Review: «Inside»

Das Grauen ist fast greifbar: Menschen mit Masken deportieren gesichtslose Zombies, aus toten Schweinen winden sich riesige Maden. Es geht um Überwachung, Kontrolle und Unterdrückung – alles ohne Worte. «Inside» ist ein grandioser Alptraum, garniert mit einzigartigen Rätseln. Spielen!

«Show, don’t tell» lautet eine goldene Regel für Autorinnen und Autoren. «Inside» befolgt diese Regel perfekt: Kein Wort fällt im gesamten Game. Die Welt, durch die wir uns bewegen, erschliesst sich uns nur, wenn wir das Gezeigte genau beobachten. «Inside» verrät keinen Kontext, keine Hintergrundgeschichte, nichts. Und gerade das liess mich atem-, ja pausenlos weiterspielen. Denn ich wollte Antworten: Was ist das für eine Welt? Was geht hier vor sich? Wie endet die Geschichte?

Grauenvoll!

Tote Schweine, verlassener Bauernhof, Regen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Etwas stimmt hier nicht. Screenshot SRF

Die Welt von «Inside» ist äusserst beklemmend. Menschen tragen Masken, unsere Hauptfigur – ein kleiner Junge – hat kein Gesicht, alles ist braun, grau, schwarz, bedrückend. Schlangen von gesichtslosen Menschen reihen sich ein, um in einem Lastwagen deportiert zu werden, kontrolliert von Maskenmenschen. Tote Schweine, aus denen sich riesige Maden winden, liegen aufgetürmt auf einem verlassenen Bauernhof. Es geht um Überwachung, Kontrolle, Unterdrückung, und Menschen, die sich wie Puppen steuern lassen. Das Grauen ist greifbar.

Die Ausgangslage von «Inside» ist ähnlich wie in «Limbo» (2010), dem ersten Game des dänischen Gamestudios Playdead: Wir steuern einen namenlosen Jungen von links nach rechts durch das Bild, lösen Rätsel, verschieben Objekte, laufen gegen die Zeit. Aber da hören die Ähnlichkeiten schon auf. War in «Limbo» unser Feind die Natur – riesige, schwarze Spinnen, Stacheln, Steinbrocken – ist es nun der Mensch selber. Denn der Junge ist auf der Flucht vor diesen Maskenmenschen, die ihn sofort umbringen, wenn sie ihn entdecken. Sein Ziel ist es offenbar, in eine riesige, wahrscheinlich geheime Anlage einzudringen.

Zwar können wir den Jungen nur wie auf einer Schiene durch diesen Alptraum bewegen – nach links oder rechts. Doch die Hinter- und Vordergründe fordern auf, uns mit dieser Welt auseinander zu setzen: Wir sehen Menschen, die in einer Schlange aus dem Bild rennen, Häuserdächer im Dunst, kaputte Industriegebäude, eine Unterwasser-Forschungsanlage. Mehrmals hatte ich den Drang, diese Welt genauer zu erforschen. Doch das Game erlaubt dies nicht, ermöglicht nur Links-, Rechtsbewegungen – es kontrolliert unsere Bewegung wie die gesichtslosen Menschen in der Welt von «Inside».

Einzigartige Rätsel

Big Brother is watching you. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wir beobachten dich. Screenshot SRF

Jeder Abschnitt, der uns der geheimen Anlage näher bringt, fordert uns mit kleineren und grösseren Rätseln. Doch während ich mich kaum an ein Rätsel von «Limbo» erinnere, bleiben die Herausforderungen von «Inside» noch lange im Gedächtnis haften. Jede davon ist einzigartig und wiederholt sich nicht.

Das liegt auch daran, dass «Inside» die Rätsel oft mit Tönen und Farben koppelt. Letztere liefern Hinweise – etwa ein gelbes Kabel, gelbe Küken, pinke Hebel, die sich von der eintönigen Szenerie abheben. Auch das Sounddesign fordert unsere Ohren: Bei einem Rätsel etwa rollt eine Schallwelle in regelmässigem Rhythmus auf uns zu. Ignorieren wir den, zerfetzt sie uns. Oder wir müssen im Takt mit anderen, Zombie-artigen Menschen hüpfen, um nicht sterben zu wollen.

Das alles bewerkstelligt «Inside» mit gerade mal vier Tasten: Zwei um uns zu bewegen, eine für Sprünge, eine für die Interaktion. Auch hier gilt: «Show, don’t tell». Durch minimalste Bewegungen zeigt uns der Junge, dass er mit einem bestimmen Objekt interagieren kann, einen kaputten Kühlschrank verschieben oder ein Gitter hochheben. «Inside» ist reduziert auf das Wesentlichste und vermag doch so viel zu erzählen: Umwerfend!

Keine Notizen – gut so!

Für Game-Reviews mache ich mir während des Spiels normalerweise laufend Notizen. Fehlen sie, ist das für mich ein Zeichen, dass mich ein Game komplett in seinen Bann zieht. Bei «Inside» hören meine Notizen ab der Hälfte der Spielzeit auf. Ab diesem Zeitpunkt hält das Game zwei starke Wendungen bereit, die in wahren Horror und einen überraschenden Schluss führen. Mehr sei nicht verraten.

Tote Menschen, die kopfvoran an Seilen hängen. Vom Boden her. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Was ist hier los? Screenshot SRF

«Inside» ist kurz. Mit knapp fünf Stunden lässt sich das Game fast an einem Abend durchspielen. Aber die Kürze stört nicht: Lieber eine packende Geschichte und einzigartige Rätsel, als dass alles in die Länge gezogen und eintönig, gar repetitiv wird. Denn «Inside» bietet eine beklemmende, packende Reise, einen Alptraum, garniert mit einzigartigen Rätseln.

«Inside» läuft auf der Xbox One und Windows. Es ist ab 18.