Reddit versucht den neuen Journalismus

Die Plattform Reddit kennt man als Hort für Internet-Memes und ungefilterte Prominenten-Interviews. Mit einem Live-Blog zur Krise in der Ukraine wagt die Diskussions-Plattform nun ein Experiment in Sachen Massen-Journalismus.

Das Alien aus dem Reddit-Logo in einer pro-russischen Demonstration in der Ukraine. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Reddits Logo ziert ein Alien, doch die Plattform lässt ihre Benutzer in Echtzeit über durchaus irdische Dinge berichten. Reddit/Reuters

Der beliebteste Post bei Reddit ist einer, den niemand hätte beachten sollen. «test post please ignore» ist sein Titel, verfasst von einem Administrator, der eigentlich nur eine neue Funktion hatte testen wollen. Doch das kümmerte die Reddit-Community wenig: 21'875 Stimmen wählten den Eintrag zum Top-Post aller Zeiten. Und der beliebteste Kommentar zum «test post please ignore» lautet schlicht: «Don't tell me what to do!»

Die Anekdote sagt viel aus über Reddit und seine Benutzer: Die Diskussions-Plattform wird jeden Monat von mehr als 100 Millionen Menschen besucht und beherbergt gut 6000 aktive Diskussions-Untergruppen. Seit 2006 gehört Reddit zum Condé-Nast-Verlag beziehungsweise dessen Mutterhaus Advance Publications – und hat doch ihren widerspenstigen Charakter und die Liebe zum Schabernack behalten.

Populärwissenschaftliche Schulstube

Wichtigster Grund dafür ist, dass bei Reddit die Benutzer das Steuer in der Hand haben. Sie und kein geschäftstüchtiger Plattform-Manager bestimmen, was der Besucher als erstes zu Gesicht bekommt, welche Posts und Diskussionsgruppen besondere Prominenz erhalten. Mit dem Klick auf einen Pfeil nach oben oder nach unten bestimmen sie die Popularität eines Eintrags und lassen sich dabei nicht von Werbekunden leiten, sondern nur ihrem eigenen Interesse.

Reddit ist es dabei gelungen, mehr zu sein als nur ein Link-Aggregator, als nur ein Ort, wo die aktuellsten Kätzchen-Links und Internet-Memes zu finden sind. Dank Formaten wie «Today I learned» oder «Ask science», wo interessante Fakten vorgestellt oder Wissenschafts-Fragen beantwortet werden, ist die Plattform auch eine Art populärwissenschaftliche Schulstube für jedermann.

Obama und Federer auf den Zahn gefühlt

Besonders beliebt sind Massen-Interviews, die das Reddit-Publikum unter dem Titel «IAmA» führt – auch bekannt als «Ask me anything», «Frage mich, was du willst». Leute mit aussergewöhnlichen Berufen und Erfahrungen beantworten dort Fragen zu jedem Aspekt ihres Lebens. Ein Quizshow-Gewinner findet sich ebenso darunter wie ein Gefängnis-Aufseher oder ein ehemaliger Mafia-Boss. Und manchmal zeigt ein Staubsauger-Reparateur, dass auch vermeintlich langweilige Berufe durchaus spannende Seiten haben.

Auch Prominente haben Reddit als Plattform entdeckt: Barack Obama etwa gab dort Auskunft über das Leben im Weissen Haus und seinen liebsten Basketball-Spieler (Michael Jordan); Bill Murray zeigte sich auch im Internet als leicht schrulliger Sympath und Roger Federer ging direkt auf Fragen seiner Fans ein.

Weil Reddits sprödes Design das Lesen der Interviews nicht eben einfach macht – auf Fragen folgen nicht nur Antworten, sondern oft noch dutzende von Kommentaren – hat die Webseite «Interviewly» die besten Interviews gesammelt und leserfreundlich aufbereitet.

Jeder kann Live-Reporter sein

Mit einem Live-Blog zur Krise in der Ukraine versucht Reddit nun ein weiteres journalistisches Experiment. Die Nutzer sollen selber Live-Blogs anlegen über die aktuellen Ereignisse im Land berichten. Wer einen solchen Blog abonniert wird jederzeit über die neusten Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten. Auf den ersten Blick erinnert das an Live-Blogs und -Ticker grosser Medienhäuser – der grosse Unterschied ist aber, dass bei Reddit jeder zum Reporter werden kann und bei der Veröffentlichung seiner Beiträge von den technischen Mitteln profitiert, die auch professionellen Journalisten zur Verfügung stehen.

Noch funktioniert das Live-Blogging erst in einer Beta-Version. Das heisst, dass nur von Reddit ausgesuchte Benutzer den Blog mit Inhalten füllen. Später soll der Service allen Mitgliedern offen stehen. Dann kann es zu einem bestimmten Ereignis auch verschiedene Live-Blogs geben und die Reddit-Community per Abstimm-Mechanismus – Pfeil nach oben oder unten – gleich selbst bestimmen, welches der vertrauenswürdigste ist.

Das Publikum bekommt alles mit

Glaubt man dem US-amerikanischen Journalistik-Professor Jay Rosen, dann wird Journalismus besser, je mehr Leute daran beteiligt sind – wenn also nicht nur ein Reporter und sein Herausgeber bestimmen, welche Geschichten wie erzählt werden. Reddits Live-Blog sollte demnach Wasser auf Rosens Mühle sein. Doch die Formel «mehr ist besser» hat sich bei Reddit auch schon als falsch erwiesen: Nach dem Bombenattentat in Boston von 2013 suchte eine Gruppe nach den Urhebern – und publizierte dabei Fotos und Namen einiger falscher Verdächtiger.

Solche Fehler können natürlich auch traditionellen Medienhäusern passieren, gerade wenn es darum geht, eine Meldung als erster zu verbreiten. Auch im klassischen Journalismus kann beim Umgang mit Breaking News eine ähnliche Hektik und ein ähnliches Durcheinander herrschen wie in einer Reddit-Diskussion – bloss geschieht das hinter verschlossenen Türen und das Publikum bekommt davon nichts mit.

Die Community will Relevanz

Reddit bietet also so etwas wie einen gläsernen Journalismus. Ein Journalismus, der die oftmals verworrene Faktenlage in den ersten Stunden nach einem Ereignis wohl besser abbildet als die Zeitungs- oder Radioberichte dazu; der für sein Publikum Klarheit schaffen will und verschiedene Perspektiven und Erzählstränge zu einem vorgeblich objektiven Narrativ bündelt.

Offen bleibt die Frage, ob das Reddit-Publikum dann auch wirklich die zuverlässigsten und relevantesten Live-Blogs nach oben wählen wird, wenn zu einem Ereignis dann einmal mehrere existieren. Ein Blick auf die Rangliste der vergangenen «Ask me anything»-Fragerunden zeigt: An der Spitze der Beliebtheitsskala stehen nicht solche mit Hollywood-Sternchen und anderen Celebrities, sondern Barack Obama, Bill Gates, der Filmer und Naturforscher Sir David Attenborough und der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson.