Digital am Sonntag, Nr. 23: Der Feudalherr ist abgelenkt

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone

Die Feudalherren des Internet

Der vielzitierte Sicherheitsspezialist Bruce Schneier macht für das Harvard Business Review eine anschauliche Analogie: Er meint, dass sich unser aktuelles Modell für Computer-Sicherheit mit dem Sicherheitsmodell der feudalen Gesellschaftsordnung im Mittelalter vergleichen lasse.

Da war ein Fürst für die Sicherheit, also die militärische Verteidigung seiner Vasallen und Bauern zuständig. Im Gegenzug ernährten letztere die Kriegerkaste. Und so sei es auch bei Computer-Sicherheit, je mehr wir unsere Daten und Dienste in die Cloud, respektive zu den grossen Feudalherren Google, Facebook, Microsoft, Apple, Amazon auslagern.

Diese feudale Struktur biete den Vorteil, dass die hohen Herren Computersicherheit besser können als wir Normalsterblichen. Umgekehrt birgt die Struktur ein Risiko: Macht ein Feudalherr einen Fehler, leiden darunter viele. Und schliesslich warnt Schneier vor dem Machtgefälle, das ein solches Model impliziert. Wir wollen nicht Leibeigene unserer Internet-Feudalherren werden:

«  The feudal relationship is inherently based on power. In Medieval Europe, people would pledge their allegiance to a feudal lord in exchange for that lord's protection. This arrangement changed as the lords realized that they had all the power and could do whatever they wanted. Vassals were used and abused; peasants were tied to their land and became serfs. »

Kopierschutz verändert Text

Ernesto von Torrentfreak berichtet über Themen aus dem Dunstkreis der Piraterie. Er beschreibt ein deutsches Kopierschutz-Projekt für E-Books. Dabei sollen einzelne digitale Kopien eines Buches mit einem digitalen Wasserzeichen so markiert werden, dass beim Auftauchen einer illegalen Kopie zurückverfolgt werden kann, wer die ursprünglich besessen und wohl kopiert hat.

Technisch ist die Idee interessant: Es werden im Text selbst einzelne Wörter leicht verändert oder Satzstellungen umgestellt. Genug dieser Änderungen ergeben dann ein individuelles Muster. Einzeln sind sie so unbedeutend, dass sie beim Lesen nicht als Änderung wahrgenommen werden. Beispielsweise steht dann «nicht denkbar» statt «undenkbar». Oder «Kriege, Gewalt und Verbrechen» statt «Gewalt, Verbrechen und Kriege». Laut Projektbeschrieb will man damit dieses Ziel erreichen:

«  Benutzer werden so zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Kopie angehalten und vor illegaler Weitergabe abgeschreckt, da die Kopien anhand der Markierung auf sie zurückverfolgt werden können. »

Wie bei vielen Kopierschutz-Systemen werden Konsumenten auch hier als potentielle Kriminelle gesehen. Und als einer, der sich jeweils genau überlegt, in welcher Reihenfolge ich drei Wörter aufliste, würde ich wohl lauthals protestieren bei einem Verlag, der so ein System einsetzen und damit einfach zufällig meine Texte verändern würde.

Wer das liest ist – Nein, nicht doof! – geduldig

Farhad Manjoo schreibt für das Online-Magazin Slate und ist etwas frustriert, weil die Leute seine Artikel nicht zu Ende lesen. So klingt jedenfalls sein Beitrag über die Analyse des Nutzerverhaltens bei Slate. Formal macht er das geschickt: Er führt im Text laufend Protokoll, wie viele Leser jetzt bereits abgehängt haben. Und wieder sind zehn weg. Und jetzt müssten sie scrollen! Zack, wieder ein paar weg. Und jetzt twittern sie den Artikel schon, obwohl sie noch gar nicht zu Ende gelesen haben!

Dieses Dauerabspringen ist für einen Autor mit Herzblut natürlich nicht leicht zu ertragen. Doch in seiner frustrierten Schlussfolgerung konzentriert er sich für meinen Geschmack etwas zu sehr auf den leeren Teil des Glases. Denn dass die Leute früher jeden Artikel in der Zeitung und jede Seite eines Buches gründlich von A bis Z durchgelesen hätten, ist eine Illusion. Dieser Wahrheit mussten wir einfach mangels Messmethoden nie in die Augen sehen. Wenn wir das jetzt tun und dann in Kulturpessimismus verfallen, dann unterschätzen wir die Wirkung auf diejenigen, die zu Ende gelesen haben.

«  Maybe this is just our cultural lot: We live in the age of skimming. I want to finish the whole thing, I really do. I wish you would, too. Really — stop quitting! But who am I kidding. I'm busy. You're busy. There's always something else to read, watch, play, or eat. OK, this is where I'd come up with some clever ending. But who cares? You certainly don't.  »