Die Leichenschändung des Leisure Suit Larry

«Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards» ist eine Spiel-Legende aus den 80ern. Nun ist ein Remake erschienen, inhaltlich originalgetreu, aber mit moderner Grafik und Stimmen. Doch diesen Larry hätte man besser ruhen lassen.

Damals waren wir uns alle einig: «Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards» ist ein Hit. Das Spiel aus der legendären Software-Schmiede Sierra On-Line, vom bärigen Saxophonisten Al Lowe, traf unseren Geschmack exakt. Ich kenne niemanden, der nicht warme Erinnerungen an Larry hegt.

Das «Graphic Adventure» war nicht nur technisch auf dem Höhepunkt der damaligen Möglichkeiten (Farbige Grafik in 320 × 200 Pixel! «Freie» Text-Eingaben!), sondern punktete vor allem inhaltlich. Der knapp 40jährige Protagonist mit Mundgeruch war auf der Suche nach «Liebe», also seinem allerersten Sex. In einer schmuddeligen Version von Las Vegas. Glücksspiel! Alkohol! Leichte Mädchen! WC-Witze! Na, das war mal was, neben all dem Zauberer- und Raumschiff-Kram.

Nostalgiker wollen ein Remake

Deshalb lag es wohl nahe, diese warmwohlige Nostalgie-Welle zu reiten und eine neue Version des Original-Spiels zu veröffentlichen. Al Lowe stellte dazu ein Team aus Sierra-Veteranen zusammen und sammelte auf der Finanzierungsplattform Kickstarter Geld für das Projekt. Was mühelos gelang: Rund 14'000 Personen versprachen in einem Monat über 600'000 Dollar.

Was sie dafür erhalten: Statt grobe Pixel eine neue Comic-Grafik. Statt Text zu lesen, hören wir Schauspielern zu. Statt Gedudel gibt es Big-Band-Jazz von Grammy-Nominierten Austin Wintory. Statt Text einzugeben, klicken wir auf Symbole. Ein Abschnitt der Geschichte ist neu. Doch der grösste Teil des Spiels ist inhaltlich exakt wie das Original, die gleichen Rätsel, die gleiche Geschichte.

Also genau das, was die Nostalgiker wollten. Das Ergebnis ist eine Katastrophe.

Altertümliche Mechanik

Der Koffer mit den gesammelten Gegenständen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wie kombinieren wir was? Screenshot

Zunächst ist die Mechanik schlecht gealtert. Was wir damals noch hinnahmen, weil es nichts Besseres gab, ist heute absolut unnötig. Die Lösungen der Rätsel sind gegen Ende oft kaum erkennbar. Zwar liegt alles da: Jedes Objekt, das wir irgendwo aufsammeln können, kommt auch irgendwann zum Einsatz. Doch wie die dann kombiniert werden müssen, ist meist absichtlich absurd. Damals, vor dem Internet, war das ein Teil des Charmes des Spiels, weil man sich auf dem Pausenplatz unterhielt, wie man wohl weiterkommen könnte. Heute werden die meisten vorher die Geduld verlieren und im Netz eine Lösung finden – und nie finden, dass man da auch selber hätte drauf kommen können.

Und selbst wenn wir genau wissen, was wir tun möchten («Mit dem Bungie-Seil da runterspringen, um die Pillen zu erhaschen!»), müssen wir das erst noch dem Spiel beibringen. Also herausfinden, in welcher Reihenfolge wir welche Objekte und Punkte auf dem Bildschirm klicken müssen, damit es das Spiel als korrekte Lösung akzeptiert. Das wirkt für moderne Spieler schlicht erstickend unflexibel.

Zu viel Glücksspiel

Einarmiger Bandit. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein einziges Mal gewonnen. Screenshot

Den schlimmsten Frustmoment erlebte ich im Casino. Um Taxifahrten und anderes bezahlen können, braucht man im Verlauf der Geschichte rund 300 Dollar. Die einzige Möglichkeit, die zu verdienen, sind Einarmige Banditen und Black Jack im Casino «Caesar's Phallus». Ich dachte mir also: Das bringst du so schnell wie möglich in einem Rutsch hinter dich. Und dann sass ich da und spielte stundenlang ein Scheissglücksspiel. Kaum war ich mal über hundert Dollar, kam eine Pechsträhne und ich verspielte alles. (Bevor ihr jetzt sagt, du hast einfach keine Ahnung von Black Jack: Das Spiel mischt jedes Mal neu, Karten zählen hilft also nicht; und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Dealer unfair viele Zehner kriegt). Dann müssen wir das Casino verlassen, erhalten von einem Penner neues Startkapital und versuchen erneut, aus 10 Dollar 300 zu machen.

Nach langer Leidenszeit fiel mir endlich ein, wie wir damals solche Blockaden überwanden: Bei einem Gewinn speichern; nach dem Verlieren einfach den alten Spielstand laden. Wiederholen. Dann ging es plötzlich schnell, ich hatte in kürzester Zeit 2000 Dollar im Portemonnaie. Ja, Old School. Aber ich konnte nur denken: Zum Glück sind Spiele heute nicht mehr so.

Doch die Mechanik war damals nicht der Grund, warum wir Larry mochten. Das Markenzeichen des Spiels war die schmuddelige Geschichte und die schlüpfrigen Witzchen.

Schlüpfrige Witzchen und Mundgeruch

Doch auch hier sehe ich den Reiz nicht mehr. Larry hat Mundgeruch. Er hatte noch nie Sex, obwohl er schon fast 40 ist. Irgendwie ist es peinlich, Kondome zu kaufen. Vor dem Klo liegt ein Betrunkener, der rülpst. Lustig ist das alles irgendwie nicht. Ein einziges Mal musste ich schmunzeln, als Larry an einer mit Helium gefüllten Sexpuppe zu einer Terrasse hinüber schwebt. Das ist etwas wenig für ein Spiel, das in erster Linie auf Humor setzt.

Diesbezüglich ist das Spiel einfach zu schnell zufrieden. Natürlich kann Mundgeruch ein Thema sein. Aber es reicht einfach nicht, zu sagen: «Haha, der hat Mundgeruch». Da braucht es noch etwas mehr, irgendetwas.

Damals haben wir offenbar darüber hinweggesehen. Es möglicherweise auch nicht verstanden, als Teenager ohne Frühenglisch. Denn Larry versprach noch etwas weiteres, das wir als Jungs interessant fanden: Brüste.

Belohnung Brüste

Konversationsoptionen mit Fawn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Unterhaltungen auf höchstem Niveau. Screenshot

Die sind nämlich immer die Belohnung in «Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards». Lösen wir Rätsel und machen Fortschritte in der Geschichte, dürfen wir uns ein Brustbild einer Dame ansehen, die sich im Bikini oder im tief ausgeschnittenen Kleid vor uns räkelt. Unterhalten können wir uns mit ihr, beziehungsweise aus ein paar an Langweiligkeit kaum zu überbietenden Antwortoptionen auswählen – Larry ist kein geborener Unterhalter. Und es ist klar, dass es hier nicht ums Reden, sondern ums Schauen geht.

Damals war das spannend. Doch warum das heute noch irgendjemanden interessieren sollte, ist mir schleierhaft. Pubertierende Jungs haben heute auf dem Internet schon mehr Brüste gesehen, als sie in ihrem ganzen Leben je brauchen werden.

Und wer diesen Druck nicht ganz so deftig spürt, wird eingestehen müssen, dass natürlich die Darstellung der Frauen in diesem Spiel schlicht unterirdisch ist. Frauen sind Lustobjekte; Frauen gibt es nur in diesen Versionen: die Schlampe, die Nutte und die, die den Mann nur heiratet, um an sein Geld zu kommen. Ein Vierteljahrhundert Gender-Debatte haben in diesem Spiel nicht den Hauch einer Spur hinterlassen.

Humor landet nicht

Klar, auch Larry selbst ist keine vielschichtige Charakterstudie, und hey, das sind doch einfach ein paar harmlose Scherzchen! Dann müssten sie aber eben sehr, sehr lustig sein. Was sie nicht sind.

Beispiele? Wenn Larry sich vorstellt, sagt er «Larry», dann kichert er, dann fügt er «Laffer» an. Weil «Laffer» wie «laugher» klingt, verstehst du? Und das macht er jedes. Einzelne. Mal.

Oder wenn wir mit dem Taxi den Schauplatz wechseln. Dann fährt das Taxi auf einer Strasse rum, und etwa in der Hälfte der Strecke springt uns ein Schild entgegen, auf dem beispielsweise folgendes steht: «Das ist kein Schild». Könnt ihr euch noch halten, oder seid ihr vor Lachen schon vom Stuhl gekippt?

Das Spiel Angry Birds wird persifliert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Feministinnen sind fett: Spitzenhumor in «Angry Broads». Screenshot

In einem Laden steht ein Spielkasten, «Angry Broads». Die grünen Schweinchen aus «Angry Birds» sind durch dicke Damen ersetzt, die Anti-Männer-Schilder hochhalten. Haha, Feministinnen sind fett.

Oft begnügt sich Al Lowes Humor aber schlicht mit dem aufzählen «schmutziger» Wörter. Haha, Kondom! Haha, Dildo! Haha, Klobürste!

Ich habe das Spiel am Samstag durchgespielt, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so enttäuscht und muff vor einem Abspann sass. Für ein, zwei Franken hätte ich vielleicht noch ein Auge zugedrückt. Das Spiel kostet aber zwanzig Franken. Wenn ich denke, was man Wunderbares für dieses Geld spielen könnte, bricht es mir das Herz.

Larry ist schon lange gestorben. Das ist gut so. Er liegt auf dem Heldenfriedhof der Games, und wir besuchen ab und zu sein Grab und erinnern uns an die wunderbare gemeinsame Zeit. Ihn aber auszugraben und auf die verrottete Leiche frisches Make-up draufzuklatschen, war unter keinen Umständen eine gute Idee.

«Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards: Reloaded» ist für PC, Mac und Linux. iOS und Android sollen folgen. Es ist ab 16. Das Haikiew ist hier.

Damit der faule Nachgeschmack verschwindet: So sah das Original aus.