Erinnerungsgegenstände wichtig sein. Colourbox

David Krummenacher stellt eine grosse Holzkiste vor mir auf den Esstisch. Weiss ist sie, mit zwei grauen Elefanten versehen und zwei Namen: Svenja und Finja. Es ist eine Box der Erinnerung an seine Zwillinge, die viel zu früh «ihre Flügel wieder angezogen haben» wie er es nennt.

2014 verstarben seine beiden Töchter – Svenja drei Tage, Finja zwölf Tage nach der Geburt. Zu schwach waren die beiden Mädchen, vier Monate vor dem Geburtstermin.

Tote Babies sind ein Tabu

Engelskinder sagt man diesen Kindern landläufig oder auch Sternenkinder. Jeden Tag gibt es zwei neue und das heisst: jeden Tag fühlen sich in der Schweiz zwei weitere Familien einsam. Denn über ihre Trauer sprechen, das können verwaiste Eltern kaum. Zu viele Menschen hören weg oder fragen nicht.

Mariel Kreis

Mariel Kreis

SRF 3-Redaktorin

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Mariel Kreis ist Redaktorin bei der Hintergrundsendung «Input» von SRF 3.

Alle «Input»-Sendungen

David Krummenacher will mit dem Tabu brechen. Deshalb stehen wir vor dieser Box. Ein munziger Nuggi liegt drin. Die Kerze von der Nottaufe. Zwei Finkenpaare mit Schäfchen. Und zwei Fotoalben. Von jedem Zwilling eins.

Seine Ehefrau Manuela öffnet Finjas Album. Ich blicke auf Bilder von einem winzigen Mädchen hinter Kunststoffwänden, überall Schläuche, aber alles ist da: Zehen, Finger. Einige Seiten weiter hinten liegt Finja auf der Brust des Vaters, ohne Schläuche. Ihr Herz schlägt nicht mehr. Sie sieht friedlich aus. Er auch.

Sich dem Schmerz stellen

Eine Hebamme brachte Finja kurz vorher ins Spitalzimmer, erzählt mir das Ehepaar. Die Kleine blieb über Nacht und die Eltern nahmen sie in den Arm. Das erste Mal. Denn bis zu diesem Zeitpunkt lag das Mädchen immer abgeschottet im Brutkasten.

«Es klingt vielleicht komisch, aber uns war es wichtig, dieses Mädchen zu begrüssen, auch wenn es schon gegangen war», sagt David Krummenacher.

Alles ging so schnell, wir mussten uns versichern, dass es wirklich passiert ist. Und wir wollten uns dem Schmerz stellen.
Autor: David Krummenacher

Lange blieb sie nicht. Aufgrund der Dehydrierung fiel das Mädchen bald ein und die Eltern mussten sie endgültig loslassen.

Manuela Krummenacher schlägt das andere Album auf, jenes von Svenja. Mit vielen Fotos, die nicht im Spital entstanden sind, sondern daheim. «Ich habe gefragt, ob wir unsere Tochter mit nach Hause nehmen dürfen, sie sagten ja.»

Und der Ehemann fügt an: «Ich wusste zuerst nicht, was das bringen soll, was es mit uns macht.» Bald erkennt er wie wertvoll diese Tage sind. «So konnten wir Windeln wechseln, sie pflegen, was ja normal wäre, wenn man Eltern wird.»

Eltern für eine Woche

Ich verstehe: Sie konnten Eltern sein. Auch wenn nur für eine Woche. David Krummenacher schiebt nach: «Durch die Operation am Darm und die starken Medikamente war Svenja stark aufgedunsen. Es klingt makaber, aber sie hat relativ lange gut ausgesehen. Mit der Zeit ist sie sogar noch schöner geworden».

Die Sendung zum Thema

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In der Hintergrundsendung «Input» beleuchten wir, wie Eltern damit umgehen, wenn ihr Kind rund um den Geburtstermin stirbt. Die Trauer der Mutter steht im Fokus, aber auch die verwaisten Väter wollen über ihre Gefühle reden.

Die kompakte Version als Podcast gibt es hier zu hören. Die lange Sendung läuft am Sonntag, 26. August, ab 20 Uhr live auf SRF 3.

Für mich ist die Situation beklemmend, der Gedanke befremdlich. Diese Bilder halten mir einen Spiegel vor. Ein totes Kind passt nicht in mein Weltbild. Ein totes Kind, das darf nicht sein. Aber ich bewundere Manuela und David Krummenacher für die Selbstverständlichkeit und die Wärme, mit der sie über diese Tage reden. Und je mehr sie erzählen, desto besser kann ich verstehen und meine Beklemmung ablegen.

Und sie? «Darüber reden hilft auch uns. So wird der Tod der Töchter für uns Tatsache und Normalität.»

Empfehlung der Hebamme

Ein paar Tage später. Zu Besuch bei Anna Margaretha Neff. Als Hebamme und Trauerbegleiterin leitet sie die Fachstelle kindsverlust.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster. «Gängig ist es nicht in der Schweiz, dass Eltern ihre verstorbenen Kinder mit nach Hause nehmen. Aber ich als Fachperson unterstütze das sehr».

Genau aus diesen Gründen, die mir David und Manuela Krummenacher schon erklärt haben. Erinnerungen schaffen. Durch die Berührung realisieren: Es ist wie es ist. «Das kann hilfreich sein fürs Trauern, fürs Weiterleben». Zudem werde das Umfeld unmittelbar miteinbezogen: «Die Grosseltern kommen vorbei, Paten, Nachbarn. Die Eltern fühlen sich weniger einsam.»

«Über die Überforderung sprechen»

Wieder ein beklemmender Gedanke: Ich bin das Gotti eines verstorbenen Kindes. Und eingeladen, das tote Kind zu Hause zu besuchen. Ich wäre hoffnungslos überfordert.

Wie verhalte ich mich in dieser Situation? «Authentisch bleiben», sagt mir die Fachfrau, «über die Überforderung sprechen, sagen, was man fühlt, weinen. Den Eltern tut es gut, wenn sie spüren, dass jemand von ihrem Schicksal berührt ist, dass jemand mitfühlt».

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