Review: «Evolve»

Vier Jäger kämpfen gegen ein Monster. Die Jäger müssen gut zusammenarbeiten, das Monster muss wissen, wann verstecken und wann angreifen besser ist. Nur kleine Mängel verhindern, dass das äusserst anspruchsvolle Schiessspiel grossartig ist.

Wie das Monster in «Evolve» habe auch ich eine Evolution durchlaufen, haha, und zwar so: Erst fand ich es ultrafrustrierend, dann fand ich es toll. Und dann störten mich doch ein paar kleine Dinge.

Das Spielprinzip ist aufregend: Vier Jäger kämpfen gegen ein Monster. Wir wählen eine dieser fünf Figuren. Man kann alleine spielen, der Computer übernimmt dann die anderen. Doch das macht man eigentlich nur zu Beginn, um zu üben. Denn das ist ein reinrassiger Online-Shooter.

Goliath vor Feuer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lazarus ist mit seinem Scharfschützengewehr etwas zu nahe dran. Turtle Rock Studios

Und dann muss man erstmal so richtig unten durch. Ich habe stundenlang nur verloren, egal, welche Rolle ich wählte. So fühlt sich «Evolve» am Anfang an: Man schleicht durch den Dschungel. Lange passiert nichts. Plötzlich springt uns das Monster oder die Jäger-Gruppe vor die Nase, totales Chaos bricht aus – und wir sind sofort tot, ohne so richtig zu wissen, warum.

Lerne deine Rolle!

«Evolve» erwartet von uns, dass wir unsere Rolle lernen. Als Monster haben wir drei zur Auswahl: Goliath, der Feuer speit und Felsen wirft, in den Nahkampf geht. Kraken, der fliegen und Blitze schleudern kann, kämpft also eher aus der Distanz. Und Wraith, der sich unsichtbar machen kann, aus dem Nichts angreift und gleich wieder verschwindet – was ihn besonders für Anfänger zu einem unheimlich frustrierenden Gegner macht.

Goliath kommt gerannt, in einem Tunnel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der ist möglicherweise etwas wütend. Turtle Rock Studios

Ausserdem durchlaufen alle Monster eine Evolution: Zu Beginn einer Runde in ihrer ersten Stufe sind sie noch schwach und versuchen deshalb, sich vor den Jägern zu verstecken. Gleichzeitig können sie Getier im Dschungel fressen und so stärker werden. In der letzten, dritten Stufe sind sie dann so stark, dass die Dynamik umdreht: Die Jäger werden zu den Gejagten.

Damit die Jäger eine Chance haben, müssen sie sehr gut zusammenspielen. In jedem Team gibt es vier ganz unterschiedliche Rollen zu besetzen: Fallensteller haben die Aufgabe, das Monster zu finden und es daran zu hindern, wieder zu flüchten. Unterstützer können die Suche beschleunigen und im Kampf die anderen Jäger per Schild schützen. Sanitäter müssen dafür sorgen, dass alle am Leben bleiben. Und Schützen tun dem Monster weh.

Anspruchsvolle Taktik

Ein Monster versucht also, möglichst lange einen Kampf zu vermeiden und sich zu verstärken. Umgekehrt versuchen die Jäger, das Monster möglichst schnell zu finden, was nur klappt, wenn Fallensteller und Unterstützer gut zusammenarbeiten. Im Kampf geht das Monster in der Regel auf den Sanitäter los, der vom Unterstützer geschützt werden muss. Auch das Terrain ist wichtig, insbesondere die Vertikale: Monster können schneller höher klettern, während den Jägern bald der Treibstoff ihrer Jetpacks ausgeht. So verlieren sie wertvolle Zeit.

Sani heilt mit dem Salveron-Heilgewehr. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aus der Distanz heilen: So muss der Sanitäter das machen. Turtle Rock Studios

Ständig werden wir gezwungen, abzuwägen: Fresse ich dieses Tier, um stärker zu werden, und gehe das Risiko ein, entdeckt zu werden? Jagen wir dieses Getier, um eine temporäre Verstärkung zu erhalten, mit dem Risiko, Zeit zu verlieren und dem Monster einen bequemen Kadaver zu hinterlassen? Versuchen wir, das Monster hier zu halten oder ist ein Rückzug im Moment ratsamer? Ist das ein guter Ort für einen Kampf?

Das ist alles sehr anspruchsvoll. Und als Jäger ist Teamwork, gute Kommunikation zentral. Doch wenn alle ihre Rolle verstehen und sich alles in einer wunderbaren Choreografie aus einem Guss zusammenfügt, ist das Gefühl berauschend.

Nicht jeder Modus gelungen

Die «Jagd» ist die reinste Umsetzung des Spielprinzips, aber nicht der einzige Spiel-Modus. In «Verteidigung» ist das Ziel, einige Stromgeneratoren lange genug vor der Zerstörung durch das Monster zu schützen, also Stellungen verteidigen. Im Modus «Rettung» sammeln die Jäger verirrte Kolonisten ein und bringen sie in Sicherheit. In «Nest» zerstören die Jäger Monster-Eier. Und schliesslich werden alle diese Varianten in einer Art Mini-Story-Modus zusammengehängt: In «Evakuation» spielen wir fünf Runden am Stück, mit jeweils wechselndem Modus. Je nach dem, ob Jäger oder Monster eine Runde gewinnen, erhalten sie in der nächsten einen Vorteil.

Im Dschungel bei Nacht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Es ist dunkel. Wir sehen nichts. Screenshot

Nicht alle dieser Varianten sind gleich gut gelungen. «Jagd» und «Verteidigung» haben mir sehr gut gefallen, «Nest» und «Rettung» weniger. Denn für die Jäger ist es eine gute Strategie, Nester oder Kolonisten zu ignorieren und gleich auf das Monster loszugehen. Was natürlich das Ziel der Runde unterläuft und sie etwas überflüssig macht.

Visuell monoton

Enttäuscht hat mich die Optik. Auf den Screenshots hier sieht das zwar toll aus, aber in Bewegung im Spiel nicht. Weil das Thema Jagd ist, macht es Sinn, die Sicht häufig einzuschränken – es ist natürlich spannender, wenn sich Monster und Jäger nicht schon von weitem sehen. Deshalb gibt es viele Level im Nebel, im Dunkeln, im Regen, im Schneetreiben. So sind sie in der Regel in einen Farbton getaucht: blau, grau, braun-orange. Das ist visuell etwas monoton.

Zu wenig konsequent

Der Hersteller Turtle Rock Studios hat sich mit «Left 4 Dead» einen Namen gemacht – auch dort musste ein Team gut zusammenarbeiten, um sich gegen eine Horde Zombies zu wehren. Man hat also Erfahrung, was einen guten Team-basierten Shooter ausmacht.

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Skandalöse Preise für Skins

Skandalöse Preise für Skins

Wenn man nichts anderes als die Farbe der Ausrüstung einer einzigen Klasse verändern möchte, zahlt man dafür ganze sechs Franken. Wer diesen skandalösen Preis bezahlt, lässt sich nicht nur übertölpeln, sondern macht sich auch mitschuldig daran, dass Game-Hersteller auf diese Weise versuchen, leichtes Geld zu verdienen.

Besonders gefiel mir an «Evolve», dass es pro Rolle genau drei Varianten zur Auswahl gibt: drei verschiedene Monster, drei verschiedene Sanitäter, Fallensteller, etc. Das bedeutet, dass wir nicht wie in anderen Schiessspielen («Battlefield», «Call of Duty») ständig aus unzähligen Waffen auswählen und jede separat freischalten und verbessern müssen – wir wählen einfach eine der drei Varianten, und die gibt dann die Ausrüstung und damit den Spielstil vor. Das Spiel sagt klar: Konzentriere dich nicht auf Freischalten und Optimieren, sondern darauf, deine Rolle so gut wie möglich zu lernen – also die eigenen Fähigkeiten verbessern, nicht die der Figur.

Dieser messerscharfe Fokus wird dann aber leider wieder abgestumpft. Denn zwei der drei Varianten müssen trotzdem erst freigeschaltet werden. Das dauert zu lange und wird durch lange Ladezeiten und übertrieben viele Statistiken noch weiter gestreckt. Und es ist total inkonsequent. Weil alle grossen Shooter heute aber solche Freischalt-Orgien haben (ausser «Titanfall», das ich genau deswegen mochte), nahm man wohl an, dass das die Spieler heute wollen. Mir hätte es aber viel besser gefallen, wenn alle Varianten von Anfang an (oder gleich nach einer kurzen Einführung) frei wählbar gewesen wären.

Denn dann hätte man sich auf das konzentrieren können, was ohnehin das wichtigste ist und den Reiz des Spieles ausmacht: Die eigene Rolle zu lernen, besser zu werden, gut zusammenzuarbeiten.

Trotzdem muss ich sagen: Wer anspruchsvolle Team-Shooter mag und als Jäger mit einem guten Team zusammenspielen kann, wird an «Evolve» Freude haben. So müssen Boss-Kämpfe sein. Doch wer das Konzept Vier-gegen-Eins zwar interessant findet, sonst aber nur ab und zu Shooter spielt: Nichts für dich.

«Evolve» ist für Playstation 4, Xbox One und PC. Es ist ab 16. Das Haikiew ist hier.