Spurhalteassistent für «Arme»: Faszinierend, aber chancenlos

Neuwagen sind oft mit einem Spurhalteassistent ausgestattet. Das ist toll. Wer sparen und sein altes Auto weiter nutzen will, hat nichts von diesem Fortschritt. Das ist schade. Jetzt aber versprechen Navigationsgeräte mit Kamera, auch ältere Fahrzeuge aufzurüsten. Das klingt gut! Ist es das auch?

Die Kamera der Garmin Nüvicam und ein Screenshot des Assistenten-Menüs (Kollisionswarnung und Spurhalteassistent) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Da guckst du! Moderne Navigationssysteme sind dank eingebauter Kamera auch Assistenzsysteme – ein bisschen. Reto Widmer / SRF

Hersteller von Navigationsgeräten waren anfangs des letzten Jahrzehnts auf Rosen gebettet: Wir alle wollten ihre Geräte kaufen, der Rubel rollte. Dann kamen die Smartphones mit eingebautem GPS und Apps für die Navigation und wurden zur harten Konkurrenz.
Heute spricht wenig dafür, extra Geld auszugeben für ein Navigationsgerät nur fürs Auto. Entweder ist im Wagen bereits eines eingebaut – oder man benützt sein Smartphone.

Sicherheit als Verkaufsargument

Kein Wunder, suchen die Hersteller nach einem Argument, warum wir dennoch eines kaufen sollen. Sie sind fündig geworden meim Stichwort «Sicherheit», konkret: Spurhalteassistent und Kollisionswarner. Alles, was es dazu braucht, ist eine Kamera und viel Rechenleistung. Beides haben wir heute im Überfluss – auch in Navigationsgeräten.
Garmin nutzt die Power beispielsweise im Nüvicam, ein Navigationsgerät, das mich – grundsätzlich – begeistert: Grosse, berührungsempfindliche Anzeigen, genaue Karten mit verschiedenen praktischen Ansichten und Echtzeit-Infos. Wer viel unterwegs ist und täglich Navigationshilfe benötigt, fährt mit so einem Gerät wohl doch komfortabler als mit dem Smartphone und einer Navigationsapp.

Mich interessierten aber die Assistenzfunktionen: Merkt der Spurhalteassistent, wenn das Auto die Fahrbahn verlässt und alarmiert mich der Kollisionswarner, bevor ich dem Vordermann am Hinterteil klebe?

Navi denkt mit

Das Nüvicam ist mit über 400.- Franken ein teures Navigationsgerät. Eingebaute Assistenzsysteme in Neuwagen kosten aber schnell ein paar tausend Franken Aufpreis. So gesehen bietet Nüvicam viel zu einem fairen Preis. Zum Testen habe ich das Gerät mit dem Saugnapf an die Frontscheibe geklebt, unten in der Mitte, so dass es nicht stört. Spurhalteassistent und Kollisionswarner sind eingeschaltet – los geht's!

Screenshot des Assistenten-Menüs (Kollisionswarnung und Spurhalteassistent) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Über ein extra Menü kann der Benutzer die Kollisionswarnung und den Spurhalteassistent ein- oder ausschalten. Reto Widmer / SRF

Die ersten paar Kilometer lege ich in der Stadt Zürich zurück, stadtauswärts Richtung Brüttiseller-Kreuz. Beide Assistenten bleiben stumm: Der Spurhalteassistent wird erst ab 65km/h aktiv, der Kollisionwarner ab 50km/h. Spannend wird es kurz vor dem Dreieck «Zürich Ost». Jetzt liegt meine Geschwindigkeit um die 80km/h, die Assistenten sollten also aktiv sein. Ich wechsle auf die rechte Spur, um nach Bülach abzubiegen – überfahre die Linie – der Spurhalteassistent bleibt trotzdem stumm. Ein Fehler? Nein, clever! Dank des Kartenmaterials und meiner Position darauf hat das Navi gemerkt, dass es an dieser Stelle Sinn macht, eine Linie zu überfahren, es also keinen Grund gibt, mich mit einem Alarmton zu beunruhigen.

Spur halten lieber aus eigenem Antrieb

Weiter geht die Fahrt auf der Autobahn Richtung Bülach. Sobald keine Autos mehr in der Nähe sind, inszeniere ich den Ernstfall und lenke den Wagen immer weiter an den rechten Rand. Auf dieser Strecke ist das besonders heikel, weil es keinen Pannenstreifen gibt. Mit dem rechten Vorderreifen habe ich die durchgezogene Linie bereits überfahren – da meldet sich der Spurhalteassistent mit einem Warnton. Es klappt also – aber eigentlich zu spät. Das Gefühl, dass der Assistenz sich zwar meldet, wenn ich von der Spur abweiche, aber immer ein wenig hinterher hinkt, verunsichert mich in der Folge immer mehr.

Zum Teil liegt das sicher an den Testbedingungen: Es regnet in Strömen, die Sicht ist schlecht. Eigentlich erstaunt es mich, dass das System unter diesen Umständen überhaupt noch etwas sieht. Es ist keine leichte Aufgabe für die Kamera, die Fahrlinien zu erkennen. Ein paar Kilometer weiter auf einer Strasse mit lausigen Markierungen und später auf der kurvigen Landstrasse Richtung Embrach warnt mich der Spurhalteassistent dann auch nur noch ein einziges mal, obwohl ich den Wagen mehrfach fast ins Feld gelenkt habe.

Fazit: Der Spurhalteassistent funktioniert, hat aber seine Launen und ist deshalb nur bedingt zuverlässig.

Trotz Kollisionswarner dicht auffahren

Wieder auf der Autobahn, probiere ich den Kollisionswarner aus. Ich fahre verboten dicht auf einen Lastwagen auf. Als mich keine 10 Meter mehr von seinem Hinterteil trennen, reagiert die Warnfunktion. Ich lasse den Wagen zurückfallen und schliesse erneut auf – diesmal ertönt kein Warnton. Nicht nur der Spurhalteassistent ist also launisch – der Kollisionswarner ist ebenso sprunghaft. Und vor allem scheint er nicht auf den gesetzlichen Mindestabstand geeicht zu sein. Ein schwacher Trost bleibt: Einen Unfall hätte die die Dashcam-Funktion des Nüvicam sauber aufgezeichnet.

Screenshot des Startbildschirms der Nüvicam mit dem Hinweis, dass der Fahrer das volle Risiko trägt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Warnung vor dem Assistenzsystem: Macht Sinn – aber muss das bei jedem Einschalten des Navis sein? Reto Widmer / SRF

Die Assistenzsysteme im Nüvicam und anderen vergleichbaren Geräten wecken als Erwartungen, die sie nicht ganz erfüllen können. Sie gehören in die Kategorie «nützen sie nichts, so schaden sie nichts». Das aber nur, wenn ich mich nicht blind auf sie verlasse. Darauf macht mich das Gerät bei jedem Einschalten aufmerksam. Das nervt gewaltig und ich komme mir wie der letzte Dödel vor, dem man eine Info einhämmern muss, bis er sie endlich glaubt. Das kann ich dem Nüvicam weniger verzeihen als die Unzuverlässigkeiten bei den Warnfunktionen, die auch davon kommen, dass das Gerät nur das Kamerabild als Informationsquelle hat und nicht wie fest eingebaute Assistenzsysteme auf mehrere Sensoren zurückgreifen kann.

Aus dieser Sicht ist die Leistung des «mobilen Assistenzsystems» beachtenswert und faszinierend. Gross ankurbeln wird sie die Verkäufe bei Navigationsgeräten kaum. Wetten, dass noch dieses Jahr eine App herauskommt, die dieselben Funktionen aus dem Smartphone herausholen wird? Spätestens dann lohnt sich der Aufpreis nicht mehr, den ich für ein Navigationsgerät mit Kamera gegenüber einem vergleichbaren Modell ohne bezahle.