Handy-Game Zürich im Jahr 2117

Das Handy-Game «[re]format Z» spielt im Jahr 2117. Und trotzdem geht es darin um die Reformation vor 500 Jahren. Das ist nicht das einzige Erstaunliche: Es ist wohl das erste Game, in dem Schweizerdeutsch gesprochen wird. Wir haben mit einem der Macher über das ungewöhnliche Projekt gesprochen.

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Bildlegende: Hoch über den Dächern von Zürich: In «[re]format Z» sind wir eine Untergrundkämpferin auf der Suche nach Wahrheit. Screenshot

Die Games der Blindflug Studios hatten schon in der Vergangenheit öfter einen ernsten Hintergrund. «First Strike» zum Beispiel handelt von der Bedrohung durch Nuklearwaffen. «Cloud Chasers» lässt uns hautnah erleben, was es heisst, ein Flüchtling zu sein.

Mit «[re]format Z» wagen sich die Zürcher Game-Entwickler erneut an ein ungewöhnliches Thema: Eine Geschichte, die in einer düsteren Cyberpunk-Welt spielt. Wir spielen die Hackerin Alice, die sich gegen einen mächtigen Internetkonzern auflehnt.

Gleichzeitig ist die Game-Welt fest mit der Reformation verbunden, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahm und in der Schweiz zuerst von Ulrich Zwingli in Zürich aufgenommen wurde. So spielt das Game in Zürich, wir bewegen uns durch futuristische, aber originale Zürcher Schauplätze – und die Dialoge sind auf Schweizerdeutsch.

Frédéric Hein, der bei Blindflug als Projektleiter für «[re]format Z» zuständig war, hat uns mehr zum Game und seiner Entstehungsgeschichte erzählt.

Frédéric Hein, wie seid ihr zu diesem Thema gekommen? War es eine Auftragsarbeit?

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Bildlegende: Frédéric Hein war bei Blindflug Studios als Projektleiter für «[re]format Z» zuständig. Blindflug Studios

Nein, es war keine Auftragsarbeit. Der Verein «500 Jahre Reformation in Zürich» hat verschiedene Projekte ausgeschrieben, möglich waren auch Theater- oder Musikstücke. Wir waren – soweit ich weiss – die einzigen, die ein Game als Projektidee eingereicht haben.

Mit dem Geld des Vereins konnten wir dann die Idee umsetzen: Es ist also unser Spiel, finanziert vom Verein «500 Jahre Zürcher Reformation». Für uns war das Projekt doppelt interessant: Blindflug verknüpft im Kern immer gesellschaftspolitische Themen mit Games – und diesmal spielte es sogar in Zürich!

Trotzdem war es ein ausgeschriebenes Thema innerhalb eines festen Rahmens, 500 Jahre Reformation. Hattet ihr strikte Vorgaben oder völlig freie Hand?

Wir waren recht frei in dem, was wir tun konnten, hatten aber auch Vertreter der protestantischen Kirche, die uns beraten haben. Einer der wichtigsten Berater, vor allem in der Konzeptphase, war etwa Niklaus Peter, der Pfarrer des Fraumünsters.

Bei welchen Aspekten konntet ihr denn von der Beratung profitieren?

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Bildlegende: Wir spielen Alice: Eine junge Programmiererin, die ins Datenzentrum der Libria Corp. im Grossmünster eindringen will. Blindflug Studios

Es ging vor allem um historische Informationen, aber auch schlicht um Dinge, die wir gar nicht wissen konnten. Da war die Beratung Gold wert. Für mich war etwa wichtig: In einer frühen Phase hatten wir immer wieder von der «katholischen Kirche» gesprochen. Aber: Die Unterscheidung in «katholische» und «protestantische» Kirche gab es damals gar nicht – nur «die Kirche» existierte. Dank der Beratung haben wir es dann korrigiert und sprechen nur noch von «die Kirche damals».

Ihr habt die Geschichte ins Jahr 2117 verlegt. Was waren da die Konsequenzen, etwa auch in Bezug auf den Bösewicht?

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Bildlegende: Wir steuern unsere Figur, indem wir sie auf dem Smartphone-Bildschirm von Punkt zu Punkt ziehen. Blindflug Studios

Wir hatten ursprünglich eine Internetfirma, die sozusagen der Bösewicht war. Aber: Die Kirche damals war ja nicht einfach böse. Sie war so, wie sie war – mit guten und schlechten Seiten. Und so ist jetzt auch der Konzern im Game gestaltet.

Zudem wollten wir von Anfang an keine religiöse Institution als Bösewicht. Das hätte kaum Sinn gemacht, so etwas in hundert Jahren noch zu haben. Dass es eine internationale Internetfirma schafft, Zürich in hundert Jahren in eine dystopische Stadt zu verwandeln, ist da schon wahrscheinlicher.

Warum habt ihr eigentlich die Geschichte hundert Jahre in die Zukunft verlegt? Es wäre ja naheliegender, das Game effektiv in die Zeit der Reformation zu legen.

Diese Idee hatten wir schon sehr früh. Grund war auch die visuelle Spannung, ein Zürich in hundert Jahren mit dem Niederdorf voller futuristischer Gebäude! Gleichzeitig ist eine solche Welt auch viel näher beim Spieler – viel näher, als eine Welt, die 500 Jahre zurückliegt.

Diese Game-Welt ist ja recht düster, eine Cyberpunkt-Zukunft. Warum diese Darstellung?

Eigentlich um zu zeigen, dass es einen Leidensdruck gibt, der die Leute motiviert, ihre Gegenwart ändern zu wollen. Das war eigentlich die Analogie auf die Zwingli-Reformation. Mit einer solchen futuristischen Zukunft konnten wir auch visuell zeigen, dass etwas im Argen ist.

Ihr habt euch entschieden, alle Game-Dialoge auf Schweizerdeutsch zu vertonen. Damit schränkst du den Markt schon ziemlich ein...

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Bildlegende: Die Geografie des Games entspricht den echten Stadtplänen der heutigen Stadt Zürich. Blindflug Studios

So konnten wir zeigen, dass es eine lokale Geschichte ist: Sie spielt in Zürich – die Leute müssen im Game deshalb unbedingt Schweizerdeutsch sprechen! Das merkten wir vor allem während der Vertonung. Die Sprache hilft stark, das Game fest in Zürich, der Schweiz zu verankern. Zudem: Ich glaube nicht, dass uns die Wahl international stark einschränkt – die Bildschirmtexte sind auch übersetzt, die Audios untertitelt.

Ein bisschen hast du es schon angesprochen, aber was sind denn die Parallelen von der Reformation vor 500 Jahren und der Geschichte, die wir im Game spielen?

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Bildlegende: Das Game spielt in einer düsteren Zukunft, in der die mächtige Libria Corp. den Zugang zum Wissen streng kontrolliert. Blindflug Studios

Vieles läuft über sogenanntes «Environmental Storytelling» – die Bauten zeigen die Parallelen auf. Läuft der Spieler an wichtigen Orten der Reformation vorbei, wird erzählt, was damals passierte. Ein anderer Aspekt ist der Abfluss von Fachkräften.

Vor 500 Jahren war es das Söldnerwesen, das unter anderem auch die Reformation auslöste. Denn damals starben die jungen Leute auf dem Schlachtfeld, statt etwa auf dem Feld zu arbeiten. Im Game sind es dann Fachkräfte, die zum Internetkonzern in die USA abwandern – der «Brain Drain».

Kannst du dir vorstellen, dass das Game im Schulunterricht eingesetzt werden könnte, um die Reformation zu vermitteln?

Wir hatten das Game mit einer Schulklasse getestet und es hat prima funktioniert. Erfreulicherweise hatten die Kinder ganz viele versteckte Informationen im Game gefunden, etwa, dass Zwingli unehelich mit einer Frau zusammengelebt hatte. Es funktioniert also. Aber nur, wenn die Schule genügend Zeit einberechnet, damit Schülerinnen und Schüler das Game tatsächlich durchspielen können.

Man lernt also spielend ganz viele Fakten über die Reformation – was hast du für Fakten gelernt?

Im Vorfeld hatte ich viel zur Reformation recherchiert und das hat mein Bild zu Zwingli schon verändert: Man hat das «zwinglianische Zürich» im Kopf, das «prüde Zürich» und liest danach, was mit Zwingli alles so abging – da habe ich viel dazugelernt!

«[re]format Z» gibt es für iOS-Geräte von Apple und Android. Das Game ist gratis.