Dichtestress herrscht an vielen Orten: Am Strand, beim Konzert, in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Für gewisse Leute scheint solche Nähe zu anderen Personen kein Problem zu sein. Andere fühlen sich rasch einmal bedrängt.
Heiko Hecht ist Professor für experimentelle Psychologie an der Universität Mainz und erforscht, wie viel Abstand wir benötigen, damit wir uns wohlfühlen.
SRF: Was muss man sich unter einem «Personal Space» vorstellen?
Heiko Hecht: Abkürzend kann man das so beschreiben: Uns alle umgibt eine Seifenblase. Das ist der Wohlfühlabstand, respektive eben der Personal Space. Gemäss unseren Experimenten ist dieser kreisförmig und hat einen Radius von durchschnittlich einem Meter.
Dringt eine unbekannte Person in meine Seifenblase ein, ist dies eine Stresssituation.
Durchschnittlich, sagen Sie – das heisst, der Personal Space ist individuell?
Korrekt. Aber egal, ob wir Experimente auf Marktplätzen mit echten Menschen oder im Labor mit Avataren gemacht haben, der Durchschnitts-Wohlfühlabstand betrug immer einen Meter.
Welche Faktoren beeinflussen den Personal Space?
Interessanterweise ist die Körpergrösse ein Faktor. Gegenüber Menschen, die ein paar Köpfe grösser sind, präferiert man einen grösseren Abstand. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle. Zwei Männer fordern den grössten Abstand ein. Der geringste wird von gegengeschlechtlichen Paaren eingefordert.
Unwohl fühlen wir uns, wenn es keinen rationalen Grund fürs Eindringen in den Personal Space gibt.
Aber im Tram oder aktuell beim Public Viewing ist ein Meter Abstand doch illusorisch ...
Tatsächlich können wir in solchen Situationen grössere Dichte ertragen, denn es gibt Gründe für die Nähe Anderer. In der U-Bahn ist es dieser Tage mit vielen Pendlern und der grossen Hitze zwar nicht toll, aber es geht nicht anders – das lässt sich kognitiv abpuffern. Unwohl fühle ich mich, wenn es keine rationale Erklärung für das Eindringen in meinen Space gibt, wenn kein Druck besteht.
Was passiert dann?
Der Moment, wenn ein unbekannter Mensch in meine Seifenblase eindringt, ist eine Stresssituation. Die kann sich auf verschiedene Weise äussern. Man geht einen Schritt zurück, setzt Kopfhörer auf oder hält sich ein Buch vors Gesicht, um den Augenkontakt zu vermeiden.
Gibt es beim Personal Space kulturelle Unterschiede?
Das Klischee besagt, dass Südländer geringere Distanzen vorziehen. Gewisse Studien bedienen dieses Bild, andere widerlegen es. Letztere fanden heraus, dass Skandinavier dasselbe Bedürfnis an Personal Space haben, wie Menschen aus dem Süden.
Ich bin daher skeptisch. Ich glaube, dass an dieser kulturellen Varianz weniger dran ist als an der individuellen Präferenz. Es gibt einfach Menschen, die es gerne etwas näher haben und andere, die es gerne etwas ferner haben.
Bislang sprachen wir von Menschen. Weiss man, wie wir unseren Personal Space regulieren, wenn uns ein Roboter in die Quere kommt?
Das erforschen wir zurzeit, denn in unserem Alltag gibt es immer mehr Roboter – vom Putzroboter bis hin zum künstlichen Polizeihund. Kurz gesagt: Je unmenschlicher und gefährlicher der Roboter aussieht, desto grösser wird der Abstand einreguliert.
Was wir übrigens auch gar nicht gerne haben, ist, wenn uns Drohnen in unseren Personal Space fliegen. Etwa solche, die uns Päckchen bringen sollen. Fliegen diese niedrig und könnten uns auf die Füsse fallen, ist uns das besonders unangenehm.
Darum müssten wir eigentlich von der Metapher der Seifenblase Abstand nehmen. Unten, wo wir es visuell nicht unter Kontrolle haben, wollen wir mehr Platz haben. Unser Personal Space ist also vielleicht doch eher eine trichterförmige Glocke.
Das Gespräch führte Fabio Flepp.