Diese Uhr steht nach 30 Minuten still. Sie ist genial!

Ein Software-Ingenieur, der seinen Job an den Nagel hängt, um mit dem 3D-Drucker ein Uhrwerk zu bauen nach Vorbildern aus dem Luxus-Segment: Diese Geschichte kann nur aus dem Uhrenland Schweiz stammen. Konkret kommt sie aus Hedingen am Albis. In dieser Gemeinde wohnt der erste Uhrmacher 4.0.

Andere machen eine Weltreise, wenn sie sich eine Auszeit nehmen. Christoph Laimer (45) aus Hedingen am Albis hat seine freie Zeit dazu genutzt, eines der kompliziertesten mechanischen Werke zu bauen, eine Uhr.
Wieso das? «Weil mich Uhren faszinieren», sagt er. Und weil auch sein 3D-Drucker eine Auszeit benötigt habe, eine neue Tätigkeit. «Als ich das Gerät gekauft habe, habe ich zuerst ein paar Lego-Zahnrädchen gedruckt für die Kinder – da lag es dann nahe, eine Uhr zu bauen.»

Jetzt steht sie da, auf dem Tisch der grossen Werkstatt im Keller seines Hauses. Es ist keine Armbanduhr, auch keine Wanduhr, eher eine übergrosse Kaffeetasse. Keine Schönheit, aber auch nicht hässlich – einfach speziell. Das Aussehen ist auch eher Nebensache, die wahre Sensation liegt im Innern der Uhr. Christoph Laimer hat nämlich keine Fertigteile aus dem Handel verwendet, sondern alle Einzelteile selber produziert mit seinem 3D-Drucker. Es sind rund 50 Teile, die perfekt zusammenpassen. Das müssen sie auch, damit die Uhr funktioniert.

Jedes Teil aus Kunststoff gedruckt: Das gab's noch nie

Entworfen hat Christoph Laimer die Uhr am Computer, in einem CAD-Programm. Anschliessend hat er jedes Teil ausgedruckt. Das Wissen dazu hat er sich selber beigebracht, Wikipedia leistete gute Dienste dabei zu verstehen, wie ein Uhrwerk tickt. Wie sein 3D-Drucker tickt, hat er selber herausgefunden – mit «trial and error». Entsprechend viel «Ausschussmaterial» liegt in verschiedenen Kartonschachteln am Rand des Werkstatt-Tisches: Dutzende, wenn nicht hunderte von Zahnrädern und Federn, die nicht den Zweck erfüllten, den sie sollten.

Bei manchen, besonders grossen Teilen musste der Drucker die ganze Nacht durcharbeiten. Hätte Christoph Laimer selbst durchgearbeitet, hätte er zwei Monate in der Werkstatt leben müssen, schätzt er. Natürlich hat er aber Pausen eingelegt, schon nur wegen den Sommerferien – alles andere hätte zu einer Familienkrise geführt.

Lohn der Anstrengungen ist eine Uhr, die an der Uhrenmesse Basel eine gute Falle machen würde, denn er hat eine Mechanik eingebaut, die vor allem im Luxussegment vorkommt: Ein Tourbillon. Und natürlich hat er auch dieses hochkomplexe Teil ausgedruckt. Sogar die Antriebsfeder ist aus Kunststoff – «eigentlich ein Blödsinn, da Kunststoff nur wenig Energie speichert», deshalb steht sie auch nach 30 Minuten bereits still – aber das Ziel sei nun einmal gewesen, alle Teile auszudrucken. Das gab es nämlich seines Wissens noch nie, wenigstens nicht im Hobbybereich. Das Video zu seinem Projekt sorgte in der Uhren-Szene dementsprechend für Aufsehen.

Die euphorischen Reaktionen gipfelten vor ein paar Tagen in einem Fachbeitrag, den ein Uhrmacher in einem amerikanischen Magazin für Uhrenliebhaber veröffentlichte – seither ist der Nicht-Uhrmacher Christoph Laimer quasi in der Zunft aufgenommen.

Der Tüftler wartet nun gespannt darauf, ob und wann andere Bastler seine Uhr nachbauen, also erste Kopien erscheinen. Bei seinem noch wackeligen ersten Modell vor zwei Jahren waren es etwa 30, aber diese erste Version sei wesentlich einfacher konstruiert gewesen, meint Laimer.

Die Plan-Datei jedes einzelnen Bauteils seiner Uhr hat er auch diesmal wieder der Community zur Verfügung gestellt, jeder kann sich seine neue Uhr also ausdrucken, aber bis jedes Teil an seinem Ort und die Uhr korrekt zusammengebaut ist, braucht es eben doch mehr als einen 3D-Drucker.

Er wisse von einer Handvoll Personen, die die Teile bereits ausgedruckt hätten, den kompletten Zusammenbau habe aber bis jetzt noch keiner geschafft. «Es ist ein Projekt für Fortgeschrittene!», meint Christoph Laimer und warnt, «ohne ein gewisses Verständnis für die Funktionsweise einer Uhr kann es schnell in Frust ausarten».

Wer möglichen Frust aber nicht scheut, kann sich nun ans Werk machen. Die Dateien der einzelnen Teile zum Ausdrucken auf einem 3D-Drucker und ausführliche Anleitungen des Meisters gibt's hier.
Dank der Digitalisierung kann also die Uhr aus Hedingen theoretisch überall nachgebaut werden und die Welt erobern.