Die grosse Röhre der Internet-Anbieter

Die Swisscom bewirbt in einer aggressiven Kampagne ihr Internet-Angebot mit einer Zahl: 1 Gbit/s. Weil sich viele darunter nichts vorstellen können, basiert der Werbe-Effekt vor allem auf dem «mehr ist besser».

Spricht man mit den Menschen auf der Strasse, so sind die meisten mit der Geschwindigkeit ihres Internetanschlusses zufrieden. Einige finden, dass es gerne noch etwas schneller gehen könnte, denn mehr schadet ja nicht. Wie schnell die eigene Leitung in Zahlen ausgedrückt ist, weiss praktisch niemand. Die magische Zahl «1 Gbit/s» kommt aber vielen irgendwie bekannt vor – kein Wunder, denn Swisscom wirbt zurzeit in den Zentren aggressiv damit. Dass es sich dabei um die Datenmenge handelt, die innerhalb einer Sekunde übers Internet nach Hause ausgeliefert werden kann, verstehen weniger Nutzer als man denkt. Dessen sind sich die Swisscom-Werber offenbar durchaus bewusst und liefern deshalb in ihrer Kampagne auch gleich Vergleiche mit, die diese magische Zahl greifbar machen sollen.

Swisscom entkräftet das eigene Argument

Ein Gbit/s – also ein Gigabit pro Sekunde – heisst laut Swisscom: Ich kann in zwei Sekunden 50 Bücher herunterladen, in 7 Sekunden bekomme ich 14 Musik-Alben und auf 7 Filme muss ich nur 5 Minuten warten. Bloss: Um um 14 CDs zu hören braucht man etwa 14 Stunden, um 50 Bücher zu lesen gar mehrere Wochen. Dass eigentlich niemand 1 Gbit/s zu Hause braucht, liegt deshalb auf der Hand. Fragt sich bloss: Wie schnell ist denn schnell genug? Das wiederum hängt sehr stark davon ab, wie jemand das Internet nutzt.

Typ 1: Texte stehen im Zentrum

Unsere nicht-repräsentative Umfrage (siehe Video) zeigt: Viele Menschen begnügen sich mit dem Verschicken von Mails, sie lesen den Wetterbericht oder suchen nach Text-Information; Musik kaufen oder Filme schauen ist für sie kein Thema. Dafür reicht heute bei den meisten Providern das Grundangebot, 10 Mbit/s ist auf jeden Fall genug.

Typ 2: Alleine Filme schauen

Will man Filme kaufen und herunterladen oder auf einer Seite wie srf.ch Videos anschauen, so reichen in der Theorie 10 Mbit/s – das ist hundert Mal langsamer als das 1 Gbit/s, mit dem Swisscom wirbt. Das Problem: Oft kann man sich auf die Geschwindigkeitsangaben eines Anbieters nicht verlassen, weil er diese nicht garantiert sondern einfach verspricht, sich «Mühe zu geben» – auf Englisch hat sich dafür der Fachbegriff «Best Effort» durchgesetzt. Wer Filme im Internet anschauen will, ist daher mit einer Datenrate von 20 Mbit/s auf der sicheren Seite.

Typ 3: Die Wohngemeinschaft schaut in die Röhre

Wohnen mehrere Personen in einem Haushalt, die sich nicht mit Texten begnügen sondern gerne Videos übers Internet schauen oder gamen wollen, und dies auch noch gleichzeitig, dann ist eine schnelle Internet-Leitung gerechtfertigt. Doch auch in diesem Falle sind die 1 Gbit/s von Swisscom oder die 250 Mbit/s von Cablecom überdimensioniert. Mit einer Leitung von 50 KBit/s kommt man schon sehr weit, eine 100 MBit/s Leitung reicht auch für eine grosse Wohngemeinschaft.

Geschwindigkeit am falschen Ort

Einen grossen Vorteil hat der 1 Gbit/s-Internetanschluss jedoch auch für die privaten Nutzer: Selbst gedrehte Videos oder Fotos gelangen viel schneller ins Internet.

Die Geschwindigkeitsangaben der Anbieter haben nämlich einen Haken. Sie beziehen sich immer auf des Herunterladen von Inhalten, das Hochladen dauert viel länger – bei den aktuellen Angeboten der Swisscom beispielsweise zehn Mal länger. Oft reicht diese Geschwindigkeit nicht aus, wenn man grössere Dateien mit Bekannten übers Internet teilen will. Statt mit überrissenen Download-Geschwindigkeiten zu imponieren täten die Anbieter deshalb gut daran, die Geschwindigkeit zum Hochladen von Daten zu erhöhen. Auf diese Weise hätten die privaten Nutzer wirklich etwas von der gesteigerten Geschwindigkeit.