Lifelogging: Das Leben. Aufgezeichnet.

Nichts mehr vergessen! Ein schöner Moment, konserviert, der sich nie mehr verflüchtigt. Sondern immer abrufbar bleibt, dank Kameras, die automatisch alle 30 Sekunden ein Bild machen. Ein futuristisches Mödeli für Gadget-Besessene? Nein, wir alle stecken schon mitten drin.

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Bildlegende: Lifelogging: Ein Bild für jeden Moment. Google, Flickr, Memoto

Wir fotografieren so viel wie noch nie zuvor. Die Menschheit macht heute in zwei Minuten so viele Fotos wie im ganzen 19. Jahrhundert. Digitale Kameras sind überall, spätestens, seit in jedem Handy eine eingebaut ist. Während von Kindern der 70er-Jahre noch ein paar wenige Fotoalben erhalten sind, wird heute eine Kindheit beinahe lückenlos in Ton und Bild dokumentiert. Statt dem Feuerzeug leuchten heute im Konzertsaal die Handydisplays - ein Erlebnis ist keines, wenn wir es nicht festgehalten haben.

Automatische Kameras

Die konsequente Weiterentwicklung dieses Trends ist, dass der Vorgang von einem aktiven zu einem passiven wird. Statt aktiv den Fotoapparat aus der Tasche zu ziehen und ein Foto zu machen, kommen nun bald Kameras auf den Markt, die laufend automatisch fotografieren.

Zum Beispiel die Kamera des schwedischen Startups «Memoto». Das kleine Kästchen wird an die Kleidung gesteckt und macht dann automatisch alle 30 Sekunden ein Foto. Das Bild wird mit GPS-Daten versehen, damit wir es später nicht nur über das Datum, sondern auch über den Aufnahmeort wiederfinden.

Eine ähnliche Kamera namens «Autographer» ist die kommerziell erhältliche Variante der in einem Forschungsprojekt von Microsoft entwickelten «SenseCam». Die Kamera reagiert auf Bewegungen oder sich verändernde Lichtverhältnisse. Sie versucht also zu erraten, wann etwas wesentliches passiert, wir z.B. einen Raum verlassen.

Auch «Project Glass», die Datenbrille von Google, wird Kamerafunktionen erhalten; oder das soeben vorgestellte Konkurrenzprodukt «Vuzix Smart Glasses».

Mein Leben in Bits

Der Computer-Veteran Gordon Bell beschäftigt sich bei Microsoft Research schon länger mit dieser Thematik. Das Projekt «MyLifeBits» (einige Resultate davon sind in Buchform unter dem Titel «Your Life, Uploaded» nachzulesen) setzt sich zum Ziel, ein möglichst vollständiges digitales Protokoll des eigenen Lebens anzulegen. Also nicht nur Fotos, sondern auch Gesprächsmitschnitte; sämtliche Emails oder Chats; gelesene Artikel; getroffene Personen; digitale Protokolle von Unterhaltungen oder Gedanken.

Anspruchsvoll ist das technisch nicht mehr; schon sehr viel produzieren wir ohnehin digital. Und Speicherplatz ist billig - ein Terabyte kostet heute nur rund 60 Franken. Gordon Bell schätzte, dass 3 TB reichen für ein Leben an Erinnerungen. Und auch wenn Datenqualität wohl den Speicherplatzbedarf steigern dürfte - teurer wird der deswegen kaum.

Gleichzeitig gibt es in der Gesundheits- und Lifestyle-Industrie einen Trend hin zu Sensoren und Körperdaten-Aufzeichnung. Die Sensoren werden kleiner und billig, anschliessen können wir sie am tragbaren Computer im Hosensack, dem Smartphone. Damit können Herzfrequenz, Körpertemperatur oder Hautleitfähigkeit gemessen werden, sogar Sensoren für Blutwerte gibt es schon. Zu Daten wie Fotos und Dokumente können also bald auch solche der Körperfunktion dazukommen. Damit ist vorstellbar, dass wir nicht nur nach «meine Fotos im Aargau» suchen, sondern auch nach «meine Fotos im Aargau, als ich aufgeregt war».

Nichts mehr vergessen?

Das führt zur Frage: Wollen wir das überhaupt? Wollen wir nichts mehr vergessen? Kritiker des «MyLifeBits»-Projektes meinen, dass es ohne Vergessen kein Vergeben, keine Nostalgie geben könne.

Doch das Bedürfnis, den Moment festzuhalten, scheint ein urmenschliches zu sein. Im 19. Jahrhundert führte der viktorianische Gentleman ein Tagebuch und hielt darin täglich Erlebnisse und Gedanken fest. Schon 1945 publizierte die amerikanische Wissenschaftslegende Vannevar Bush einen Artikel, in dem er sich ein Gerät namens «Memex» vorstellte, das individuelle Erinnerungen und Erlebnisse automatisch speichern könnte. Als dann in den 60er-Jahren Hypertext entwickelt wurde, der Vorgänger des WWW von heute, bezogen sich die Entwickler ausdrücklich auf die «Memex»-Idee.

Der Gedanke, die Ereignisse eines Lebens digital zu speichern, kam also nicht nach Computern und dem Internet - sondern im Gegenteil zuvor. Das Internet ist so gesehen ein Nebenprodukt des Traums, nichts mehr zu vergessen.

Die Suche, die Vergessen simuliert

Dennoch ist die Vorstellung, gerade traumatische Erlebnisse immer wieder 1:1 abrufen zu können, wohl für die meisten ein Albtraum. Hier ist allenfalls einzuwenden, dass der Gedanke «Einmal abgespeichert = nie mehr vergessen» so nicht stimmt. Abspeichern ist einfach; in diesem gewaltigen Datenberg, den wir schon heute produzieren und der in Zukunft nur noch grösser werden wird, dann aber auch ein einzelnes Ereignis wieder zu finden, ist schwierig.

So werden Such-Algorithmen nötig, die uns das Durchsuchen des Datenbergs erst ermöglichen. Und wie wir von Internet-Suchmaschinen wissen, werden Suchresultate sortiert, und Ergebnisse auf der Seite Zwanzig schaut sich niemand mehr an.

Man könnte sich also eine Suche vorstellen, die gerade traumatische Erlebnisse weniger stark gewichtet als schöne. Weil diese dann «weiter hinten angezeigt» würden, könnte man so den Algorithmen «Vergessen» beibringen.

Persönlichkeitsrechte und Begehrlichkeiten

Auch wenn wir das Problem des digitalen Erinnerns lösen können - der gewaltige Berg hochpersönlicher Daten birgt Risiken. So verstossen z.B. Fotos gegen das Recht der fotografierten Personen am eigenen Bild. Auch wenn solche Fotos nicht veröffentlicht würden - die abgebildete Person könnte sich dennoch in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt fühlen. Dieses Recht durchzusetzen könnte allerdings schwierig werden, besonders, wenn kleine Kameras automatisch fotografieren, und darum nicht ohne weiteres erkennbar ist, dass man abgebildet wurde.

Ausserdem lagern wir damit sozusagen einen Teil unserer Erinnerungen in digitaler Form aus. Und machen sie damit nicht nur für uns selbst verfügbar, sondern auch für andere. Sind die Daten einmal vorhanden, entwickeln sich Begehrlichkeiten. So werden Strafverfolgungsbehörden ohne Zweifel auf sie zugreifen wollen. Auch eine Erpressung ist denkbar: Gibt mir etwas, oder ich lösche alle deine Erinnerungen. Und auch auf legalem Wege wird versucht werden, aus dem Bedarf an sicherem Speicher und intelligentem Zugriff Geld zu erwirtschaften.

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