Digital am Sonntag, Nr. 55: Die Geister, die ich rief

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone

Der Zauberlehrling aus Hanoi

David Kushner konnte für den «Rolling Stone» nach Hanoi fliegen und Dong Nguyen interviewen. Nguyen ist der Mann hinter «Flappy Bird», dem Vogel, der unbeschadet an Röhren vorbeifliegen soll. Das Spiel wurde plötzlich in das Scheinwerferlicht der Populärkultur katapultiert und schliesslich von Nguyen zurückgezogen. Der erschöpfte, überforderte junge Mann hatte etwas ausgelöst, das er nie so erwartet hätte und über das er die Kontrolle verlor.

Das «Rolling Stone»-Interview macht nun Schlagzeilen, weil es eine längere Stille von Nguyen bricht. Mein Bild der leidigen Geschichte um das kleine Spiel verändert es zwar nicht wesentlich.

Doch Goethes Zauberlehrling («Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los») klingt noch deutlicher an, wenn man beobachtet, welcher Satz aus dem dreiseitigen Interview in der medialen Resonanzkammer nachhallte. Es war dieser:

«  But will Flappy Bird ever fly again? «I'm considering it», Nguyen says. »

Und sofort war vergessen, dass hier einer gelitten hat. «Flappy Bird kehrt zurück» war alles, was sie hören wollten. Die rundum unerfreuliche Geschichte geht weiter.

Fragmentation der digitalen Treffpunkte

In einem schönen Interview von Ellis Hamburger für das Tech-Blog «The Verge» gibt die Social-Media-Spezialistin Danah Boyd sehr differenzierte und scharfsinnige Antworten auf die Fragen, ob Teenager Facebook verlassen. Oder wie sie es und andere soziale Netzwerke nutzen. Boyd meint, dass es wohl schlicht eine Anomalie sei, dass sich alle in einem einzigen sozialen Netz treffen. Denn es entspreche überhaupt nicht unserem realen sozialen Verhalten:

«  The era of Facebook is an anomaly. The idea of everybody going to one site is just weird. Give me one other part of history where everybody shows up to the same social space. Fragmentation is a more natural state of being. »

Und deshalb verliessen Teenager Facebook auch nicht, auch wenn sie es nicht mehr so stark nutzen:

«  I don't think people are quitting Facebook. There’s quitting Facebook and there's just not making it the heart and center. [… Facebook is] becoming a utility[, … a] backdrop. It's not the place of passion. »

In dem Interview stecken noch mehr Einsichten dieses Kalibers – sehr lesenswert.