Review: «Aurion: Legacy of the Kori-Odan»

Das Action-Rollenspiel aus Kamerun ist schön gezeichnet und gefällt mit einem komplexen Kampfsystem, auch wenn der Einstieg zäh und viele Details etwas ungeschliffen sind. Und es ist ein schönes Beispiel für die aufstrebende Start-Up-Szene Afrikas.

Wir erleben die Geschichte von Enzo, soeben zum König gekrönt und mit Erine verheiratet. Doch ihr Bruder unterbricht die Feier mit einem Coup und wirft das Ehepaar aus dem Land. Sie werden auf die Suche nach ihrer Bestimmung und ihrem wahren Ich gezwungen, entdecken mystische Kräfte und sprechen mit ihren Ahnen

In der Ankündigung meines Live-Streams habe ich behauptet, «Aurion: Legacy of the Kori-Odan» sei das erste Game aus Afrika, das ich spiele. Das stimmt so nicht: Anfang Jahr haben wir «Broforce» besprochen, und das kommt aus Südafrika. «Broforce» ist wohl bisher der grösste afrikanische Game-Erfolg. Doch weil es 80er-Jahre-Film- und Game-Helden persifliert, ist es in erster Linie das Produkt einer westlichen Popkultur. Afrikanische Spuren sind keine auszumachen; seine Macher sind weiss.

«Aurion: Legacy of the Kori-Odan» aus Kamerun ist dagegen unübersehbar afrikanisch. Alle Figuren im Spiel sind schwarz, wie auch die Macher. Das kleine Studio Kiro’o Games in der Hauptstadt Yaoundé um Gründer Olivier Madiba kann man als Teil einer jungen, rasant wachsenden Start-Up-Szene auf dem Kontinent sehen. Weitere Beispiele wären Studios wie Black Division Games in Nairobi (Kenia), Maliyo Games in Lagos (Nigeria) oder Leti Arts in Accra (Ghana).

Video: Guido spielt «Aurion: Legacy of the Kori-Odan» (Let’s Play)

Aus der afrikanischen Start-Up-Szene

Dass es gerade diese Länder sind, ist kein Zufall: Zusammen mit Südafrika gehören Kenia, Ghana und Nigeria seit Jahren zu den grossen afrikanischen Ländern, deren Internet-Infrastruktur am weitesten entwickelt ist.

Doch auch wenn etwa Ghana pro Kopf fast so viele mobile Breitband-Internetanschlüsse hat wie die Schweiz, darf man sich die Bedingungen nicht so vorstellen wie bei uns. In einem Interview spricht Kiro’o-Chef Olivier Madiba beispielsweise von fast täglichen Stromausfällen: «We’ve had to become masters of hitting Ctrl and S».

Das Team von Aurion. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Da ist der Strom gerade mal nicht ausgefallen: das Team von Kiro'o Games. Kiro'o Games

Trotz dieser Hürden macht es Sinn, dass sich junge Unternehmer in Afrika in die Gameindustrie vorwagen. Auf dem Kontinent leben über 400 Millionen Menschen, die zwischen 15 und 35 Jahre alt sind. Auch wenn noch immer sehr viele davon keinen Zugang zu Games haben, so handelt es sich doch um ein riesiges Publikum, das sich in Figuren und Geschichten von Games bis jetzt so gut wie nie wiedererkennt. Nollywood hat ja vorgemacht, wie man dieses Potential ausschöpft und die nigerianische Filmindustrie zur drittgrössten der Welt gemacht.

Games haben den besonderen Vorteil, dass sie rein digital produziert und verkauft werden können. Eine Vertriebsplattform wie Steam erreicht eine globale Kundschaft, egal, woher das Game stammt. Soziale Medien erleichtern die Vermarktung. Selbst die Finanzierung erfolgt global: «Aurion: Legacy of the Kori-Odan» wurde auf Kickstarter lanciert und sammelte dort rund 50’000 Franken. Zu diesen Plattformen haben Entwickler aus Kamerun den gleichen Zugang wie Entwickler aus den USA oder der Schweiz.

König Enzo küsst Königin Erine. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hochzeit in Zama. Erines Vater kann nicht hinsehen. Screenshot

Wenn ich von einem afrikanischen Game spreche, mache ich das übrigens nicht, weil ich Afrika ignorant für ein Land halte. Sondern weil es auffälligerweise fast alle afrikanischen Game-Entwickler selber tun. Vielleicht sehen sich diese jungen Unternehmer in einem Nachhall des Panafrikanismus der 60er-Jahre als Teil einer grösseren Entwicklung, die selbstbewusst nationale Grenzen durchbricht.

African Fantasy

«Aurion: Legacy of the Kori-Odan» jedenfalls ist «African Fantasy». Fantasy in dem Sinne, dass Enzo magische Fähigkeiten hat – aber eben nicht mit Zwergen, Magiern und Elfen, wie sie in unseren von nordischer Folkore beeinflussten Geschichten immer auftauchen.

Kühe auf einer Weide in mit Symbolen bemalten weissen Umhängen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grossartige Kuhkostüme. Bitte, liebe Bauern, übernehmt das hier! Screenshot

Die Geschichte ist zwar durchzogen von Afrikas grossen Problemen (Korruption, Staatsstreiche, Tribalismus, Flüchtlinge), wahrt aber einen unbeschwerten Ton. Das ist ein starker Kontrast zu anderen Games, die Afrika immer nur als Hort von Warlords («Far Cry 2») oder Kindersoldaten («Metal Gear Solid V») darstellen. Stattdessen sind hier Details des westafrikanischen Alltags wichtiger: Strassenhändlerinnen, Dorfbewohner, Tänzer, Landschaften.

Besonders gefällt mir dabei, dass der Blick eben nicht wie sonst so oft von Aussen auf etwas Exotisches fällt. Sondern von innen kommt, ein selbstbewusstes Spielen mit der eigenen Umwelt. Und das, ohne verkrampft traditionell sein zu wollen: Den Kampfstil von Enzo beispielsweise musste Kiro’o Games mangels afrikanischer Kampfsportart-Traditionen schlicht erfinden.

Schön gezeichnet; mechanisch zu Beginn zäh

Visuell kann ich Einflüsse französischer und belgischer Comics erkennen; besonders Animationen und Gesichter sind eine Stärke des Spiels. Ebenso toll ist die fröhliche, farbenfrohe Musik im Hintergrund.

Die Ausrüstung von Enzo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht nur in den Menus sind die Anleihen bei japanischen Rollenspielen der 90er-Jahre gut sichtbar. Screenshot

Mechanisch ist «Aurion: Legacy of the Kori-Odan» aber zäh, besonders zu Beginn. Es lehnt sich stark an japanische Rollenspiele der 90er-Jahre an und wirkt im Aufbau altertümlich. Das Kampfsystem wird im Detail erklärt, per Text und Diagrammen, oft fünf oder mehr am Stück. Das ist viel zu viel Information aufs Mal, unverdaulich.

Doch wer den zähen Einstieg übersteht, merkt bald, dass das Kampfsystem komplex und abwechslungsreich ist. Bald lernen wir zu gewöhnlichem Schwerthieb und Schildblock magische («aurionische») Fähigkeiten, schleudern Feuerbälle oder den riesigen Kopf eines Löwen auf unsere Gegner. Während wir vornehmlich Enzo steuern, rufen wir auch Erine ab und zu herbei, um uns zu heilen oder um tödliche Eisprojektile abzufeuern. Gutes Timing, geschickte Kombinationen und eine passende Taktik sind besonders bei den schwierigeren Kämpfen gegen Bosse wichtig.

Eine 8-Hit-Kombo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gegner wegschleudern. Kiro'o Games

Diese Kämpfe sind allerdings oft zu lang – generell ist die Dramaturgie etwas unausgewogen. Manches geht schnell und glatt, anderes wird plötzlich übertrieben zäh. Der Schwierigkeitsgrad ist allgemein nicht allzu hoch angesetzt, steigt aber immer wieder etwas gar abrupt an. Oft hängt der Erfolg zu sehr davon ab, ob wir genug Tränke dabei haben – nicht allzu elegantes Design.

Faszinierende neue Stimmen

Man merkt dem Spiel an, dass das Team unerfahren ist und beschränkte Ressourcen hat. Dass die englische Übersetzung manchmal leicht holpert, fand ich eher charmant als störend. Doch Schrift und generell Bedienelemente sehen nicht sehr schön aus; zu oft sehe ich Pixel, die Auflösung und das Anti-Aliasing entsprechen besonders in Zwischensequenzen nicht dem Stand aktueller Technik.

Feuerball! Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Enzo landet einen Hit. Kiro'o Games

Also: Wer ein hochpoliertes Action-Rollenspiel erwartet, wird hier enttäuscht. Doch «Aurion: Legacy of the Kori-Odan» erzählt eine neue Geschichte in einer unbekannten Bildwelt, selbstbewusst und unbeschwert. Das ist faszinierend.

Und zwar nicht wegen der «afrikanischen Kultur». Anzunehmen, dass es die gibt, wäre angesichts der Vielfalt dieses riesigen Kontinents absurd. Sondern weil wir hier neue Stimmen hören, die bisher fast stumm waren. Ein ganzer Kontinent voller Gamer, die nur konsumierten, was anderswo produziert wurde, ohne an sie zu denken. Dass die Ignorierten nun selber in die Industrie vordringen und sich Gehör verschaffen, ist toll.

«Aurion: Legacy of the Kori-Odan» ist für Windows PC.