Computer-Guru mit Weitblick

Am Symposium für tragbare Computersysteme an der ETH Zürich war Thad Starner eines der Highlights. Der Entwickler der Google-Computerbrille gilt als Star in der Szene. «Google-Glass» soll dereinst schneller sein als das Smartphone. Starner selbst kommt dafür gerne mal Stunden zu spät.

Thad Starner trägt die Computerbrille «Google Glass» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So sieht Thad Starner die Welt: In Zürich präsentiert der Pionier seine Computerbrille «Google Glass», mit der er einst das Smartphone ersetzen will. Peter Buchmann/SRF

Von einem Termin zum nächsten hetzen, das ist offensichtlich nicht Thad Starners Spezialität: Statt wie vereinbart nach dem Mittagessen zum Interview-Termin mit Radio SRF zu erscheinen, trifft er erst gegen Abend ein, gut gelaunt und überhaupt nicht in Eile. Auch zu seinen eigenen Vorlesungen an der Georgia Tech-Universität in den USA komme Starner des Öfteren zu spät, sagte ein Mitarbeiter, das sei normal bei ihm.

Ein Exot mit schlauer Brille

Thad Starner fällt auf, auch in der Erscheinung. Die intelligenten Brillen, die er entwickelt, trägt er gleich selber, tagtäglich, seit mittlerweile 20 Jahren. Am Symposium für tragbare Computersysteme auf dem Hönggerberg kürzlich war er leicht zu erkennen, denn sein rechter Brillenbügel sieht aus wie ein dicker bunter Bleistift, der hinter dem Ohr steckt. Und wenn er die Brille aktiviert, irritiert ein Leuchten oben im rechten Brillenglas sein Gegenüber.

Die Google-Brille

5:18 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 14.09.2013

Dort befindet sich nämlich der Minibildschirm der Computerbrille, die Starner für die Firma Google entwickelt. Der Computer selbst ist im bunten Bügel integriert. Mit Hilfe eines Touchscreens am Bügel, Sprachbefehlen und Augenbewegungen kann der Brillenträger E-Mails und SMS verschicken, googeln, fotografieren oder filmen.

Es geht um mehr als nur Sekunden

Eigentlich kann die Brille in etwa das gleiche wie die heutigen Smartphones. Doch sei sie schneller, so Thad Starner: «Um das Smartphone hervorzuholen, zu entsperren und zum Beispiel etwas zu googeln, dauert es fast eine halbe Minute. Die Brille hingegen braucht dazu höchstens zwei Sekunden.» Mit diesem Plus soll sie dereinst, wenn sie denn ab 2014 auf dem Markt ist, den Smartphones Konkurrenz machen.

Da entwickelt einer eine Brille, die um ein paar Sekunden schneller ist, doch hat er es selbst im Leben so gar nicht eilig. Wie geht das zusammen? Sein Ziel sei es eben nicht, ein paar Sekunden Zeit zu gewinnen, sagt der Spezialist für tragbare Computer. Die verkürzte Reaktionszeit habe einen anderen Vorteil: «Sie beseitigt die Barriere zwischen Absicht und Handeln». Solche Barrieren gebe es viele im Alltag. «Sie zu reduzieren, macht das Leben freier und angenehmer», so die Philosophie des US-Computerwissenschaftlers.

Thad Starner sitzt mit einem Kollegen in der Lobby des MIT. Beide tragen eine Computerbrille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit 20 Jahren nur mit smarter Brille unterwegs: Thad Starner (links) probiert 1998 mit einem Kollegen am MIT die neueste Computerbrille aus. Keystone

Die Einsicht kam in der Vorlesung

Das Aha-Erlebnis, das ihn zu dieser Philosophie führte, hatte er als Student vor 20 Jahren. Im Hörsaal habe er nie gleichzeitig aufmerksam der Vorlesung des Professors folgen und mitschreiben können, «ich war beim Schreiben schlicht zu langsam», erzählt er. Doch dann habe er gemerkt, dass dieses Problem verschwand, wenn er den Fokus seiner damaligen Computerbrille veränderte, auf der er die Mitschrift projiziert sah. «Wenn die Darstellung auf dem Bildschirm gleich weit entfernt erschien wie die Wandtafel, wurde ich konzentrierter und schneller. Denn ich musste nun nicht mehr dauernd den Blickwinkel ändern – von nah zu fern». Dank dieser Entlastung habe er viel schneller schreiben können.

Ankündigung und Realität

Welche Entlastung die Googlebrille dereinst bietet, muss sich aber noch zeigen. Vorläufig überzeuge ihre Handhabung noch nicht, ist von manchen der 8000 Personen zu hören, die sie zurzeit in den USA testen. Bis zur Markteinführung werden Thad Starner und sein Team wohl noch einiges an Arbeit investieren müssen - damit es keine Kluft gibt zwischen Ankündigung und Realität.