SXSW-Festival: Giftige Kritik an der Tech-Branche

Das traditionsreiche Musik-, Film- und Digital-Festival «South by Southwest» gilt als wichtiges Sprungbrett für Startup-Firmen. Doch dieses Jahr griffen zwei bekannte Referenten die Technologie-Branche frontal an: kurzfristige Gewinne statt langfristiger Perspektiven, lautete der Tenor.

Afromarikaner auf einer Bühne, hinten der Text SXSW, March 11 - 20. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gerald Casey: Der 30-jährige Harvard-Absolvent kritisiert die Tech-Branche. YouTube / SXSW

Der prominenteste Gast am diesjährigen «South by Southwest»-Festival in Austin Texas war zweifelslos Barack Obama. Doch noch bevor der Präsident in einer Ansprache seine Position im Krypto-Krieg wiederholen konnte, war zuerst ein junger Afroamerikaner an der Reihe: Gerald Casey hielt in einer emotionalen Eröffnungsrede der Gesellschaft und der Technologie-Branche den Spiegel vor.

Glasfasern statt Wasserleitungen

Rhetorisch gewandt und emotional wie ein Südstaaten-Prediger stellte er den ur-amerikanischen Glauben an den technologischen Fortschritt in Frage: In Kentucky verlieren 1000 Minenarbeiter ihre Stelle und sollen nun zu Programmierern ausgebildet werden. «Ist das wirklich eine Lösung?» fragte er sich und das Publikum.

Und: Wie ist es möglich, dass die Bevölkerung von Flint im Bundesstaat Michigan über ein Jahr lang verseuchtes Wasser aus Bleirohren trinken musste, während Firmen aus dem Silicon Valley kilometerweise Glasfaserkabel verlegen? Die Antwort des 30-Jährigen: Der Tech-Sektor konzentriert sich nur auf die Lösung von Problemen, mit denen sich Geld verdienen lässt. Strukturelle Armut hingegen sei kein Business-Case, sagt der der Abgänger der Harvard-Business-School.

Hass auf Google

Gerald Casey ist nicht der einzige Kritiker, dem das diesjährige «South by Southwest» eine Plattform bot. Douglas Rushkoff, Professor für Medientheorie und digitale Ökonomie an der City University, New York, stellte sein neustes Buch vor: «Throwing Rocks at the Google Bus» geht von einem Zwischenfall aus, bei dem eine aufgebrachte Menschenmenge im Silicon Valley Steine auf den Firmenbus von Google warf. Die Bevölkerung war wütend, weil die gut bezahlten Spezialistinnen des Internet-Konzerns über Jahre die Mieten in San Francisco in die Höhe trieben.

In den Google-Farben verkleidete Demonstranten und Demonstrantinnen vor einem Bus. Ein Schild mit dem Text "Defend affordable housing". Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Protest gegen Google: Im Titel seines Buches bezieht sich Douglas Rushkoff auf diesen Vorfall aus dem Jahre 2014. Reuters

Wer trägt die Verantwortung für diese Entwicklung? «Es sind nicht die Leute im Bus oder das Management der Firma», meint der Autor. Die Firmenleitung stehe unter Druck der Investoren – doch zu denen zählen alle von uns, die Geld für die die Altersvorsorge angelegt haben. Douglas Rushkoff sieht das Problem vielmehr in der Gier nach dem schnellen Geld, das die Risikokapitalgeber antreibt.

«Wir haben gesehen, wie Firmen innerhalb von ein, zwei Jahren von nichts auf ein, zwei Milliarden Dollar wachsen. Die Investoren denken sich – das ist es! Das ist mein Ticket zum Reichtum!» so der Vorwurf des Ökonomen. Diese Erwartung verhindere, dass ein Startup zu einer prosperierenden Firma aufgebaut werden kann, von der langfristig die ganze Geselschaft profitiert.

«  Raus aus Austin, du Yuppie-Abschaum! »

Demonstrant am SXSW

Als Beispiel erwähnt Douglas Rushkoff den Nachrichtendienst Twitter. Sich über kurze Textnachrichten mitzuteilen – die Idee gefällt dem Medienspezialisten. Seiner Meinung nach steht die Firma mit jährlichen Einnahmen von zwei Milliarden Dollar gut da. Doch den Investoren ist das zu wenig. In der Erwartung grosser Profite bei einem Verkauf oder Börsengang haben sie sich teuer eingekauft.

Gehen Kapitalgeber ein Risiko ein, so wollen sie in einem Startup auch mitreden. Doch eine Firma zu einem prosperierenden Unternehmen mit langfristiger Perspektive aufbauen ist ein Sache – ein Startup möglichst schnell an die Börse bringen, eine ganz andere. Daran kranke die Technologie-Branche, meint Douglas Rushkoff.

SXSW: Zu kommerziell, zu arrogant

Kritik wird seid längerem auch am Festival selbst gübt. Der Vorwurf: zu viel Marketing, zu viele Lobbying.

Smartphone mit der SXSW App, Text: "Music, Film, Interactive". Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Musik, Film und Technologie: Das Festival gilt als Sprungbrett, auch für Startup-Unternehmen. SXSW

Die Musik-Journalistin Andrea Swensson erklärte vor drei Jahren, warum sie sich das Festival nicht mehr antun werde. Einer der Auslöser war ein Marketing-Gag: Über einer Bühne, auf der gerade eine Band spielte, trohnte die Atrappe eines überdimensionierten Dorito-Chip-Automaten, mit Chips so gross wie Menschen. Ihr Fazit: Das Festival ist nicht mehr ein Ort, an dem es Talente zu entdecken gibt, die von ganz unten kommen. Darum bleibe sie nächstes Jahr lieber zu Hause.

«  I can't help but feel that [SXSW] has strayed far away from its original premise as a grassroots gathering place for new, undiscovered talent and increasingly feels like a big ol' Times Square billboard-sized commercial. »

Andrea Swensson
Musik-Journalistin, NPR

Plakat mit dem Text: "Thank you all for your money. Now please go home. -Austin" Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zuviel des Guten: Ein Teil der Bevölkerung protestierte schon 2012 gegen das Festival. Reuters

Ein Teil der Bevölkerung Austins ist zornig auf die Technologie-Branche. 30 Personen protestierten vor dem Convention Centre gegen den Anlass. Ein Grund: Auch in Austin haben sich zahlreiche Technologie-Firmen niedergelassen – von der Chip-Schmiede Texas Intstruments bis zum Computerhersteller Dell. Sie alle bringen Jahr für Jahr tausende gut bezahlter Mitarbeite in die Gegend. Und wie in San Francisco steigen auch in Austin die Mieten Jahr für Jahr an.

«  Tech Greed = Community Disruption »

Plakat eines Demonstranten

Der Protest der kleinen Gruppe richtete sich auch gegen das Festival selbst. Ein 32-jähriger Demonstrant erzählte der Süddeutschen Zeitung, wie ein Vermieter den Laden einer Latina-Frau abreissen liess, damit er auf dem Gelände einen Event durchführen konnte. Eine Branche, die den einen die Existenzgrundlage entzieht, damit andere eine rauschende Party feiern können – dieses Bild zeigt, worum es den beiden Kritikern Casey und Rushkoff in ihren Reden ging: um eine Industrie, die sich immer weiter von der Basis entfernt.