Facebook für Forscher

Forscher schreiben, lesen, teilen und kommentieren Fachartikel. Damit das schneller geht, hat der Wissenschaftsverlag «Frontiers» aus Lausanne ein soziales Netzwerk à la Facebook für Forscher gebaut. Im Gespräch erklärt die Gründerin Kamila Markram, wie solche Netzwerke die Wissenschaft verändern.

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Bildlegende: Vernetzte Wissenschaft: Der Lausanner Verlag «Frontiers» bringt Forscher in einem sozialen Netzwerk zusammen. Colourbox

Der Medienwandel erfasst längst nicht mehr nur Zeitungen, Radio und Fernsehen, sondern auch die Wissenschaft. So erscheinen Fachartikel immer öfter nicht auf Papier, sondern im Internet, und zwar gratis. Der Idee dahinter: Alle sollen Zugang haben zu den Erkenntnissen, die Forscher rund um die Welt erarbeiten. Das Konzept heisst «Open Access» und es verändert die Forschung.

Ganz vorne mit dabei ist der Wissenschaftsverlag «Frontiers» an der ETH Lausanne. Gegründet hat ihn die Hirnforscherin Kamila Markram 2007 gemeinsam mit ihrem Mann Henry. Das Ziel ist, den Publikationsprozess für die Forscher und Gutachter einfacher zu machen. Ein wichtiges Element ist dabei das soziale Netzwerk des Verlags.

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Frau mit Visionen

Frau mit Visionen

Die Hirnforscherin Kamila Markram glaubt an die Idee des «offenen Wissens». Sie hat 2007 den Open-Access-Verlag «Frontiers» gegründet. Mittlerweile erscheinen dort über 30 verschiedene Journale. Publiziert werden etwa 1000 Artikel pro Monat. Im Frühjahr hat der renommierte «Nature»-Verlag eine Mehrheitsbeteiligung an «Frontiers» erworben.

SRF: Kamila Markram, Sie setzen sich mit Ihrem Verlag ein für die Idee des «Open Access». Weshalb?

Kamila Markram: Nun, der Steuerzahler zahlt für die Forschung und sollte die Resultate auch lesen dürfen. Unser Wissen sollte nicht hinter verschlossenen Türen stecken, es gehört der gesamten Menschheit. Mir geht es aber nicht nur um den Zugang zu Wissen. Ich möchte auch verändern, wie Forschung heute beurteilt wird. Und deshalb begehen wir da neue Wege.

Wie sehen die aus?

Bei uns funktioniert die Beurteilung objektiver und kollaborativer als bei den traditionellen Fachmagazinen wie «Nature» und «Science». Ein Artikel wird bei uns zwar auch begutachtet, aber man kennt als Forscher die Namen der Gutachter und hat viel Kontakt zu ihnen. Ausserdem prüfen die Gutachter nur die Korrektheit der Arbeit, die Methodik, die Statistik, die Dokumentation und so. Originalität und Relevanz sind uns hingegen egal.

Das heisst, Sie wollen nicht unbedingt die besten Artikel publizieren, so wie «Nature» oder «Science»?

Genau, wir begnügen uns mit den 80 Prozent soliden und guten Fachartikeln.
Die müssen ja auch irgendwo erscheinen können. Ein sehr wichtiges Element ist für mich aber auch das soziale Netzwerk auf unsere Website. Jede Forscherin, die bei uns publiziert, hat ein eigenes Profil. Da sieht man, was sie geschrieben hat, wo sie Konferenzen organisiert hat, man sieht ihre Video-Vorlesungen, aber auch was sie kommentiert, was sie liest und so weiter. All diese Nutzungsdaten sammeln wir, ähnlich wie Facebook. Und wir erfassen auch, wie oft ein Fachartikel auf Twitter und sonst im Internet erwähnt wird.

Was machen Sie dann mit all diesen Informationen?

Einerseits können wir Forscher so besser auf andere Artikel hinweisen, die sie interessieren könnten, zum Beispiel aus ihrem eigenen Fachgebiet. Das ist sehr wichtig, denn es wird so viel publiziert heutzutage, dass es einen fast erschlägt. Da braucht es Filter und Empfehlungen. Andererseits können wir mit den Nutzungsdaten aber auch bewerten, wie gut ein Fachartikel ist.

Ein Bürogebäude auf dem Canpus der ETH Lausanne. Vorne Park. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pioniere des Open Access: In diesem Gebäude an der ETH Lausanne sitzt der Verlag «Frontiers» mit seinen 100 Angestellten. Frontiers

Das heisst, je mehr Klicks und Likes ein Artikel bekommt, desto besser?

Ja, so in der Art.

Finden Sie das nicht problematisch, den Wert der Forschung so zu quantifizieren?

Ich denke, man muss zuerst einmal mit den Dingen anfangen, die man quantifizieren kann. Heute funktioniert das ja so, dass Forscher vor allem daran gemessen werden, wie oft ihre Arbeiten von Kollegen zitiert werden. Wir fügen da eben weitere Daten hinzu, aus unserem sozialen Netzwerk. Das ist dann objektiver in dem Sinn, dass viel mehr Menschen den Wert eines Artikel mitbeurteilen, nicht nur die Gutachter.

Könnte man diesen ganzen Prozess sogar so automatisieren, dass es gar keinen Gutachter mehr braucht?

Ja, ich denke schon, wenn man den Algorithmus gut genug baut. Soweit sind wir heute noch nicht. Aber wenn man genug Daten hat, könnte das schon sein: dass wir eines Tages mit einem Algorithmus beurteilen können, was gute und was schlechte Forschung ist.

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