Review: «Tom Clancy’s The Division»

Mit Freunden in New York herumballern, um die Ausrüstung unseres Agenten zu verbessern: Optisch grossartig – Schnee! Lichterketten in den Bäumen! – und mechanisch solid unterhält «The Division» zunächst gut, wird dann allerdings zu gleichförmig.

Die Rahmenhandlung von «Tom Clancy’s The Division» ist widerlich.

Nach einer Pocken-Pandemie ist in kürzester Zeit die Zivilisation zusammengebrochen. Manhattan ist der Anarchie verfallen. Und wir sind Agent der «Division», einer Geheimarmee, die für diese apokalyptische Situation geschaffen wurde und nun mit allen Mitteln Ordnung wiederherstellen soll.

Widerlich daran ist nicht nur die Vorstellung einer Geheimarmee mit der Erlaubnis, auf Zivilisten zu schiessen – was arg nach Todesschwadronen klingt. Sondern auch das Menschenbild, das man haben muss, wenn man es plausibel findet, dass Menschen im Falle einer Pandemie eine Grossstadt sofort in ein «Alle schiessen auf alle»-Horror-Kolosseum verwandeln.

Inhaltlich nimmt sich «The Division» meist bierernst. Dadurch ist die Dissonanz zum eigentlichen Spielgefühl extrem: Mit Freunden in einem wunderschönen New York fröhlich herumballern und sich über neue, bessere Ausrüstung freuen.

Der beste Game-Schnee

Ja, dieses Manhattan ist eine wahre Augenweide. Die Stadt ist mit Details vollgestopft – Graffiti, umgefallene Lastwagen, abgerissene Poster, ausgebrannte Autos, geplünderte Läden, Häuserblocks unter Quarantäne in gelbem Plastik eingekleidet, Weihnachtsschmuck, mit Lichterketten verzierte Alleen.

Agent Tyrone in einer Nebenstrasse Manhattans. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schnee und Licht: Visuell ist das Game grossartig. Screenshot

Und der Schnee! «The Division» bietet den besten Schnee, den ich je in einem Game gesehen habe. Und macht so beste Werbung für das technische Gerüst, der neuen Engine von Ubisoft Massive: «Snowdrop» bietet hervorragendes Licht und dynamische Wettereffekte. Locker bepuderte Autos, auf denen wir Fussabdrücke hinterlassen, wenn wir auf sie klettern. Im einen Moment glitzert die fahle Wintersonne im Matsch auf den Strassen – im nächsten rennen wir durch Nebel und Schneesturm. Und wenn wir eine Weile stehen bleiben, lagert sich auf unserer Mütze tatsächlich frischer Schnee ab.

Richtig guter Cover-Shooter

Auch mechanisch ist «The Division» grossartig. Ich würde sogar sagen, das ist der beste Cover-Shooter, den ich gespielt habe. Cover bedeutet: Wenn wir in der Nähe eines Mäuerchens oder Autos einen Knopf drücken, duckt sich unsere Figur dahinter und ist vor gegnerischen Schüssen sicher. Viele Shooter-Fans rümpfen darob die Nase, denn in Shootern sollte man eigentlich nie ganz unverwundbar sein – weil so genau der Druck vermindert wird, der eigentlich Spannung erzeugt.

«The Division» hingegen löst dieses Problem sehr gut: Erstens sind die Computergegner meist in der Lage, uns auf den Flanken oder von hinten anzugreifen. Und zweitens versuchen sie, uns aktiv aus der Deckung zu treiben: mit Flammenwerfern, Granaten oder indem sie hinter einem Schild geschützt und mit Axt bewaffnet auf uns zustürmen.

Video: Guido spielt «Tom Clancy’s The Division» (Live-Stream Let’s Play)

Mehr, mehr, mehr Ausrüstung

Wir bewegen uns mehr oder weniger frei in Manhattan und erfüllen kleinere und grössere Aufgaben – hier ist ein Waffenhandel zu verhindern, dort Spuren eines vermissten Agenten zu finden. Oder es müssen von Plünderern in einem Stadion eingeschlossene Zivilisten befreit oder eine Napalmfabrik zerstört werden.

Das Menu zur Auswahl von Waffen und Ausrüstung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Darum geht es: Ausrüstung verbessern. Screenshot

Erledigen wir diese Aufgaben erfolgreich, erhält unsere Figur neue Fähigkeiten und bessere Ausrüstung. Das ist die Hauptmotivation des Games. Zu Beginn fühlen sich die Gegner wie sogenannte «Bullet Sponges» an: Sie saugen Treffer um Treffer auf. Doch kaum erhalten wir eine stärkere Waffe, fallen sie schneller um – und schon hat uns das Spiel am Haken: Bessere Ausrüstung müssen wir nun haben!

Für meinen Geschmack gibt es allerdings zu viele Gegenstände, die sich kaum unterscheiden. Optisch sehen neue Handschuhe oder Knieschoner meist gleich aus – und ihre Werte sind ebenfalls nur ein kleines bisschen besser. Wir verbringen zu viel Zeit damit, diese Zahlen zu vergleichen und die aktuelle Ausrüstung zu optimieren.

Toll im Team

Überreste der Quarantäne, ein getöteter Helfer for einem Ambulanzfahrzeug. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Widerliche Geschichte, deprimierende Schauplätze. Screenshot

Wir können alleine losziehen – oder in einer Gruppe mit zwei bis vier Agenten. Und so macht «The Division» am meisten Spass. Gegner passen ihre Stärke und Taktik automatisch der Grösse unserer Gruppe und den Fähigkeiten der einzelnen Agenten an – entsprechend fühlen sich die Missionen immer gerade schwierig genug an.

Eine weitere Stärke von «The Division»: Im Gegensatz zu ähnlichen Shootern müssen wir unseren Agenten nicht zu Beginn des Spiels auf eine bestimmte Klasse festlegen (Scharfschütze, Sanitäter oder Grenadier beispielsweise). Stattdessen können wir jederzeit, sogar mitten im Kampf, Fähigkeiten auswechseln. Also unsere Rolle laufend der Situation und der Team-Zusammensetzung anpassen.

Missionen und Gegner zu gleichförmig

Das ist also die Grundstruktur: kleine und grosse Missionen erledigen, bis der eigene Agent maximal stark und gut ausgerüstet ist. Zu Beginn unterhält das hervorragend.

Tyrone schiesst aus der Deckung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Violett heisst: Dieser Gegner ist stark. Und gepanzert. Tyrone schiesst auf einen «Cleaner». Screenshot

Doch mit zunehmender Spielzeit wird deutlich, wie repetitiv die Missionen sind. Geh dort hin, drücke diese Schalter, überstehe drei Wellen von Gegnern, besiege einen starken Boss-Gegner. Letzterer ist meist gepanzert, hat aber eine Schwachstelle – meist ziehen wir den dann im Kreis um das Schlachtfeld (sogenanntes «kiting») und arbeiten uns langsam durch seine Panzerung. Stärkere Gegner teilen mehr Schaden aus und stecken mehr ein, verhalten sich sonst aber gleich – damit werden Kämpfe gegen sie nicht anspruchsvoller, sondern nur langwieriger.

Noch nicht genug Spieler-gegen-Spieler in der «Dark Zone»

Wer von den Missionen genug hat, kann sich noch in der «Dark Zone» balgen. Während wir im Rest Manhattans nur auf computergesteuerte Gegner schiessen, also mit anderen Spielern online kooperieren, gibt es diese Einschränkung in der «Dark Zone» nicht mehr. Wenn wir uns dort hineinwagen, schiessen nicht nur computergesteuerte Gegner auf uns, sondern möglicherweise auch andere Spieler.

Mit schwarzem Plastik und Stacheldraht abgesicherte Zäune. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hinter dieser Absperrung ist die «Dark Zone». Betreten nur mit starken Nerven. Screenshot

In der «Dark Zone» gibt es die besten Ausrüstungsgegenstände zu finden. Doch behalten dürfen wir die nur, wenn wir sie bis zu einer bestimmten Stelle bringen und dort per Hubschrauber extrahieren. Sterben wir auf dem Weg dahin, lassen wir alle gefundenen Gegenstände fallen, und jeder andere Spieler kann sie auflesen.

Das ist an sich eine gute Idee – plötzlich können Mitspieler uns in den Rücken fallen und vom Freund zum Feind werden. Statt selber Gegenstände zu finden, können wir sie auch jemand anderem stehlen. Allerdings: Wer zuerst auf andere Spieler schiesst, ist ab sofort Freiwild für alle.

Das klingt zwar aufregend, aber es funktioniert nicht richtig: Das Risiko, von allen anderen Spielern gejagt zu werden, ist die mögliche Belohnung schlicht nicht wert. Entsprechend beäugen sich die Spieler in der Hubschrauber-Abhob-Zone zwar misstrauisch, lassen sich meist aber in Ruhe.

In der Zone, in der eigentlich die Spieler aufeinander hätten losgehen sollen, machen wir also fast das Gleiche wie ausserhalb: computergesteuerte Gegner bekämpfen, um bessere Ausrüstung zu erhalten. Wofür denn eigentlich?

Langlebig genug?

Mit Lichterketten behängte Bäume. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Weihnachtlich geschmückt. Screenshot

Die Grundmechanik von «The Division» gefällt mir trotzdem. Das Schlachtfeld New York ist ein Augenschmaus. Gut zwei Dutzend Stunden unterhielt mich das Spiel grossartig.

Doch bereits stellt sich Routine und Langeweile ein. Missionen und Gegner haben nicht genug Varianz, die «Dark Zone» unterscheidet sich nicht genug vom Rest Manhattans.

Im April und Mai sind zwei Gratis-Updates geplant: Es wird «Incursions» geben, besonders schwierige Spezialmissionen für eingespielte Agenten-Teams. Und neue Regeln für die «Dark Zone»: Das Schlagwort «Conflict» verspricht immerhin mehr Spieler-gegen-Spieler-Drama.

Und davon hängt die Langlebigkeit von «The Division» ab: ob Ubisoft Massive das Spiel mit neuen Inhalten frisch halten kann. Denn einfach mehr vom Gleichen wäre enttäuschend.

«Tom Clancy’s The Division» ist für Playstation 4, Xbox One und Windows. Es ist ab 18. Das Haikiew ist hier.