Das Selfie ist das bessere Bild

Das Massenphänomen «Selfie» soll unseren Narzissmus spiegeln. Doch statt in Kulturpessimismus zu verfallen, finden wir: Das Selfie ist eine wunderbare Form der Fotografie. Es ist oft das bessere Bild. Das sind unsere Argumente für das Selfie.

Guido Berger fotografiert sich selbst in Okinawa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Habe ich schon erwähnt, dass ich Selfies gut finde? Das ist der Beleg: eine Reise, tausend Selfies. Guido Berger

Kein Internet-Wort hat sich so ausgebreitet wie «Selfie». Doch in jedem Hype-Zyklus folgt auf den hysterischen Höhepunkt die Ernüchterung. Und so wird das Selfie in den Feuilletons schon länger misstrauisch beäugt. Und immer gleich mit Narzissmus in Verbindung gebracht, denn schliesslich muss jedes kulturelle Massenphänomen den Untergang des Abendlandes einleiten.

Matthias Heine fasst in der «Welt» dieses «kulturkritische Gejammer» spöttisch so zusammen:

«  Das Selfie ist in dieser Weltsicht ein Quickie mit sich selbst, ein Akt der fotografischen Selbstbefriedigung. »

Gina Thomas meint es in der «FAZ» dann aber ernst:

«  In unserer Ich-Ich-Ich-besessenen Zeit geht diese Selbstbezogenheit offenbar einher mit einem Bedürfnis nach Selbstbestätigung, das durch die der Zahl der «likes» befriedigt wird – oder nicht. »

So auch Martin Meyer erst kürzlich in der «NZZ»:

«  Wenn heute etwas kulturell leitend und anleitend geworden ist, so ist es die Darstellung des Selbst. Dieses Selbst ist in der Regel substanzmässig von atemberaubender Durchschnittlichkeit. »

Zugespitzt: Selfies seien Ausdruck einer narzisstischen Gesellschaft, die vor ihrem eigenen Antlitz masturbiert.

Das mag sein. Doch auf diese inhaltliche Argumentation will ich eigentlich gar nicht eingehen. Denn der formale, handwerkliche Aspekt scheint mir bedeutsamer: Das Selfie ist eine wunderbare fotografische Form. Es ist dem gewöhnlichen Schnappschuss überlegen. Dank der Form fliegen durch unsere Social-Media-Kanäle schlicht bessere Fotos.

Dies sind meine Argumente für das Selfie:

1. Gesicht

Auf einem Selfie ist per Definition mindestens ein Gesicht. Wir Menschen sind soziale Tierchen und suchen andere Gesichter. Ein Foto mit Gesicht drauf zieht uns naturgemäss an.

Dazu ist unser Gesicht auf dem Selfie eine kleine Zeitkapsel. Während sich der Eiffelturm über die Jahre kaum verändert, altern wir. Dieses Selfie wird also spannender anzuschauen sein als der Schnappschuss vom Turm allein. Es dokumentiert unser Leben.

2. Vordergrund und Hintergrund

«Vordergrund macht Bild gesund», sagen die Fotografen. Eine Totale vom Eiffelturm ist nur Hintergrund und deshalb langweilig. Selfies dagegen haben fast immer einen Vordergrund, unser Gesicht. Und einen Hintergrund, eine Sehenswürdigkeit oder andere Menschen. Das gibt dem Bild eine Dynamik, das Foto erzählt eine kleine Geschichte.

3. Zufall und Spass

Es ist oft unbequem, ein Selfie zu machen. Wir nehmen seltsame Körperhaltungen ein, besonders in einer Gruppe. Der Ausschnitt ist etwas unkontrolliert. Was sich im Hintergrund abspielt, sehen wir vielleicht nicht. Wir drücken mehrmals ab und wählen dann aus.

Deshalb ist ein Selfie immer etwas zufällig, das Knipsen macht Spass. Das ist keine Garantie, aber es sind gute Voraussetzungen für ein überraschendes Foto.

4. Absicht

Wir machen ein Selfie, um es auf Social Media mit anderen zu teilen. Es ist das unmittelbare, gemeinsame Erleben eines Moments. Das Selfie ist Teil einer bewussten Kommunikation. Deshalb hat ein Selfie immer eine Absicht. Wir machen ein Selfie nie einfach so. Eine Absicht zu haben, gibt bessere Bilder.

5. Authentischer

In klarem Widerspruch zum Narzissmus-Vorwurf ist die Selfie-Perspektive oft unvorteilhaft – das Weitwinkelobjektiv des Smartphones aus kurzer Distanz macht uns selten schöner.

Trotzdem ist natürlich auch ein Selfie inszeniert. Das gilt für fast jede Fotografie. Dem Selfie aber sieht man die Inszenierung sofort an. Wir kennen die Form und wissen, wie sie entsteht.

Deshalb sind Selfies authentischer. Kein Bild ist die reine Wahrheit. Doch das Selfie ist unmittelbar, die Inszenierung transparent. Es sagt: Hier bin ich und zeige euch, was ich gerade erlebe.

Damit ist es die perfekte Form für Social Media und hat sich deswegen so rasant verbreitet.

Ich sehe keinen Grund, das schlecht zu finden: Denn mit Bildern überflutet werden wir eh. Die Form des Selfies macht diese Flut aber ein bisschen besser.

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von «Selfie» sprechen? Hier unsere Definition.

Selfie oder nicht?

  • Selfie oder nicht?

    Du stehst vor dem Eiffelturm. Du zückst dein Smartphone. Du machst:

  • Ein Selfie! Der Turm allein ist langweilig.

    39%
  • Ein Foto vom Turm! Meine Fresse will niemand sehen.

    61%
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