Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

Games «Prison Architect» leistet Pionierarbeit

Ein Gefängnis bauen und betreiben – kein alltägliches Thema für ein Game. Das kleine Studio Introversion wagt es dennoch. Bereits die Alpha-Version beeindruckt.

Mein erstes Gefängnis war eine Katastrophe. Kaum waren die ersten acht Gefangenen hier, brach sogleich ein Aufstand aus. Die Insassen Richardson und Tapper gingen mit Messern auf einen Wärter los und entwendeten seinen Knüppel. Damit schlugen sie wahllos andere Gefangene und weitere Wärter nieder und begannen, die Inneneinrichtung zu zerlegen. Ein Handwerker wurde im Tumult getötet. Überall Wasser aus zerstörten Toiletten, Blutlachen, meine einzige Ärztin bewusstlos am Boden.

Zum Glück kann man in «Prison Architect» noch mal von vorn beginnen.

Einzigartiges Thema

«Prison Architect» ist von Introversion, einem kleinen britischen Game-Studio, das bereits mit «Defcon» und «Darwinia» beeindrucken konnte. Nun wagen sich Chris Delay und Mark Morris an ein Thema, das in Games alles andere als alltäglich ist. Die Gefängnis-Simulation ist zwar erst in einer frühen Alpha-Version. Wer das Spiel jetzt schon kauft, erhält Einblick in den Entwicklungsprozess. Einen Termin für die fertige Version gibt es nicht. Doch bereits in diesem rohen Zustand hat mich das Spiel gefesselt.

Randalierende Gefangene und zerstörte Zelle.
Legende: Richardson und Tapper toben. Screenshot

Bei meinem zweiten Versuch ging ich geschickter vor: Ich nutzte staatliche Subventionen und hatte somit mehr Startkapital zur Verfügung. Damit baute ich eine Küche, eine Kantine, einen Duschraum, Büros für den Direktor, die Buchhaltung und einen Sicherheitschef, einen Maschinenraum für Generator und Wasserpumpe. Ich sorgte für Zerstreuung mit Gewichthebemaschinen und einem Fernseher. Ich stellte zwei Ärztinnen ein, damit die eine die andere heilen kann, sollte da wieder etwas schief gehen.

Nun war ich gerüstet für neue acht Gefangene. Einige beklagten sich sogleich lautstark über Heimweh; ich stellte einen Psychologen ein und installierte Telefonkabinen, um den Kontakt mit der Familie zu ermöglichen. Bald stellte sich ein monotoner, aber friedlicher Alltag ein.

Skandalöse Zustände

Doch näher besehen hätte mein Gefängnis keiner Erwartung an modernen Strafvollzug entsprochen. Grauenhaft eng, keine Privatsphäre, überall Dreck, kaum Bewegungsmöglichkeiten, nicht genug Betten. Keine Tische in der Kantine; die Gefangenen mussten auf Bänken mit dem Tablet auf den Knien essen. Arbeiter, Köche und Ärztinnen wurden bei ihrer Arbeit kaum geschützt. Ich musste einsehen, dass ich auf einer Zeitbombe sass und beschloss auszubauen; einen modernen Zellenblock, mit sauberen Einzelzellen. Nicht uneigennützig: Mehr Gefangene bringen mehr Einnahmen.

Zellenblock, Innenhof, Kantine und Verwaltungsgebäude.
Legende: Der Neubau links ist nun gesichert; nachdem die ursprünglichen Insassen ausgebüxt sind. Screenshot

Doch als ich gerade sehr mit dem Layout der Zellen beschäftigt war, den Bodenbelag auswählte und meine Arbeiter fleissig Mauern hochzogen, merkte ich, dass plötzlich alle meine Gefangenen weg waren. Huch! Erst nach einer Weile wurde mir klar, was geschehen war. Meine Arbeiter mussten jede Menge Material durch das Gefängnis zur Baustelle tragen, und sie wählten dafür den kürzesten Weg: durch die Küche. Die Gefangenen hatten das in der Kantine beobachtet und bemerkt, dass dauernd Türen offen standen, die eigentlich geschlossen sein sollten. Und zack, alle ausgebüxt.

Zum Glück kann man noch mal von vorn beginnen.

Modell ermöglicht Verstehen

«Prison Architect» modelliert ein Gefängnis detailliert. Wir können Routen für die Wächterrundgänge definieren, Hausmeister und Gärtner anstellen, Sicherheitskameras installieren. Wir können Vorstrafen und Verurteilung der Gefangenen einsehen. Wir müssen uns um die Finanzen kümmern, staatliche Zuschüsse besorgen, die Bedürfnisse unserer Gefangenen analysieren, einen täglichen Stundenplan vorgeben, entscheiden, ob das Essen gleichförmig oder abwechslungsreich ist.

Die Verwaltung aus Direktor, Buchhalter, Sicherheitschef und Arzt.
Legende: Die Gefängnis-Bürokratie. Screenshot

So gibt das Spiel einen einzigartigen Einblick in den «Prison Industrial Complex»: Wir lernen verstehen, wie ein Gefängnis funktionieren könnte. Natürlich ist das Modell vereinfachend und hat wohl auch mit dem Strafvollzug hierzulande wenig zu tun. Doch es ermöglicht, selber zu erfahren. Wer einmal «Civilization» gespielt hat, erinnert sich sicher noch gut an die Einsicht, wie wichtig Eisenbahnen sind, wie fundamental sie den Transport veränderten und damit Zeit und Distanzen verkürzten. Die Auswirkungen von Raumplanung in «Sim City» zu beobachten, wäre ein weiteres Beispiel. Mit dem Modell zu spielen, ermöglicht uns, direkt Ursache und Wirkung beobachten. Und damit ein Verständnis zu entwickeln, das wohl auch eine gute Reportage nicht erzeugen kann.

Ernsthafte Auseinandersetzung

Umso wichtiger ist es, dass «Prison Architect» den richtigen Ton trifft. In der vorliegenden Alpha-Version sind erst Ansätze erkennbar; es scheint den Machern aber wichtig zu sein, das Gefängnis nicht als Rummelplatz darzustellen, sondern uns immer wieder daran zu erinnern, dass die Insassen komplexe Biographien und Bedürfnisse haben.

Die Verbrecherkarriere von Richard Beteridge.
Legende: Beteridge muss noch eine Weile in dieser Zelle bleiben. Screenshot

Das könnte besonders in der Geschichte von «Prison Architect» ausgestaltet werden. Von der ist zwar erst ein allererstes Kapitel spielbar, das in die grundlegenden Systeme einführt. Doch es geht bereits darum, einen Raum mit einem elektrischen Stuhl auszurüsten und das Urteil an einem Mann zu vollstrecken, der Frau und Nebenbuhler erschossen hat. Das Studio Introversion schreckt auch vor dem Thema Todeszelle nicht zurück. Man scheint bereit zu sein, den schmalen Grat der Unterhaltung mit heikler Materie zu suchen und moralische Graubereiche auszuloten.

In einem Interview, Link öffnet in einem neuen Fenster hat Chris Delay versprochen, auch schwierige Aspekte wie Rasse, Drogen oder sexuelle Gewalt angehen zu wollen. Doch weil dieses Terrain in Spielen meist gemieden wird, fehlt schlicht die Erfahrung, wie man solche Themen respektvoll behandelt:

There's no reason why games can't deal with much more serious topics. […] But when […] the player is the primary agent, making things actually happen, it's a whole different experience and it creates a very different feeling.

Deshalb könnte «Prison Architect» ein bedeutendes Spiel werden: Jemand muss es mal versuchen. Wer mag, kann Introversion spielend dabei beobachten, wie sie die schwierige Aufgabe anpacken.

«Prison Architect» ist für PC und Mac (später auch Linux). Die Alpha-Version gibt es hier zum Download, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von B. Keller , Freudheim
    Lieber Herr Berger, bitte machen Sie doch mehr solche Artikel wie der von "FarCry3". Finde ich irgendwie interessanter. Aber ich verstehe schon, die ganze Bandbreite muss abgedeckt werden...
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Guido Berger , Zürich
      Sie meinen, mehr grössere Titel? Keine Angst, die machen wir natürlich auch. Nächste Woche haben wir Crysis 3 geplant. Die neuen Sim City, Tomb Raider oder Bioshock haben wir ebenfalls im Kalender. Januar/Februar sind halt traditionell Monate mit wenig grossen Neuerscheinungen, drum schauen wir da eher auf die Exoten. Die Mischung machts!
    2. Antwort von B. Keller , Freudheim
      Oh, da bin ich aber mal gespannt auf "Bioshock" habe schon verschiedene Meinungen dazugehört.
    3. Antwort von A. Nonymus , Berlin
      Wenn ich den Post von Herrn Keller sehe, bekomme ich Bauchschmerzen.
      Alle größeren und kleineren Formate überschlagen sich mit seitenweisen Berichten darüber, inwiefern der Schnupfen des Lead Developers bei Crysis, SCII:HOTS oder was weiß ich Auswirkungen auf irgendwelche Spielbalancen hat. Und da traut sich mal EIN Kritiker, auf eine Crowdfounding-Independent-Perle aufmerksam zu machen und schon kommt Average Joe um die Ecke und meint
    4. Antwort von A. Nonymus , Berlin
      "Seid bitte mehr Mainstream, ich will, dass ihr über das berichtet, worüber alle berichten!" Und dann wundern sich alle, dass uns die großen Publisher mit irgendwelchen permanenten Internetanbindungen gängeln, weil kleine Independent-Schmieden durch einseitige Berichterstattung - was von Otto Normalverbraucher sogar noch gewünscht wird - das Wasser abgegraben wird. Also immer schön weiter über die großen Titel berichten (braucht man wirklich noch einen Hochglanz-Egoshooter ? JAAAA !)
    5. Antwort von A. Nonymus , Berlin
      und sich dann scheinheilig darüber aufregen, das wir bald monatlich für alles zahlen dürfen.
      Der offensichtliche Kniefall des Kritikers ist fast genauso schlimm.

      Und nur mal so nebenbei, ich habe Crysis 1, FarCry 1, Bioshock 1 durchgespielt und vieles andere mehr...aber muss ich denn wirklich dasselbe nochmal mit kleinen Verbesserungen zum VOllpreis kaufen ?
      Ich denke nicht, deswegen habe ich auch keinen der Nachfolger gespielt.
  • Kommentar von Schwaller , Bern
    Gibts das Spiel auch in Deutsch?
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Sebastian Schwarz , Kaiseraugst
      Leider noch nicht, es gibt anscheinend jedoch Modifikationen welche das Spiel übersetzen. Ich denke später wird jedoch auch eine offizielle Übersetzungen erscheinen.
  • Kommentar von Marco , Olten
    Danke für den Tipp, sieht nach einer sehr guten Idee aus. Sehe ich das allerdings richtig, dass man für die 30$ die Alpha-Version erhält, diese ist nicht kostenlos verfügbar?

    Vielen Dank für die Info.

    gruz marco
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Guido Berger , Zürich
      Ja, man kauft die Alpha-Version, als ob man schon das fertige Spiel kaufen würde. Also jetzt schon $30 ausgeben, dafür dann aber auch das fertige Spiel erhalten, wenn es erscheint (ohne nochmal zu bezahlen). Sie versprechen, dass man dann auch z.B. einen Steam-Code erhält (vorausgesetzt, dass das Spiel bei Steam erscheint). Also gewissermassen musst du ihnen vertrauen, dass sie das Spiel auch tatsächlich irgendwann fertigmachen.