Die SIM-Karte wird beerdigt

25 Jahre lang gehörte die SIM-Karte zum festen Inventar des Handys. Noch einmal 25 Jahre wird sie es nicht machen. Denn mit der eSIM ist das Ende der traditionellen SIM-Karte eingeläutet. Wir erklären, wie ihre Nachfolgerin funktioniert und was sich durch sie verändert.

 Vier Simkarten-Formate, daneben ein Sarg. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Karte macht sich überflüssig: Von der Full-Size- zur Mini- zur Micro- zur Nano- und schliesslich zur Embedded-SIM. SRF

Auf die klassische SIM-Karte folgt die eSIM. Das «e» steht für «embedded», also eingebaut. Das beschreibt auch den wichtigsten Unterschied zur SIM-Karte, wie wir sie kennen: Eine eSIM ist fest im jeweiligen Gerät verbaut und kann nicht mehr ausgetauscht werden. Was wie eine rein technische Änderung klingt, hat für Kunden, Gerätehersteller und Netzbetreiber weitreichende Folgen. Doch zuerst zum technischen Aspekt:

Wie funktioniert eine eSIM?

Statt eine SIM-Karte im Mini-, Micro- oder Nano-Format zum Beispiel ins Smartphone zu schieben und dann freizuschalten, setzen wir die eSIM virtuell in Betrieb. Das Profil unseres Netzanbieters laden wir über das Mobilfunknetz herunter und aktivieren es dann gleich auf dem Gerät. Auf dem gleichen Weg können wir die eSIM auch deaktivieren oder löschen, wenn wir den Anbieter wechseln wollen.

Eine Smartwatch in einer Schachtel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Smartwatch Gear S2 Classic 3G von Samsung ist das erste Gerät mit eSIM auf dem Schweizer Markt. SRF

Die eSIM bezieht ihre Profil-Informationen von einem sogenannten «Universal-Server». Auf ihm sind die Profile verschiedener Netzanbieter gespeichert. So können wir beim Aktivieren der eSIM ganz einfach zwischen verschiedenen Angeboten wählen.

In der Schweiz gibt es mit der Swisscom erst einen Anbieter mit eSIM-Abonnement. Und das nicht für Smartphones, sondern für die Smartwatch Gear S2 Classic 3G von Samsung, mit der sich auch telefonieren lässt. In Zukunft will Swisscom Geräte wie Tablets, Fitnessbänder, Tracker und weitere Smartwatches folgen lassen. Erst danach sollen auch Smartphones kommen.

Was bedeutet die eSIM für die Kunden?

Für uns Kunden ändert sich oberflächlich nur wenig – ausser, dass wir die SIM-Karte nicht mehr aus einer Plastikkarte herausbrechen und dann umständlich ins Smartphone hineinschieben müssen. Bei vielen Geräten geht das sogar nur mit Hilfe einer Büroklammer. Auch das Problem, dass mit dem Kauf eines neuen Geräts oft ein neues SIM-Karten-Format nötig ist, gehört der Vergangenheit an.

Eine Aktivierungskarte für eine eSIM. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zur Aktivierung braucht es nur noch einen Code. Es muss kein Chip mehr aus einer Plastikkarte gebrochen werden. Swisscom

Die eSIM verspricht noch weitere Erleichterungen – theoretisch zumindest: Der Wechsel vom einen Anbieter zum anderen fällt leichter, weil er direkt vom Gerät aus erledigt wird. Das ist etwa in den Ferien interessant, wenn wir Roaming-Kosten sparen und uns bei einem lokalen Betreiber ins Netz einbuchen wollen. Auch zu Hause können wir so unkompliziert Anbieter wechseln, um von den jeweils günstigsten Tarifen zu profitieren.

Ausserdem ist es technisch möglich, eine eSIM im Dual-Modus zu betreiben. So können wir auf demselben Telefon zwei verschiedene Nummern haben und auf diese Weise ein einziges Smartphone zum Beispiel als Privat- und Geschäftstelefon benutzen. Allerdings: Wie viele Freiheiten uns tatsächlich zugestanden werden, werden letzten Endes die Gerätehersteller und Netzbetreiber entscheiden. Denn genauso einfach lässt sich auf einer eSIM auch ein SIM-Lock einrichten, der uns an einen bestimmten Anbieter bindet.

Was die Sicherheit betrifft, wird sich mit der eSIM nichts ändern. So erklärte Swisscom-Sprecher Armin Schädeli gegenüber der Webseite Watson, eine eSIM sei genauso sicher wie die herkömmliche physische SIM-Karte: Profildaten würden end-to-end verschlüsselt auf die eSIM übertragen. Und auch Überwachung ist im gleichen Mass möglich. Denn bei der Frage, ob sich ein Gerät einem bestimmten Benutzer zuordnen lässt, spielt es keine Rolle, ob die SIM-Karte physisch auswechselbar oder fest im Gerät verbaut ist.

Was bedeutet die eSIM für die Gerätehersteller?

Die eSIM kann platzsparend und flexibel im Gerät verbaut werden. Weil kein Schacht für das Einfügen einer SIM-Karte mehr nötig ist und die 6 mal 5 Millimeter grosse und einen Millimeter dicke eSIM kompakter als die kleinste SIM-Karte ist, steht mehr Platz für Batterie oder Speicher zur Verfügung.

Auch eine weitere Miniaturisierung der Geräte ist leichter. Das ist beim Internet-der-Dinge interessant, wo Maschinen, Geräte und sogenannte «Wearables» über das Mobilfunknetz direkt miteinander kommunizieren. Die deutsche Telekom schätzt, dass schon in fünf Jahren jeder von uns bis zu zehn solcher vernetzter Geräte besitzen wird. Und dann wird niemand Lust haben, bei jedem einzelnen von ihnen mit Hilfe einer Büroklammer eine klassische SIM-Karte einzusetzen.

Was bedeutet die eSIM für die Netzbetreiber?

Für die Netzbetreiber ist die eSIM eine zweischneidige Angelegenheit. Es heisst, viele von ihnen hätten versucht, die Einführung der neuen Technik so lange wie möglich herauszuschieben.

Oben SIM-Karten, die immer kleiner werden, unten der Mensch, wie er sich vom Affen zum Homo Sapiens entwickelt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die einen werden kleiner, die anderen grösser: Die Evolution der SIM-Karte hin zur eSIM. SRF

Zum einen profitieren die Netzbetreiber zwar, weil sie keine SIM-Karten mehr verwalten und diese auch nicht mehr physisch ausliefern müssen. Ausserdem hoffen die Betreiber, die neue Technik werde das Internet-der-Dinge zusätzlich befeuern. Wenn mehr solche Geräte ans Netz angeschlossen werden, steigt auch die Zahl möglicher Mobilfunkabonnemente.

Zum anderen kann die eSIM für die Netzbetreiber aber einen Kontrollverlust bedeuten. Bisher konnten sie den Kunden mit ihren Angeboten direkt ansprechen und ihm allenfalls noch weitere Angebote verkaufen. Nun läuft die Auswahl des Anbieters relativ anonym über die Oberfläche des Geräteherstellers, dem so mehr Macht zufällt.

Und weil es eine eSIM für den Kunden wie oben beschrieben einfacher machen kann, den Anbieter zu wechseln, könnte künftig auch die Konkurrenz unter den Netzbetreibern zunehmen. Sie werden noch mehr darauf achten müssen, ihre Kunden mit einem möglichst attraktiven Angebot an sich zu binden.

Wann können wir uns endgültig von der klassischen SIM-Karte verabschieden?

Mit der Smartwatch Gear S2 Classic 3G von Samsung hat die Swisscom das erste Gerät mit einer eSIM in der Schweiz lanciert. Auch wenn Hersteller wie Apple, Samsung und andere bei ihren nächsten Smartphones vielleicht schon auf das neue Format setzen, wird es noch einige Jahre dauern, bis die klassische SIM-Karte ganz verschwunden ist. Experten rechnen frühestens in 10 Jahren damit.

Grund: Nicht alle Netzbetreiber verfügen über den Willen und die Mittel, so schnell wie möglich auf die neue Technik umzuschwenken. Deshalb werden auch die Gerätehersteller noch längere Zeit beide Systeme unterstützen müssen. Zum Beispiel mit eSIM-Geräten, die zusätzlich einen Schacht für klassische SIM-Karten haben.