Digital am Sonntag, Nr. 78: Frauen sammeln

Die Thema dieses Wochenende: Natürlich ist es sexistisch, wenn man im Game «The Witcher» für das erfolgreiche Ins-Bett-Kriegen als Belohnung Sammelkarten der Frauen erhält. Eine Bloggerin zeigt, dass man das durchaus scharf analysieren und gleichzeitig sehr unterhaltend sein kann.

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Bildlegende: Lesen und nachdenken über Frauen als Sammelkarte in «The Witcher». Gaetan Bally/Keystone, Montage SRF

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Am Wochenende hat man Zeit. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesens- und bedenkenswert finden. Setzt euch zu uns in die bequemen Sessel dieser «chambre de réflexion digitale»!

Habt auch ihr einen Tipp? Sagt es uns.

Im schon etwas älteren, allseits gefeierten, polnischen Fantasy-Rollenspiel «The Witcher» kann man Frauen sammeln: Weibliche Figuren, denen unser Hauptdarsteller Geralt im Verlauf des Spiels begegnet, lassen sich durch Geschenke, Gefallen oder geschickt geführte Konversation dazu verleiten, mit dem Helden ins Bett zu steigen.

Als Belohnung erhalten wir nach erfolgter Kopulation eine Sammelkarte, auf der die Eroberte halbnackt und lasziv posiert.

Natürlich ist das zutiefst sexistisch. Es entwertet weibliche Sexualität, weil diese Frauen unseren Geralt nur gegen Bezahlung, als Gegenleistung für einen Gefallen oder als Dank für die Errettung an sich heranlassen. Weil sie keine eigene, selbstbestimmte Sexualität haben, sondern im Gegenteil wie eine «Vending Machine» funktionieren: Drückt Mann auf die richtigen Knöpfe, kommt Sex heraus. Und natürlich gibt es im Spiel keine Männer, die vergleichbar dargestellt werden.

Die Bloggerin Kateri schreibt dazu eine umfangreiche Artikel-Serie (acht Teile seit August, der Abschluss fehlt noch) in ihrem Blog «falling awkwardly». Unter dem schönen Titel «Binders Full of Women: Collecting All the Ladycards in The Witcher».

Der Titel bezieht sich auf eine ungeschickte Äusserung des US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney. Er war kritisiert worden, als Gouverneur von Massachusetts zu wenige Frauen angestellt zu haben und verteidigte sich, er habe «binders full of women» erhalten, offenbar ohne genug qualifizierte Frauen darin. Die dümmliche Phrase wurde ihm lustvoll bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen und entwickelte sich zum witzigen Internet-Meme.

Hier passt der Satz natürlich hervorragend, denn genau das ist das Ziel dieser Nebenbeschäftigung in «The Witcher»: einen Ordner voller Frauen-Karten zu sammeln – wie sexy Pokémon.

Was mir an der Artikel-Serie aussergewöhnlich gut gefällt: Kateri zeigt, wie man die sexistischen Darstellungen sehr wohl scharf, präzise und differenziert kritisieren und gleichzeitig wunderbar unterhalten kann.

Bemerkenswert ist schon, wie sie die Serie angeht:

«  Obviously it's sexist and objectifying to make a game in which every time you sleep with a woman, you get a collectable card with her picture on it. […] I'm at the point where I choose to find it funny, even as it demonstrates a lot […] about the people making it, and their assumptions about their audience. But I admit, I was curious. […] I am hardly averse to the concept of playing a character who sleeps with everyone. […] While the cards were sexist, the concept doesn't have to be sexist, if you accept that people, notably women, can freely choose and enjoy casual sex, and are not cheapened or sullied by it. »

Sie unterscheidet also zwischen Konzept und tatsächlicher Ausführung – das Konzept einer Figur, die mit allem schläft, was bei drei nicht auf dem Baum ist, muss noch nicht zwingend sexistisch sein. Und ob es die einzelnen Episoden und Figuren dann sind, lässt sie offen, bis sie wirklich alle Frauen-Karten gesammelt hat.

Natürlich sind die meisten dann doch total sexistisch. Doch nicht alle: Es gibt durchaus Begegnungen, die nicht in das klassische «Frau erhält Geschenk, Mann erwartet und erhält Sex dafür»-Schema fallen. So beschreibt Kateri eine grünhäutige Waldnymphe, die Geralt aus eigenem Antrieb will:

«  She asks you to bring her a wolf pelt, […] to prove you're not a pathetic weakling. This works, because while the mechanics may be similar to vending machine gift-sex, the context isn't. She doesn't want your trinket to make up for having to have sex with you, she wants them to ensure that you're strong enough to be someone she wants to fuck. »

Und es gibt gar eine junge, hübsche Frau im Spiel, die nicht mit Geralt rumsexelt:

«  She's a young, pretty female character with a reason for being in the game OTHER than sleeping with Geralt! I know! The bar is set low, but let's celebrate someone stepping over it anyway, ok? […] Carmen is brave, smart, loyal, self-possessed and her sexuality exists on her own terms. She is depicted by the game as worthy of someone's romantic love, and it's not the player because her life doesn't revolve around you. »

Diese Art von Kritik ist wichtig für eine Games-Industrie, die ernstgenommen werden und für möglichst viele Menschen einladend sein will. Und Kateri argumentiert scharf, differenziert, in beeindruckender Ausführlichkeit – und unterhält dabei grossartig. Lesenswert!

«Binders Full of Women: Collecting All the Ladycards in The Witcher»:

Part 1, Part 2, Part 3, Part 4, Part 5, Part 6, Part 7, Part 8, Conclusion