Unsere Smartphones werden zu umfassenden Einkaufsbegleitern

Cumulus und Supercard als Apps sind erst der Anfang des Siegeszugs unserer Smartphones beim Einkaufen. Bald kann es sein, dass die Produkte im Geschäft mit unseren Smartphones sprechen, ihnen verraten, ob wir sie essen sollten oder nicht – und uns direkt zu Aktionen navigieren.

«Ich bin der letzte Schweizer, der sich weigert, Cumulus- oder Superkarte zu benutzen!», betonte ich noch vor wenigen Monaten – dann ging es plötzlich sehr schnell. Schwach wurde ich, als mich eine Kassierin darauf hinwies, dass ich etliche Superpunkte besässe und damit locker die drei Flaschen Wein bezahlen könne, die auf dem Band lagen.

Ich Superpunkte? In der Tat!

Angehäuft hatten sich diese Punkte unbemerkt, als ich vor einigen Jahren einen grösseren Betrag in einem Baumarkt bezahlt hatte – ausnahmsweise mit einer Coop-Kreditkarte, die eben auch eine Supercard ist.

Seitdem sammle ich also doch Punkte, denn die sind ja offensichtlich wie Geld. Ich sammle, in dem ich der Kassierin mein Handy hin halte mit der geöffneten Supercard-App – sie scannt den Strichcode auf dem Display. Das ist praktisch, finde ich, denn es ersetzt die klassische Karte.

Ich bin nun konsumtechnisch endlich bei den Leuten, könnte man meinen. Stimmt nicht ganz. Denn ich nutze die Supercard-App nicht so aus, wie ich es könnte. Kollege Jürg Tschirren hat mich letzthin darüber aufgeklärt. «Digitale Coupons» ist das Stichwort.

Jürg Tschirren scannt in einem Einkaufszentrum ein Regal mit Produkten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jürg Tschirren: «In dieser neuen Einkaufswelt uns das Shoppen sehr gefällt!» Flickr (Christian Schneettelker) / Reto Widmer (Montage)

«Sie machen mein Leben erst richtig erfüllt!» erklärte er mir und erläutert, dass er eigentlich nur deswegen selbst seine Produkte an der Kasse einscannt, etwas, von dem ich wiederum behaupte, ich werde bald der letzte Schweizer sein, der dies nicht tut. Jürg hingegen findet beim selber Kassieren die notwendige Musse, sich durch die aktuellen Coupons zu scrollen und die zu seinen Einkäufen passenden zu aktivieren. Es verschaffe ihm eine «diebische Freude» meinte er, wenn er sofort auf dem Handy sehe, wie, wo und was er alles gespart habe.

Einkaufen als verführerisches Game, Bezahlen als intensive Achtsamkeits-Übung: Die Werkzeuge dazu sind die Kundenbindungs-Apps, die uns derzeit allerdings noch viel Gefummel abverlangen.

Das wird nicht lange so bleiben, denn in naher Zukunft wird uns das Smartphone beim Einkaufen noch viel mehr und intuitiver zum Geld ausgeben verführen.

Erstens: Produkte, die mit uns sprechen

Dass ich während des Einkaufens dauernd aufs Smartphone gucken muss, um allfällige digitale Coupons zu aktivieren, kann nicht sein. Und nur deswegen dem Selbst-Scan-Trend zu folgen wie Jürg, will ich nicht. Wieso ruft mir bei meinem Gang durch die Regale nicht jedes Produkt zu, wenn es als digitaler Bon in meiner App vorhanden ist?

Technisch ist diese Produkt-zu-Kunde-Kommunikation machbar mit Beacons, kleinen Sendern, die dem Handy Informationen zufunken. Ausprobiert wurde es bereits zum Beispiel in Zürich-Wiedikon: Verschiedene Geschäfte konnten auf ihre Angebote aufmerksam machen, wenn jemand zu Fuss vor dem Schaufenster passierte. Das Pilotprojekt Beaconzone lief bis vor einem Jahr.

Das Traditionshaus Loeb testet ebenfalls die drahtlose Shop-Kunden-Interaktion. Es hat in seinen Konzept-Stores «Maggs» solche Beacon-Sender installiert, die die Treuekarten vorbeigehender Kunden identifizieren. Mit speziellen Sonderangeboten, die ans Handy gesendet werden, wird dann versucht die Kunden in den Laden zu locken und sie zu Impulskäufen zu verführen.

Zweitens: Geschäfte, die uns den Weg weisen

Auch als Orientierungshilfe können Smartphones dienen, obwohl ich zugeben muss, dass es bei uns kaum Geschäfte gibt, die so gross sind, dass wir uns darin verlaufen könnten.

Eine App, die im Supermarkt anzeigt, wo welche Produkte sind, die gerade Aktion sind. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Den Supermarkt im Griff: Dank VLC findet der Kunde jedes Produkt, das im Angebot ist. Youtube / Phillips

Anders sieht es im Ausland aus, in Frankreich etwa. Die riesigen Malls überfordern viele Kunden, wer gezielt Produkte finden will, benötigt einen Kraftakt. Abhilfe schaffen will ein Navigationssystem, das die Supermarktkette Carrefour derzeit in Lille testet. Weil in einem Supermarkt GPS-Navigation zu ungenau ist oder gar nicht funktioniert, werden die Informationen mit Licht übertragen (Visible Light Communication System VLC).

Drittens: Die Handykamera, die mehr sieht als ich

Unter dem Stichwort «erweiterte Realität» («augmented reality») laufen Projekte, zu einem Produkt zusätzliche Informationen einzublenden und zwar dann, wenn ich mit der Handykamera das Produkt erfasse. Das Projekt «mobile Produktlupe» zeigt, wie das funktioniert.

Eine App, die anzeigt, ob ein Produkt Allergien auslösen kann oder nicht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Augmented Reality blendet bei Produkten ein, ob sie Allergene enthalten oder nicht. Youtube / Innoretail

Die «Lupe» kann verschiedene Informationen anzeigen. Zum Beispiel zusätzliche Fotos des Artikels, die auf der Verpackung keinen Platz haben. Möglich ist auch das Abspielen von Produktvideos, die Anzeige der Inhaltsstoffe oder Benutzerbewertungen aus Foren. Aktuell setzen vor allem Möbelgeschäfte augmented reality ein. Damit können die Kunden die Möbel schon einmal in ihr virtuelles Wohnzimmer stellen.
Lego setzt die Technologie ein, um den Kunden in ihren Geschäften zu zeigen, wie ein Bausatz aussieht, wenn er zusammengebaut ist.

Viertens: Die Kasse, die den Inhalt meines Wagens kennt

Am Schluss des Einkaufs muss ich die Ware bezahlen. Derzeit funktioniert das noch so: Entweder ich lasse scannen – oder ich scanne selber. Das dürfte nur eine Übergangslösung sein. Technisch realisierbar ist schon heute, dass wir mit dem Einkaufswagen durch ein Tor gehen – und der Betrag wird automatisch von meinem Konto abgebucht. Möglich machen das RFID-Etiketten auf den Produkten, dank denen die Sensoren in den Toren kontaktlos alle Waren in meinem Wagen erkennen und die Kasse die zu bezahlende Summe berechnen kann.

Was wird sich durchsetzen?

Ob und wann eines oder mehrere dieser Szenarien in unseren Geschäften zum Alltag gehören, ist offen. Technisch realisierbar sind sie alle schon heute mit mehr oder weniger grossem (finanziellem) Aufwand. Klar ist, dass sich derzeit das Smartphone immer mehr zum unverzichtbaren Einkaufsbegleiter wandelt.

Das ist aber nicht in Stein gemeisselt. Smartphones könnten auch im Shoppingbereich nur eine Übergangsphase sein zu einer ganz neuen Art von mobilen Geräten – und dann werden auch oben beschriebene Szenarien bald wieder nur für Schmunzeln sorgen in Artikeln zum Thema «So sahen wir die Zukunft 2016».

Eines werden wir aber wohl auch in der Zukunft immer tun – so meine Prognose: Punkte sammeln. Wie auch immer. Ich: zähneknirschend. Jürg: mit diebischer Freude.

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