Kobolde erschlagen mit «Card Hunter»

Rollenspiele wie «Dungeons & Dragons» sind bloss etwas für picklige Nerds, die sich im elterlichen Hobbyraum die Nächte um die Ohren schlagen? Falsch: «Card Hunter» macht uns alle zu potentiellen Rollenspielern – es braucht bloss einen Computer und Internet dazu.

Ein Rollenspiel-Regelheft liegt auf einem Holztisch, daneben eine Coladose und Snacks. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Flips, Cola, Regelbuch: «Card Hunter» gibt sich Mühe, die Eintrittsschranken für Rollenspiel-Nerds zu senken. Blue Manchu

An Sammelkartenspielen herrscht auf der Welt kein Mangel. Dass sich solche Spiele gut auf den Computer und ins Internet übertragen lassen, hat zuletzt «Scrolls» gezeigt. Mit «Card Hunter» gibt es nun einen weiteren Eintrag in der Liste. Schon die Namen der Macher lassen aufhorchen: Angeführt von Jon Chey, der zuletzt an «BioShock Infinite» beteiligt war, findet sich als Berater im «Card Hunter»-Team auch Richard Garfield, seines Zeichens Erfinder des Sammelkarten-Klassikers «Magic: The Gathering».

Das Spielfeld eines Computer-Rollenspiels. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vorsicht, Säure! Felder können mit Schadenspunkten belegt sein. Andere können die Sicht versperren, die Zauberer auf ihre Opfer brauchen. Blue Manchu

Vom Spielprinzip her unterscheidet sich «Card Hunter» aber in einem Punkt deutlich von «Magic» und «Scrolls»: Während wir dort zum Kurator unseres eigenen Spielkarten-Stapels werden, die Karten vor dem Kampf gezielt auswählen, um sie im taktisch richtigen Moment ins Spiel zu bringen, ist die Kartenauswahl bei «Card Hunter» zu einem grossen Teil vom Zufall abhängig. Statt dass wir uns im Voraus den Kopf über den optimalen Kartenstapel zerbrechen, müssen wir mit dem improvisieren, was uns der Computer zuteilt.

Gary vs Melvin

Aber jetzt mal die Frage: Um was geht es bei «Card Hunter» überhaupt? Gute Frage, denn das eigentliche Spiel umrankt eine schöne Meta-Story um Bruderzwist, Teenager-Liebe und… Pizza. Kaum haben wir ein Online-Konto erstellt und uns zum ersten Mal mit unserem Spielnamen eingeloggt, steht schon die erste Partie an. Allerdings nicht mit eigenen Figuren, sondern mit denen von Melvin, dem älteren Bruders unseres Dungeon-Masters Gary.

Die Missions-Karten eines Computer-Rollenspiels. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vintage-Look: Auch Missions-Karten sind liebevoll gestaltet. Oben Dungeon-Master Gary mit einem wichtigen Tipp. Blue Manchu

Dieses erste Game lässt uns ohne Risiko erste Schritte tun. Es zeigt auch, was mit kampferprobten Spielfiguren möglich ist und macht Lust, selbst in höhere Spiel-Levels aufzusteigen. Gleichzeitig wird hier der Anfang der Meta-Story erzählt, denn bald nimmt uns ein erboster Melvin alle Figuren wieder weg. Den Rest des Spiels wollen wir und Gary dem Miesepeter zeigen, dass wir ihm als Rollenspieler durchaus ebenbürtig sind.

Mehr Ausrüstung bringt mehr Karten

Aber zurück zur Frage: Um was geht es bei «Card Hunter» denn eigentlich und wie läuft ein Spiel ab? Wir beginnen damit, uns eigene Figuren auszusuchen: Erst einen Krieger, später kommt ein Zauberer und dann ein Heiler dazu (bitte alles auch in weiblicher Form mitdenken). Jede dieser drei Figuren kann entweder Mensch, Elfe oder Zwerg sein – alle mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen.

Die Spielkarten eine Computer-Rollenspiels. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Karten für alle Lebenslagen: Je mehr Ausrüstung eine Figur trägt, um so grösser wird die (zufällige) Auswahl an potentiellen Spielkarten. Blue Manchu

Am Anfang können unsere Figuren noch nicht viel. Ein Krieger etwa beginnt mit kaum mehr als einem Schild und zwei Waffen. Mit mehr Kampferfahrung kommen weitere Ausrüstungsgegenstände dazu, ein Schild etwa oder Schuhe. Jedem dieser Gegenstände sind wiederum bestimmte Karten zugeordnet, die später im Match eingesetzt werden. Zum Schild gehören Rüstungskarten, zu den Schuhen Bewegungskarten, die unsere Figur erst übers Spielfeld laufen lassen.

So können Karten nicht gezielt gekauft werden, wir erhalten sie über Umwege – über unsere Rüstung eben. Wer seine Spielfigur auf bestimmte Situationen vorbereiten will – etwa auf Auseinandersetzungen, in denen der Schutz vor Feuerangriffen wichtig ist – wird die Ausrüstung seiner Figuren entsprechend zusammenstellen und einen Schild wählen, an den Feuer-Abwehrkarten gebunden sind.

Wir spielen eine Karte, der Gegner spielt seine

Und jetzt endlich die Antwort auf die Frage: Wie läuft ein Spiel nun wirklich ab? Als erstes stellen wir unsere drei Figuren auf das in 10 mal 10 Felder unterteilte Spielfeld. Das macht allein deshalb Spass, weil unsere Figuren wie echte, ausgeschnittene Kartonfiguren aussehen und das Spielfeld ebenfalls in charmanter Karton-Optik auf dem virtuellen Holztisch liegt. Da geht fast vergessen, dass wir am Computer spielen und nicht im muffligen Hobbykeller der Eltern.

Das Spielfeld eines Computer-Rollenspiels. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bewegungs-Karte: Spielen wir die «Run»-Karte, kann unsere Figur drei Felder weit gehen. Blue Manchu

Zu Beginn der Partie erhält jede Spielfigur fünf Karten, abhängig eben davon, welche Ausrüstung wir tragen und zufällig vom Computer ausgewählt. Stück für Stück werden diese Karten nun gespielt. Etwa eine, die unsere Figur drei Felder nach vorne gehen lässt. Oder eine, die den grossen Knüppel aus dem Sack holt und dem Gegner (Mensch oder Computer) sechs Schadenspunkte zufügt. Nachdem wir eine Karte gespielt haben, ist der Gegner an der Reihe. Und so geht es weiter, bis wir keine guten Karten mehr haben (oder gar keine Karten mehr) und passen müssen. Passt schliesslich auch der Gegner, werden neue Karten ausgeteilt. Bis auf einer Seite schliesslich keine Figuren mehr auf dem Spielfeld stehen.

Manchmal unfair, aber nie frustrierend

Weil unsere Karten zufällig ausgewählt werden, kann es zu unschönen Kombinationen kommen. Dann steht unser Kampfzwerg etwa nur mit Bewegungs- und Rüstungskarten da, aber keiner, die ihn auch zuschlagen lässt. Oder unser Zauberer hat zwar mächtige Sprüche auf Lager, kann sich aber nicht bewegen – und alle Gegner stehen so weit entfernt, dass er sie nicht treffen kann.

Manchmal ist das unfair und manchmal besteht eine Partie auch nur daraus, Karten nutzlos zu verbrauchen und auf bessere zu warten. Zum Glück ist das Spiel schnell und unkompliziert genug, dass die nächste Partie nie lange auf sich warten lässt. Wer will, kann sich von Dungeon-Master Gary nach einem verlorenen Match auch Tipps geben lassen, wie sich die Partie beim nächsten Mal gewinnen lässt.

Wer Geld einsetzt, ist nicht im Vorteil

Mit jedem Sieg werden unsere Figuren stärker und erhalten neue Ausrüstung, sprich: neue Karten. So wächst der Fundus an Schildern, Stiefeln, Amuletten und Zauberstäben rasch und wir können alleine mit der Suche nach der optimalen Kombination unserer Ausrüstungsgegenstände viel Zeit vertrödeln.

Screenshot des Computer-Rollenspiels «Card Hunter». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ausrüstung ohne Ende: Alleine mit der Suche nach der besten Ausrüstungs-Kombination lassen sich Stunden vertrödeln. Blue Manchu

Dafür, dass «Card Hunter» auch auf lange Zeit spannend bleibt, sorgt die Fülle möglicher Abenteuer, von denen wir nach stundenlangem Spielen erst einen Bruchteil gesehen haben. Wer will, kann sich für echtes Geld sogar neue Abenteuer dazukaufen, bei denen seltene Gegenstände als Gewinn winken. Allerdings: Keiner dieser Gegenstände lässt sich nicht auch sonst gewinnen. Wer Geld einsetzt, ist also nicht im Vorteil.

Pizza kauft kein besseres Spiel

Sowieso: Wir müssen über Geld reden. Denn «Card Hunter» kennt sowohl Gold als Spielwährung –das wir etwa als Siegerpreis erhalten und dazu brauchen können, unsere Gruppe nach verlorener Partie ohne Wartepause erneute ins Abenteuer zu führen – und es kennt «Pizza», eine zweite Währung, die sich mit echtem Geld kaufen lässt.

Die Spielkarte eines Computer-Rollenspiels. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dämonen, Drachen und Goblins: Die Spielwelt von «Card Hunter» ist gross, die Missionen werden mit der Zeit immer schwieriger. Blue Manchu

Pizza lässt sich in Gold umwandeln, Pizza lässt sich auch dazu benutzen, unsere Spielfigur zu verschönern. Nichts was man mit Pizza kaufen kann, ist aber für den Spielerfolg nötig, wir können «Card Hunter» spielen, ohne einen Rappen auszugeben. Nebenbei: Ins Haus gebracht wird Pizza von einem weiblichen Pizzakurier, in die Dungeon-Master Gary heimlich verliebt ist. Und die sich in der Folge selbst als Rollenspiel-Fan zu erkennen gibt.

Und zum Schluss endlich die Antwort auf die Frage: Wo, wo bloss kann ich dieses tolle Game spielen? Nach so viel Lesen scheint die Antwort wohlverdient: Hier, natürlich. Die Anmeldung ist gratis, die erste Schlacht liegt nur vier Mausklicks entfernt.

«Card Hunter» gibt es für PC.