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Digital Internet-Blackout in China

Vergangenen Dienstag waren in China ab 15:20 Uhr die meisten Web-Seiten nicht mehr erreichbar – fast sechs Stunden lang. Stattdessen wurde der komplette Datenverkehr auf zwei Adressen in den Vereinigten Staaten umgeleitet. Aber warum?

Ein kleines Backsteinhaus
Legende: Cheyenne im Bundesstaat Wyoming: Sitz der Firma Sophidea, eine der beiden Firmen, die vom chinesichen Internet-Ausfall betroffen waren. Reuters

Für 500 Millionen chinesische Internet-Nutzer stand am Dienstag das Internet praktisch still. Nicht mehr erreichbar waren so bekannte Seiten wie das chinesische Twitter-Pendant Weibo oder die Suchmaschine Baidu. Der Grund: Der Verkehr wurde versehentlich auf die Computer zweier amerikanischer Firmen in den USA umgeleitet. Deren Server brachen innerhalb von Sekundenbruchteilen unter dem Ansturm aus China zusammen.

Von der chinesischen Mauer zur Zensur

Die Panne kam zustande, weil in China das Domain Name System (DNS) manipuliert worden war. DNS-Server sind Teil des Leitsystems im Internet, das den Datenverkehr dirigiert. Diese Server wurden so beeinflusst, dass Anfragen an Webseiten mit den Endungen .com, .org oder .net zu den Servern der Firmen in Wyoming umgeleitet wurden.

DNS-Server spielen in China auch bei der staatlichen Zensur eine wichtige Rolle. Das Land kontrolliert Internet-Inhalte seit es sich dem weltumspannenden Netz angeschlossen hat. Das ausgeklügelte Überwachungssystem, das China dazu aufgebaut hat, wird auf Englisch als «Great Firewall» bezeichnet – eine Anspielung auf die «Great Wall», die chinesische Mauer. Die Zensur-Behörden sperren regelmässig Web-Seiten von Gruppen, die ihnen nicht genehm sind. Zum Beispiel die religiöse Vereinigung Falun Gong, aber auch Seiten von ausländischen Medien wie die «New York Times».

Das chinesische Internet endet in Wyoming

Die beiden Webseiten, die von dem Datenstrom aus China überwältigt wurden, gehören den Firmen Sophidea und Dynamic Internet Technology mit Sitz in Cheyeenne im Bundesstaat Wyoming.

Sie scheinen nicht zufällig zur Zielscheibe geworden sein. Beide bieten Lösungen an, die es chinesischen Kunden ermöglichen, die Internet-Zensur zu umgehen. So entwickelt Dynamic Internet Technology Software, mit deren Hilfe Anhänger von Falun Gong in China zensurierte Web-Seiten der Sekte lesen können, die diese im Ausland veröffentlicht.

Die Täter

All diese Fakten scheinen unbestritten. Geht es jedoch darum, wer hinter der Manipulation steckt, so hört die Einigkeit auf.

Regierungsnahe chinesische Zeitungen gehen von einem Hackerangriff aus. Amerikanische Experten vermuten eher einen Lapsus bei der Zensur-Behörde: Sie nehmen an, dass die Behörde die beiden amerikanischen Seiten eigentlich sperren wollten, stattdessen aber versehentlich den Datenverkehr dorthin umgeleitet hat.

Plausibel sind beide Varianten. Die chinesischen Zeitungen zitieren Experten, die drauf hinweisen, wie anfällig das DNS ist und die Verbesserungen fordern. Sie kritisieren auch die Tatsache, dass die meisten wichtigen DNS-Server in den USA stehen und somit ausserhalb chinesischer Kontrolle liegen. Sie erinnern auch daran, dass China bereits zuvor gefordert hat, dass die wichtigsten DNS-Server den Vereinten Nationen unterstellt werden.

Wahrscheinlich wird nie geklärt, wer die DNS-Server manipuliert hat; was ganz im Interesse der Täter ist, ob diese nun absichtlich gehandelt haben oder versehentlich.

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