Schach neu erfinden? «Chess 2: The Sequel» wagt es

Diese atemberaubende Ambition muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Da kommt einer daher und meint: Schach war ja ganz erfolgreich. Aber das kann man noch besser machen.

Ein Schachbrett Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Two Kings gegen Empowered. Ludeme Games

David Sirlin ist mit ausreichend Selbstbewusstsein gesegnet. Dass modernes Schach seit dem 15. Jahrhundert gespielt wird, dass das Spiel über Jahrhunderte und unter dem Einfluss verschiedener Kulturen zu dem geworden ist, was wir noch heute spielen, schreckt ihn nicht ab. Nein, Sirlin setzt sich hin und findet: Schach hat Probleme. Der Nachfolger, Schach 2, macht das besser.

«Chess 2: The Sequel» ist die Computer-Umsetzung dieser neuen Regeln. Es erschien zunächst in der Nische der Ouya-Plattform und fand deshalb kaum Beachtung. Nun könnte es mit der Veröffentlichung für PC auf Steam ein breiteres Publikum erreichen. Dazu sind die neuen Regeln von David Sirlin auch als PDF erhältlich und können ganz ohne Computer mit gewöhnlichen Schachfiguren und -Brett gespielt werden.

Die Regeln von «Chess 2» setzen zwar auf den gewöhnlichen Schach-Regeln auf. Doch sie verändern sie radikal.

König über Mittellinie = Sieg

Normalerweise gewinnen wir, wenn wir den gegnerischen König schachmatt setzen. In «Chess 2» gewinnen wir auch, wenn unser König die Mittellinie überquert.

Ein Schachbrett Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Brett mit 2D-Figuren. Ludeme Games

Das Ziel dieser Regel ist einerseits, Patt-Situationen zu eliminieren oder mindestens stark zu reduzieren. Andererseits will Sirlin damit verhindern, dass ein eigentlich schon entschiedenes Spiel noch über viele Züge zu Ende gespielt werden muss. In solchen Situationen geben erfahrene Schachspieler in der Regel auf. Für Zuschauer ist das nicht immer sofort nachvollziehbar. Ausserdem ist es nicht so schön, wenn eine Partie nicht endet, indem jemand einen tollen Zug macht, sondern indem jemand aufgibt.

Duelle

Als zweite Änderung führt Sirlin die Möglichkeit eines Duells ein. Wenn eine Figur eine andere schlägt, kann der Verteidiger ein Duell einfordern. Beide Spieler bieten dann verdeckt eine Anzahl Steine. Hat der Verteidiger beim Aufdecken mehr Steine in der Hand, wird nicht nur die geschlagene, sondern auch die schlagende Figur vom Brett entfernt. Die totale Anzahl der Steine ist beschränkt. Verteidiger können also manchmal den Verlust ihrer Figur etwas abfedern; Angreifer umgekehrt müssen zeigen, wie wichtig ihnen diese Figur ist.

Ein Schachbrett Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schwarz am Zug. Ludeme Games

Damit versucht Sirlin, ein Element aus Poker zu übernehmen. Im Schach ist die Information perfekt – alles liegt offen auf dem Brett. Bei Poker dagegen sehen wir die Karten der Gegner nicht und müssen deshalb versuchen, sie zu «lesen». Darum geht es auch bei den Duellen. Und vielleicht auch mal den Gegner mit einem schönen Bluff dazu verleiten, zu früh zu viele Steine zu bieten.

Weil mit Duellen das Schlagen etwas unberechenbarer wird, ist es schwieriger, Eröffnungen auswendig durchzuspielen.

Sechs Armeen statt einer

In die gleiche Richtung zielt die radikalste Änderung: statt einer Armee mit den immer gleichen Figuren können wir zu Beginn einer Partie «Chess 2» eine Armee aus sechs verschiedenen Aufstellungen auswählen. Diese Armeen haben die folgenden Eigenschaften:

  • Classic
    Alle Figuren ziehen wie im gewöhnlichen Schach.
  • Nemesis (stärkere Bauern)
    Die Königin wird in «Nemesis» umbenannt und konzentriert sich völlig auf den gegnerischen König: Nur der kann sie schlagen; nur ihn kann sie matt/schachmatt setzen. Ausserdem werden die Bauern aufgewertet. Zusätzlich zu ihrem normalen Zug erhalten sie als Variante den «Nemesis move»: ein Feld in Richtung des gegnerischen Königs, also auch rückwärts oder diagonal. Der Doppelschritt der Eröffnung fällt dafür weg.
  • Empowered (stärkere Springer/Läufer/Türme)
    Wenn ein Springer, Läufer oder Turm direkt neben einer anderen dieser Figuren steht, kopiert er sozusagen ihre Zugmöglichkeiten. Ein Springer neben einem Läufer kann in seinem nächsten Zug also sowohl als Springer oder als Läufer ziehen. Um diese enorm gesteigerte Beweglichkeit zu kompensieren, darf die Königin nur noch wie ein König ziehen.
  • Reaper (stärkere Königin)
    Die Königin wird in «Reaper» umbenannt. Sie kann überall auf das Feld teleportieren, ausser in die letzte Reihe des Gegners. Sie kann alles schlagen, ausser dem gegnerischen König. Dagegen werden die Türme zu Gespenstern, die auf jedes offene Feld teleportieren können, dafür aber weder schlagen noch geschlagen werden können, also lediglich im Weg stehen.
  • Two Kings (stärkere Könige)
    Die Königin wird durch einen zweiten König ersetzt. Wenn einer davon Schachmatt ist, hat man verloren; um mit der Mittellinie-Regel zu gewinnen, müssen sie beide Könige überqueren. Die Könige erhalten ausserdem eine weitere Zugmöglichkeit: den Wirbelwind. Damit schlagen sie alle Figuren direkt um sich herum, gegnerische und eigene. Am Ende eines Zuges können wir ausserdem mit einem der beiden Könige noch ein zweites Mal ziehen.
  • Animals (alles crazy)
    Die extremste Variante. Die Springer werden zu Wildpferden, die nicht nur gegnerische, sondern auch eigene Figuren schlagen können. Die Läufer werden zu Tigern, die nur noch zwei Felder diagonal ziehen können. Beim Schlagen springen sie ausserdem gleich wieder auf ihr Ursprungsfeld zurück, wie ein Tiger, der an- und wieder zurückspringt. Die Türme werden zu Elefanten, die nur noch drei Felder ziehen können. Wenn sie schlagen, schlagen sie alles (Freund und Feind) auf den drei Feldern. Eine Figur, die den Elefant schlagen will, darf nicht weiter weg als zwei Felder sein. Und schliesslich wird die Königin zur Dschungelkönigin: Sie zieht wie ein Läufer oder ein Springer.

Asymmetrisches Schach

Ziel dieser Varianten ist es, zu verhindern, dass man Eröffnungen auswendig lernen kann. Denn statt einer Konstellation zu Beginn gibt es nun 21 verschiedene – zu viele, um jede Variante zu katalogisieren.

David Sirlin hält das Game-Design von Schach für altertümlich, weil es symmetrisch ist. Beide Spieler haben die gleichen Werkzeuge, der einzige Unterschied ist, dass Weiss beginnt. Das ist bei «Chess 2» nicht mehr so: Spieler wählen eine Armee, die ihnen am besten liegt, mit Fähigkeiten, welche die andere Armee vielleicht nicht hat. Dadurch entstehen ganz unterschiedliche Konstellationen und stärker individualisierte Spielverläufe. Das Ziel: mehr improvisieren, weniger auswendig lernen.

Deshalb sind auch fast alle modernen, kompetitiven Spiele asymmetrisch: In Echtzeit-Strategiespielen wie «Dota», «Starcraft» oder «League of Legends» wählen wir Helden oder Rassen; in Rollenspielen wie «World of Warcraft» wählen wir Klassen; in Prügelspielen wie «Street Fighter» wählen wir Kämpfer; in Sammelkartenspielen wie «Magic: The Gathering» oder «Hearthstone» stellen wir unser Deck zusammen; selbst in Schiessspielen wie «Battlefield» oder «Call of Duty» haben die Kämpfer unterschiedliche Ausrüstung, die Teams unterschiedliche Ziele.

Video: David Sirlin erklärt «Chess 2»

Die Meinung des Schachspielers

David Sirlin ist für seine Arbeit an «Super Street Fighter II Turbo HD Remix» bekannt. Er schreibt über Design-Theorie, zum Beispiel über Balance von Multiplayer-Spielen. Er hat somit Fähigkeiten vorzuweisen, die sein Selbstbewusstsein rechtfertigen, Schach umkrempeln zu wollen.

Ich selbst bin kein guter Schachspieler. Ich habe das Spiel von meiner Mutter gelernt, oft gegen sie gespielt und meistens verloren. Die Schach-App («Shredder Chess»), mit der ich selten noch eine Partie wage, hat nicht gerade Angst vor mir und schätzt mich auf circa 1200 Elo ein (Wertung der Schachspielstärke).

Meine Partien in «Chess 2» empfand ich als aufregend, besonders die Mittellinie-Regel. In einer Partie richtete ich mit meinen Springern in den gegnerischen Reihen Chaos an und schob gleichzeitig meinen König hinter einer Bauernwand nach vorn. Einen so exponierten König würde man sonst nie riskieren. Doch es war prickelnd, mit diesem Kriegerkönig wild an vorderster Front zu reiten und Schach sozusagen auf den Kopf zu stellen.

Doch um die Ideen von David Sirlin wirklich einordnen zu können, brauchte ich mehr S(ch)achverstand. Bei der Schachgesellschaft Zürich empfahl man mir Georg Kradolfer, internationaler Schiedsrichter, Organisator des «Zürcher Weihnachtsopen», im Schweizer Schach-Verband für die Ausbildung zuständig, ca. 2100 Elo.

Nicht die einzige Variante

Kradolfer weist darauf hin, dass Sirlin natürlich nicht der Einzige ist, der eine Schach-Variante vorschlägt. So habe beispielsweise auch der Komponist Arnold Schönberg ein komplexeres Schach vorgeschlagen, «Koalitionsschach» mit vier Spielern auf einem Brett.

Oder «Schach960» von Grossmeister Bobby Fischer, wo die Anfangsstellung innerhalb gewisser Regeln ausgewürfelt wird. Daraus ergeben sich 960 mögliche Anfangsstellungen. Wie Sirlin versucht auch Fischer, das Auswendiglernen von Eröffnungen zu verunmöglichen. Im Gegensatz zu Sirlin bleibt das Spiel aber symmetrisch: Die zufällige Anfangsstellung gilt für Weiss und Schwarz.

Diese Variante werde heute gerne gespielt und wurde vor ein paar Jahren auch im Anhang der Regeln des Weltverbandes aufgenommen. Allerdings mehr als ein Jahrzehnt nach der Vorstellung – trotz einem grossen Namen wie der Bobby Fischers.

Zu komplex

Im Gespräch wird mir klar, dass sich David Sirlin umsonst bemüht. Georg Kradolfer findet die neuen Regeln zwar interessant, aber nicht sonderlich elegant: Die Duelle führten ein Element des Zufalls ein; die zusätzlichen Armeen machen die Regeln deutlich komplizierter.

Hier tritt ein grundsätzlich unterschiedliches ästhetisches Verständnis zu Tage. Kradolfer verweist mit gutem Recht auf die lange Geschichte des Schachs, in der sich die Regeln nun schon seit langem nicht mehr grundsätzlich verändert haben. Diese Regeln seien in ihrer Einfachheit schön – mehr Komplexität ist gar nicht wünschenswert.

Ein Schachbrett Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Empowered gegen Reaper. Ludeme Games

Sirlin dagegen hat den Hintergrund in Computerspielen, wo mehr Komplexität oft erwartet wird. Gamer finden Komplexität gut, weil sie mehr Abwechslung bedeutet.

Die Frage, ob ein einfaches, aber variables oder ein komplexes, aber balanciertes Regelwerk das elegantere sei, wird auch in der Brettspiel-Szene diskutiert. Dort sind in den letzten Jahren immer mehr komplexe Spiele entstanden, weil sowohl die erfahrenen Brettspieler als auch die Computerspieler Komplexität mögen. Schach scheint sich dieser Tendenz aber zu entziehen, weil die Regeln ein historisch gewachsener Konsens sind.

Remis kein Problem

Ausserdem verneint Georg Kradolfer, dass viele Remis wirklich ein Problem des Schachs seien. Der Kalifornier Sirlin findet ein Spiel schlicht schlecht designt, bei dem auf höchstem Niveau mehr als die Hälfte der Partien in einem Unentschieden enden. So wie es Amerikaner auch sonst nicht nachvollziehen können, warum es Millionen von Menschen interessant finden, einem 0:0-Fussballspiel zuzusehen – amerikanische Sportarten meiden Unentschieden wie die Pest.

Kradolfer dagegen meint, dass eine dreistündige Partie zweier Grossmeister auch spannend sei, wenn sie in einem Remis ende. Ausserdem sei das auf Amateurstufe nie ein Problem: Dort seien die Spielstärken unterschiedlich genug, dass Remis viel seltener sei.

Schach 2 hat keine Chance

Es wird klar: Hier geht es nicht darum, ob denn die Ideen von David Sirlin gute Lösungen sind. Die Meinungen unterscheiden sich viel fundamentaler. Weder werden Probleme gleich diagnostiziert, noch decken sich die ästhetischen Vorstellungen.

Das macht den Versuch Sirlins für mich unglaublich romantisch. Es ist von vornherein klar, dass er damit scheitern wird: Seine Regeln werden im besten Fall höflich als Variante toleriert, aber niemals Bestandteil des offiziellen Schachs werden. Sirlin weiss das natürlich und versucht es trotzdem. Das finde ich bewundernswert.

«Chess 2: The Sequel» ist für PC (zum Download über Steam) oder für Ouya. Die Regeln gibt es bei David Sirlin zum Gratis-Download.