Digital am Sonntag, Nr. 54: Das Internet im Dauer-Geburtstag

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone

Schon wieder: Das Internet feiert Geburtstag

Diese Woche feierte das Internet seinen 25. Geburtstag, denn am 12. März 1989 erfand Tim Berners-Lee am CERN das World Wide Web. Vielleicht ist das Internet aber schon 44 Jahre alt – so lange ist es nämlich her, dass sich erstmals zwei Computer (im Arpanet) eine Nachricht schickten. Oder das Netz begann sein Leben doch erst im Jahr 1985 mit der Registrierung der ersten «.com»-Adresse. Kurz: Das Internet hat viele Geburtstage und keiner davon ist der einzig richtige. «The internet has too many anniversaries» schreibt denn auch Lily Hay Newman im Onlinemagazin «Slate» und warnt:

«  If we don't stop collecting techniversaries and writing about them every year or every five years, we'll have more than one a day soon. The anniversary of Berners-Lee's proposal to CERN is important, but overall we need to chill out. »

Lily Hay Newman

Medien stürzen sich mit Vorliebe auf Jubiläen aller Art. Zum einen, weil sich Beiträge dazu leicht planen lassen. Zum anderen, weil solche Geschichten auch beim Publikum gut ankommen. Bloss mit der Wirklichkeit des technischen Fortschritts hat das wenig zu tun: Kaum eine Erfindung geht auf einen einzigen, genialen Tüftler zurück (beteiligte Frauen gehen bei solchen Jubelfeiern sowieso meist vergessen), kaum eine Entdeckung wird schlagartig, von heute auf morgen gemacht.

Wie jede neue Technik kam darum auch das Internet schrittweise in die Welt, vom Arpanet über Berner-Lees Versuche am CERN bis zum kommerziellen WWW. Bloss lassen sich solche komplexen Entwicklungen nur schlecht in leserfreundliche Jubiläumsartikel fassen.

Vom Klick-Web zum Aufmerksamkeits-Web

Bleiben wir beim Thema: Mit ein Grund dafür, dass wir dem Internet im Wochentakt «Happy Techniversary» singen könnten, ist der Umstand, dass Daten und Zahlen in den Speichern des Netzes genauestens erfasst werden und einfach auszulesen sind – sei es nun der Geburtstag der ersten «.com»-Adresse oder die Zugriffszahlen einer Homepage. Und wo Zahlenmaterial so leicht verfügbar ist, da wird es auch für allerlei Zwecke instrumentalisiert. Zum Beispiel zum Messen der Klicks auf einen Webartikel. Solche Klickzahlen seien im Geschäft mit dem Internet zum alles bestimmenden Faktor geworden, schreibt Tony Haile im Nachrichtenmagazin «Time»:

«  However, the click had some unfortunate side effects. It flooded the web with spam, linkbait, painful design and tricks that treated users like lab rats. Where TV asked for your undivided attention, the web didn’t care as long as you went click, click, click. »

Tony Haile

Unter dem reisserischen Titel «What you think you know about the web is wrong» (der selbst wohl zu möglichst vielen Klicks führen soll) versucht Haile darum einigen Internet-Mythen ein Ende zu bereiten. Etwa der Meinung, dass ein Klick auf einen Artikel auch bedeute, dass dieser gelesen wird. Nur 45 Prozent der Leute, die einen Link geklickt haben, blieben länger als 15 Sekunden auf der aufgerufenen Seite. Oder dem Glauben, dass «Social Shares» – also das Weiterleiten eines Artikels per Twitter oder Facebook – das Interesse der Leserschaft widerspiegelten. Denn gerade die meist geteilten Artikel würden kaum gelesen, so Haile, der selbst CEO der Web-Analyse-Firma Chartbeat ist.

Aber, so der Autor weiter: Langsam verliere der Klick als einzig selig machende Grösse im Netz an Bedeutung. Stattdessen werde der Faktor Aufmerksamkeit wichtiger. Neue Messmethoden lassen genauer bestimmen, wie lange sich jemand auf einer Seite aufhält und was die Personen sich dort genau anschaut. Dass Aufmerksamkeit als Messgrösse nun an Bedeutung gewinnt hat laut Haile Einfluss auf Inhalt und Design einer Webseite: weg von aufmerksamkeitsheischenden Schlagzeilen, denen banale Inhalte und mit Werbung zugepflasterte Webseiten folgen, hin zu Qualität und leserfreundlicher Gestaltung. Hoffen wir nur, dass Haile mit seiner Prognose auch Recht behält.

Vom Holzhacker zum Computerspion

«Hacken» und «Hacker» sind nicht nur im Englischen das Wort der Stunde. Sei es in Berichten zur NSA-Affäre oder in Alltags-Tipps, die unter dem Stichwort «Lifehack» gesammelten werden. Im Magazin «The New Yorker» fasst Ben Yagoda nun die Geschichte des Wortes unter dem Titel «A short history of 'hack'» zusammen. Die englische Sprache kennt das Wort seit ungefähr dem Jahr 1200, als es noch unserem deutschen «Hacken» (wie in: Holzhacken) entsprach. Erst in den 1950er-Jahren begann sich die heutige auf den Umgang mit Computern bezogene Bedeutung durchzusetzen.

Während «hacken» damals noch wertfrei das sich Herumschlagen mit Computer- oder technischen Problemen beschrieb, dominierte in der Öffentlichkeit aber bald einmal das Bild des Hackers mit bösen Absichten, der in fremden Systemen nach geheimen Daten sucht. In Hackerkreisen selbst spricht man dabei vom «black hat hacking».

«  The black-hat sense proved irresistible to members of the media and other non-techies, no doubt in part because 'hack' sounds malicious—not to mention that 'hack' rhymes with 'attack.' […]Although Lifehacker and other neutral or positive applications of the word are increasingly prominent, the black-hat meaning still prevails among the general public. Indeed, it has probably influenced the interpretation and enforcement of the Computer Fraud and Abuse Act. It’s as if the mere existence of the term 'hacker' has added ammunition to the prosecution of such figures as Edward Snowden, Julian Assange, Chelsea Manning, and Aaron Swartz […]. »

Ben Yagoda

Neben einer Geschichte des Wortes «Hack» gibt Yagoda in seinem Artikel damit auch ein Beispiel für die Wirkungsmacht von Sprache. Weil das Wort mit seiner Popularisierung eine fast ausschliesslich negative Bedeutung erhielt, seien auch Snowden und Co. von ihren Anklägern härter angepackt worden. Unter Technologieinteressierten, so Yagoda, sei das Wort dagegen zu einem Schibboleth geworden, einer Art Losungswort: Wer sich heute trotz der negativen Bedeutung selbst als Hacker bezeichne, ordne sich damit klar einer bestimmten Gruppe zu.