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Bildschirmzeit bei Kindern «Morgens und abends sollte man auf Blaulicht verzichten»

Das Hirn von Kindern und Jugendlichen ist noch in Entwicklung und reagiert deshalb besonders stark auf die digitale Reizüberflutung. Während Computer und Smartphones aus dem Alltag kaum wegzudenken sind, warnen Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler wie Barbara Studer vor den Langzeitfolgen des übermässigen Konsums.

Barbara Studer

Neurowissenschaftlerin

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Barbara Studer ist Neurowissenschaftlerin und Dozentin an der Universität Bern mit Schwerpunkt auf Kognition, Aufmerksamkeit und mentale Gesundheit. Sie gründete die Hirncoach AG, ein mehrfach ausgezeichnetes Spin-off, das wissenschaftlich fundierte Programme für Hirnfitness und Demenzprävention entwickelt. In ihrer Arbeit verbindet sie Forschung mit praxisnaher Vermittlung und setzt sich dafür ein, Erkenntnisse der Neurowissenschaften alltagsnah zugänglich zu machen. Zudem ist sie als Referentin und Autorin aktiv und engagiert sich in der Wissenschaftskommunikation.

SRF: Was ist der Unterschied zwischen dem Gehirn eines Kindes und dem eines Erwachsenen?

Barbara Studer: Der Frontalkortex, also sozusagen die Steuerzentrale, ist bei Kindern und Jugendlichen noch voll in der Entwicklung, während das Belohnungs- und das Emotionssystem bereits sehr reif sind. Deshalb reagieren Jugendliche sehr schnell auf emotionale und soziale Reize, können diese jedoch weniger gut selbst regulieren.

Ich zeige meinen Kindern, dass es viele andere spannende Dinge im Leben gibt.

Das ausgewachsene Gehirn hat hier eine bessere Kontrolle. Das heisst: Noch nicht ausgewachsene Gehirne sind sensibler und brauchen deshalb Schutz und gute Stimulation, um die Reifung voranzutreiben.

Sie sind Mutter – wie versuchen Sie, Ihre Kinder vom Smartphone zu schützen?

Einerseits versuchen wir zu Hause transparent zu sein: Ich zeige etwa meine Bildschirmzeit auch meinen Kindern und versuche, vor ihnen nicht am Handy zu sein.

Andererseits sage ich meinen Kindern nicht, dass ich ihnen ein Handy verbiete, sondern versuche aufzuzeigen, dass sie es noch nicht brauchen, weil es so viele andere spannende Dinge im Leben gibt.

Oftmals finden Jugendliche es «nicht fair», wenn sie kein Handy besitzen dürfen.

Dann stelle ich eine Gegenfrage: Ist es fair, dass du deinem Gehirn etwas antust, was ihm nicht guttut? Willst du deinem Hirn lieber gute Stimulation schenken oder Stress? Beim Scrollen überfordert man das Aufmerksamkeitssystem und überstimuliert das Belohnungssystem.

Wenn man regelmässig scrollt, zerstört man einen Teil vom Frontalkortex

Das ist keine Meinung, sondern ein biologischer Fakt. Wenn man regelmässig scrollt, zerstört man einen Teil vom Frontalkortex. Er schrumpft. Die Aufmerksamkeitsleistung im Frontalkortex geht also zurück und das Emotions- und Angstsystem wird überaktiviert. So vergeht einem auch ein wenig die Lust am Scrollen, und plötzlich ist es cool, das Handy wegzustecken.

Gibt es dazu auch Langzeitstudien?

Nicht gerade über hunderte Jahre, aber wir haben Daten, aus denen wir Langzeitfolgen ableiten können. Das heisst, es gibt Korrelationen, also Zusammenhänge, man kann aber nicht davon ausgehen, dass es sich um Kausalität handelt. Zum Beispiel in der ABCD-Studie.

Man sollte mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen kein Blaulicht mehr konsumieren.

Je früher und intensiver Kinder mit Medien wie Smartphones konfrontiert sind, desto höher ist das Risiko von psychischen Beeinträchtigungen und Konzentrationsproblemen.

Wie hoch sollte die Bildschirmzeit eines Jugendlichen sein? Am besten gar kein Handy?

Nein, es ist ja nicht per se schlecht. Ich würde sagen: so wenig Zeit am Handy oder Tablet-PC wie möglich – sicher nicht mehr als zwei Stunden pro Tag. Und unbedingt nicht am Morgen nach dem Aufstehen oder am Abend vor dem Schlafengehen.

Je passiver man scrollt, desto höher ist die Überstimulation und desto geringer die Inspiration.

Man sollte mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen kein Blaulicht mehr konsumieren. Das gilt übrigens auch für Erwachsene.

Gibt es Unterschiede zwischen Podcasts, Games oder Kurzclips?

Ja, was man konsumiert oder anschaut, spielt eine Rolle. Zentral ist der Unterschied zwischen aktiver und passiver Nutzung. Je passiver man beispielsweise scrollt, desto höher ist die Überstimulation und desto geringer die Inspiration.

Je aktiver man etwas hört und sich auch Zeit nimmt, es zu verarbeiten, desto besser. Das kann auch die Kreativität fördern.

Das Gespräch führte Judith Wernli.

SRF 3, 21.1.2026, 11:10 Uhr ; 

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