Review: «Firewatch»

Ein abgelegener Wachtturm in einem Nationalpark, seltsame Vorgänge und eine Frauenstimme, die sich mit uns über ein Walkie-Talkie unterhält. Eine gute Voraussetzung für ein spannendes Game, das bereits viele mit Lob überschüttet haben. Darin mag ich jedoch nur bedingt mit einstimmen.

«Firewatch» macht vieles richtig. Die Landschaften und Bilder sind atemberaubend schön. Leuchtende Sonnenuntergänge, ockerfarben-orangene Flussebenen, in Sonnenlicht getauchte Seen, grün-braune Wälder voller Sonnenflecken.

Da bereitet es auch Vergnügen, stundenlang durch den Shoshone National Forest zu stapfen und einfach nur zu schauen: Ein Walking Simulator, wie es bereits «Everybody’s Gone to the Rapture» demonstrierte. Die Einsamkeit geniessen und dem Blätterrauschen lauschen. Die Geräuschkulissen, das erstklassige Sounddesign lassen die Natur erst recht lebendig werden. Doch neben all dem Spazieren wird uns auch ein Geheimnis versprochen.

Henry hört Delilah

Die Vorgeschichte erklärt, wie wir in dieser schönen, aber entlegenen Gegend gelandet sind: Henry trifft Julia, Liebe entsteht. Julia geht es schlecht und Henry muss sie in Pflege geben. Um mit der Trauer umzugehen, nimmt er 1989 einen Sommerjob im Shoshone National Forest an, im Norden der USA, um dort auf einem wackeligen Wachtturm nach Waldbränden Ausschau zu halten.

Ein See, die Sonne geht langsam unter. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch der Jonesy Lake ist schön. Wenn nur die nervenden Teenager nicht wären. Screenshot SRF

Dort ist unsere einzige Verbindung zur Aussenwelt ein Walkie-Talkie. Damit halten wir Kontakt zu Delilah, die auf einem anderen Aussichtsturm seit vielen Jahren im Sommer Wache hält und uns mit Aufgaben eindeckt. Wie Henry hat auch sie ihre Geschichte, ihre eigenen Probleme zu verarbeiten, gelegentlich auch mit Hilfe von zu viel Alkohol.

Sie erzählt uns mehr über die Vergangenheit hier im National Forest, instruiert uns, wie wir sicher durch die Gegend navigieren. Das machen wir per Kompass und Karte – zum Glück zeigt uns die Karte jeweils an, wo wir uns befinden. Ich hätte mich sonst andauernd im Gestrüpp verlaufen. Nach einer Weile geschehen seltsame Dinge: Zwei junge Frauen verschwinden, die Einrichtung auf meinem Wachtturm wird zerstört und ich stolpere über unzugängliches, verbotenes Gelände.

Live-Stream: Guido Berger spielt «Firewatch»

Meisterhafte Dialoge

Die Beziehung zwischen Delilah und Henry ist der Kern von «Firewatch»: Eine Beziehung, die sich nur über das Walkie-Talkie abspielt, indem wir den Verlauf ihrer Dialoge mitbestimmen. Weder sehen wir je Delilah noch sehen wir uns als Henry im Detail. Das einzige, was wir von ihm kennen, sind die Hände eines älteren Mannes mit Ehering und sein festes Schuhwerk. Aber Henry kommt gar nicht dazu, über sein Leben und seine Zukunft mit Julia zu reflektieren – wir reden ständig mit Delilah.

Die Dialogoptionen im Gespräch mit Delilah. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eines der vielen Gespräche mit Delilah. Screenshot SRF

Mit Spannung verfolge ich, wie sich die Beziehung zwischen Henry und Delilah entwickelt, wie sie sich besser kennenlernen, sich necken und so etwas wie Freundschaft entsteht. Was mich am meisten überrascht: Wir hören tatsächlich sowohl Henrys als auch Delilahs Stimme. Eine ungewöhnliche Wahl des Gamedesigns, der Hauptfigur Henry eine Stimme zu verleihen. Wenn nämlich die Hauptfigur stumm bleibt, so das Designprinzip, kann ich mich als Spielerin besser in sie einfühlen. Trotzdem funktioniert es, ich höre den beiden sehr gerne zu.

Delilah und Henry – die Art und Weise, wie wir die beiden Figuren erleben, wie sie nur anhand ihrer Stimme und Aussagen charakterisiert werden, ist schlicht meisterhaft. Trotzdem liess mich «Firewatch» nach knapp vier Stunden Spielzeit etwas enttäuscht und mit einem leeren Gefühl zurück. Daran sind weder Delilah oder Henry noch die schöne Landschaft schuld, sondern das Drumherum und die Rahmengeschichte.

So viele Ansätze, die nicht ausgeschöpft werden

Enttäuscht hat mich vor allem, dass «Firewatch» mir so viele Hinweise und erzählerische Motive anbietet – und sie dann doch nicht einlöst: Ein Thriller mit Gruselthematik, Überwachung und Paranoia. Verschwindende Teenager, Überreste der Shoshone- und Arapahoe-Indianer, ein ausbrechendes Feuer, ein abgesperrter Bereich des Parks – mysteriöse Vorgänge in einer Gegend, in der ich auf mich alleine gestellt bin. Selbst wenn ich die Dialoge mit Henry und Delilah sehr genoss, wollte ich nach einer Weile endlich das Mysterium aufklären.

Eine Skizze von Henry, der Hauptfigur. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So sieht Delilah also Henry – mich –, den sie noch nie im Leben gesehen hat. Screenshot SRF

Doch der Erzählbogen baut die Spannung zwar allmählich und gekonnt auf – nur um fade auszuklingen eine banale Lösung zu all den Vorgängen zu bieten. So, als würde ich auf einer Achterbahn steil hochfahren, um dann zu entdecken, dass dahinter keine steile Abfahrt folgt, sondern eine flache Ebene.

«Das soll es also sein?», dachte ich mir am Ende. So hatte ich nach dem Game den Eindruck, dass ich all diesen Erzählmotiven auf den Leim gegangen bin, statt mich auf den Kern des Games zu konzentrieren: Die Beziehung zwischen Delilah und Henry, die ich in Form eines Walking Simulators erlebe.

Gewolltes Ätsch-bätsch

Im Grunde genommen ist es eine schöne Idee: «Firewatch» lockt mich auf eine falsche Fährte, um mir am Schluss den Boden unter den Füssen weg zu ziehen. Ein «Ätsch-bätsch», das mir demonstriert, dass die grössten Mysterien und Rätsel im Alltag eine eher banale Hintergrundgeschichte haben, weder Aliens noch durchgeknallte Forscherinnen dahinter stecken. Diese gewollte Enttäuschung aber hinterliess einen bitteren Nachgeschmack.

Sie rührt auch daher, dass sich das Game im Genre-Clinch befindet: Es ist ein Walking-Simulator-Game, das mir gleichzeitg vorgaukelt, ein Rätselgame zu sein. Deshalb fühlte ich auch diese Leere am Ende. Dagegen gibt es aber ein Mittel: Glücklicherweise ist das Game relativ kurz, nach vier Stunden ist der Spuk vorbei. Und so möchte ich es eigentlich noch einmal spielen. Diesmal mit dem Fokus auf Delilah und Henry, und ich werde das Rätsel des Shoshone National Forests links liegen lassen.

«Firewatch» ist für Windows, Mac, Linux und Playstation 4. Es ist ab 16.