Startup-Firma The DAO: Revolution oder Rohrkrepierer?

The DAO versteht sich als Unternehmen, das bereits heute auf das Management-System der Zukunft setzt: Software statt Menschen. Wie weit das funktioniert, ist offen. Die Infrastruktur dahinter hat auf jeden Fall grosses Potenzial.

Blauer Hintergrund, daruaf die Schrift: THE DAO IS REVOLUTIONARY. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Webseite von The DAO: Die Firma fordert auf, sich zu beteiligen. Bereits mehr als 150 Millionen Dollar wurden bis dato eingezahlt. The Daohub

Zuerst das Unspektakuläre: The DAO ist ein Investmentfond, der Projekte und Produkte finanziert und sich am Gewinn beteiligt. Mitmachen können alle, auch Menschen mit kleinem Budget. Wer sich beteiligen will, der muss sein Geld zuerst in die digitale Währung Ether konvertieren und kann dann den Betrag übers Internet auf ein Konto von The DAO überweisen. Das ist der einzige Weg, um an sogenannte DAO-Tokens zu gelangen, die wie DAO-Beteiligungsscheine funktionieren.

Auf diese Weise sind in weniger als einem Monat bereits umgerechnet 150 Millionen Dollar zusammengekommen. Zum Vergleich: Bis anhin zählte die Smartwatch «Pebble» mit 22 Millionen Dollar zu den am besten finanzierten Produkten auf der Crowdsourcing Plattform «Kickstarter».

Revolutionär – nach eigenen Angaben

Der Erfolg von The DAO ist nicht darauf zurückzuführen, was das Startup macht sondern wie es das zu tun gedenkt: DAO steht für «Decentralized Autonomous Organization», auf Deutsch «dezentralisierte, autonome Organisation».

Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Bei The DAO gibt es keine Geschäftsleitung, die entscheidet, in welche Firma oder in welches Projekt Geld investiert werden soll. Stattdessen stimmen Investorinnen und Investoren darüber ab. Auch Verträge und Satzungen gibt es keine. Software übernimmt die Rolle von Papier, Anwältinnen und Richtern und stellt sicher, dass alle Abmachungen eingehalten werden.

Ethereum – ein neuartiges Computersystem

Möglich ist dies dank der Blockchain, auf der die digitale Währung Ether basiert. Dabei handelt es sich um ein Buchhaltungssystem, das aus tausenden von Computern besteht, die rund um die Welt rechnen. Wer mitmachen will, kann seinen Computer zur Verfügung stellen und wird dafür entschädigt.

Dieser gigantische Rechnerverbund kann aber noch viel mehr als bloss Geld überweisen und Konti führen. Ethereum, so heisst diese System, kann man wie einen einzigen, neuartigen Computer betrachten, der über ganz spezielle Eigenschaften verfüg, erklärt Gavin Wood, einer der Entwickler: «Auf der ganzen Welt gibt es nur einen Ethereum-Computer, so wie es auch nur ein Internet gibt.»

Der studierte Informatiker mit Doktor-Titel sieht noch weitere Parallelen zum Netz: «Wie auch beim Internet, ist es sehr schwierig, diesen Computer anzugreifen. Man kann ihn auch nicht stoppen oder zensurieren und die Maschine an sich stürzt nie ab.»

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Bildlegende: Dr. Gavin Wood: Der Informatiker ist überzeugt, dass die Eigenschaften des Ethereum-Computers ganz neue Möglichkeiten eröffnen werden. YouTube

Dazu kommen noch weitere ganz spezielle Eigenschaften: Der Ethereum-Computer ist allgegenwärtig, er ist über all dort, wo man auch Zugang zum Internet hat. Und jeder Schritt eines Programmes lässt sich nachvollziehen.

Eine Maschine mit dieser Charakteristik ermögliche ganz neue Anwendungen, ist Gavin Wood überzeugt. So könnte man Regeln, Abmachungen oder Verträge als Software programmieren, die dann auf dem neuartigen Ethereum-Computer läuft – sogenannte Smart Contracts. Da niemand diese Software abändern oder stoppen kann, wäre sichergestellt, dass auch niemand die darin festgehaltenen Abmachungen umgehen kann.

Ein Beispiel: Wer bei der Crowdsourcing Plattform «Kickstarter» für ein Produkt um Unterstützung sucht, der muss einen minimalen Betrag angeben, den es zur Umsetzung braucht. Ist die Frist zum Sammeln abgelaufen, so werden die eingenommenen Beträge nur dann überwiesen, wenn das zuvor festgelegte Minimum erreicht oder übertroffen wurde.

So eine Regel scheint wie gemacht für den Ethereum-Computer, denn sie lässt sich in wenigen Zeilen programmieren. Ein Programm könnte dann überprüfen, ob ein Projekt den Bedingungen entspricht und die Zahlung auslösen.

Ganz ohne Mensch geht es nicht

Auf ähnliche Weise soll nun auch das neu gegründete Crowdfunding-Unternehmen The DAO arbeiten: Zuerst stimmen Investoren per Software ab, dann sorgt ein Smart Contract dafür, dass Geld überwiesen wird.

Portrait Vitalik Buterin Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vitalik Buterin: Mit 19 Jahren gründete der russisch-kanadische Informatiker die Ethereum-Organisation. YouTube

In dieser Vision gibt es keinen Platz mehr für Spezialisten, die ein Produkt evaluieren, für Buchhalterinnen, die Zahlungen auslösen und Anwälte, die Verträge aufsetzen.

Doch ganz ohne Menschen kommt auch The DAO nicht aus: Sogenannte Kuratoren sollen darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Sie sollen etwa verhindern, dass ein böswilliger Investor sich die Mehrheit der Stimmen kauft und dann in einer Abstimmung das ganze Vermögen des Fonds in sein eigenes Projekt umleitet.

Doch auch die Macht der Kuratoren ist beschränkt. Die Macher halten ausdrücklich fest, dass allein die Investoren darüber entscheiden, welche Projekte unterstützt werden sollen. Dazu kommt, dass die Kuratoren von den Geldgebern gewählt werden und jederzeit auch wieder abgesetzt werden können.

Schaut man sich die Liste der Kuratoren an, so liest sich das wie ein who-is-who der Leute hinter Ether und Ethereum: Von den zehn Kuratoren arbeiten neun bei der Ethereum-Stiftung, darunter auch der Gründer Vitalik Buterin. Das dürfte mit ein Grund sein, dass The DAO schon kurz nach der Lancierung so viele Geld locker machen konnte.

DAO-Token: Wertvolle Aktie oder Andenken an historischen Flop?

Ob The DAO wirklich das Modell für die Firma der Zukunft abgibt oder ob das ganze in einem grossen Flop enden wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Kritiker werfen der Organisation vor, dass sie sich nicht in allen Punkten gesetzeskonform verhält.

Stan Larimer, der mit BitShares bereits Erfahrungen im Aufbau einer dezentralen, autonomen Organisation gesammelt hat, befürchtet, dass sich die Geldgeber nicht mit den Projekten auseinandersetzen und den Abstimmungen fern bleiben werden.

Eines scheint jedoch sicher: The DAO wird nicht das letzte Projekt sein, dass versucht, die neuen Möglichkeiten des Ethereum-Computers auszuschöpfen.