Besser klatschen mit der App «Clapping Music»

Eine App lässt uns Steve Reichs Minimal-Music-Komposition «Clapping Music» nachklatschen. Immer derselbe Rhythmus, der sich nach 12 Schlägen um einen Schlag verschiebt. Klingt einfach – ist aber alles andere als. Wir haben mitgeklatscht und sind fast verzweifelt.

Steve Reich ist sicher nicht der erste Mensch, der einem als Inspirationsquelle für eine Game-App einfallen würde. Wider Erwarten ist der 79-jährige Minimal-Music-Pionier aber der ideale Pate für ein teuflisch schweres Rhythmus-Game wie «Clapping Music».

Steve Reich spielt «Clapping Music» auf dem Smartphone. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hier klatscht der Chef persönlich: Steve Reich spielt «Clapping Music» auf dem Smartphone. SRF

Basierend auf einem frühen Werk des Komponisten – «Clapping Music» von 1972 – macht uns die App mit einem prägenden Element von Reichs Musik vertraut: dem sogenannten Phasing. Dabei spielen zwei Instrumente anfänglich im selben Rhythmus, doch das eine entfernt sich zunehmend vom anderen – bis sich am Ende beide wieder finden. Die Instrumente geraten also zunächst aus der Phase, um sich dann der Phase wieder anzunähern. Reichs Stück «Piano Phase» ist ein gutes Beispiel dafür.

Bei «Clapping Music» driften die beiden Instrumente – in dem Fall die klatschenden Hände – nicht graduell, sondern schrittweise auseinander. Immer nach 12 Schlägen verschiebt sich der Rhythmus des einen Klatschenden um einen Schlag. Diese rhythmische Trennung führt zu interessanten, stets wechselnden Mustern, bis die beiden Rhythmen schliesslich wieder aufeinander zulaufen.

Live auf der Bühne Klatschen als Belohnung

Was schon beim Lesen nicht ganz einfach zu verstehen ist, fällt in der Praxis beim Klatschen noch schwerer. Während das Smartphone brav den einen Rhythmus vor sich herklatscht, ist es am Spieler, die Rhythmuswechsel zu übernehmen. Dabei scheint es fast unmöglich, sich nicht vom ursprünglichen Rhythmus ablenken zu lassen. Zumindest ging das einem musikalischen Laien wie mir so.

Wer es dagegen schaffte, auch den schwersten Level von «Clapping Music» mit Bravour zu meistern, der oder die konnte nach dem Erscheinen der App im letzten Jahr einen Live-Auftritt gewinnen und das Stück zusammen mit dem Kammermusik-Ensemble London Sinfonietta auf der Bühne darbieten.

Ein Game zu Studienzwecken

Die London Sinfonietta – sie hatte die App beim Entwickler Touchpress in Auftrag gegeben – verfolgt mit dem Game aber noch ein anderes Ziel. Zum einen will sie damit erforschen, ob und wie sich dank einer solchen App musikalische Fähigkeiten vermittelt lassen. Und zum anderen, ob die App der Neuen Musik ein grösseres Publikum verschaffen kann.

Zwei Männer beim Klatschen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer nach 12 Schlägen verschiebt sich der Rhythmus des einen Klatschenden. Klingt kompliziert – ist es auch. Touchpress

Erste Ergebnisse der Studie liegen bereits vor: Demnach schaffte es «Clapping Music» tatsächlich, ein grösseres Publikum für die Musik von Steve Reich zu begeistern – wenn auch nicht für die zeitgenössische Klassik an sich. Und die meisten Spieler hatten das Gefühl, dass die App ihr Rhythmusgefühl verbessern konnte. Bloss eine Minderheit gab das Spiel enttäuscht auf, weil sie nicht weiterkam. Zumindest auf der schwierigsten Stufe von «Clapping Music» ist Aufgeben durchaus verständlich.