Züri Fäscht-App: Daten spenden für einen guten Zweck

ETH-Wissenschafter erkunden, wie sich Menschenmassen an grossen Veranstaltungen verhalten. Die Daten dazu liefern die Besucher des Stadtfestes über eine Smartphone-App – freiwillig.

Menschenmasse am Zürifäscht beim Eindunkeln Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Züri-Fäscht 2010: Unbeschwert in der Masse Keystone

Nach verschiedenen Grossanlässen in Europa beobachten Forscher vom Wearable Computing Lab der ETH Zürich zusammen mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz jetzt auch das Verhalten von Besuchern am Züri Fäscht.

Damit genug Daten zusammenkommen müssen nach Schätzungen der Forscher etwa 2 Prozent der Besucher die App installieren und benutzen. Dazu braucht es einen Anreiz. Die Forscher haben deshalb versucht, eine möglichst attraktive App fürs iPhone und Android-Geräte zu entwickeln.

Was bringt mir die Züri-Fäscht App?

Folgende Features stellt die App dem Besucher zur Verfügung:

  • Festprogramm, immer aktuell: Was läuft wo und wie komme ich dahin?
  • Karte mit Veranstaltungsorten: Wo ist das nächste WC? Oder ein Sanitätsposten?
  • Info zur Verkehrslage oder Sicherheit: Wie komme ich schnell wohin?
  • Facebook-Freunde finden: Wo sind meine Freunde jetzt gerade?
  • Abzeichen sammeln: Spielerische Statistik zum eigenen Verhalten

Was der Besucher nicht sieht

Die App sendet alle zwei Minuten anonymisierte Daten an die Zentrale. Im Zentrum stehen die Koordinaten des Aufenthaltsortes; Android-Smartphones überprüfen zusätzlich, welche Bluetooth-Geräte in der unmittelbaren Umgebung eingeschaltet sind. Auch Angaben zu bestimmten Benutzer-Interaktionen werden anonymisiert übermittelt; etwa, welchen Ort der Besucher auf der Karte gerade sucht.

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Züri-Fäscht App

Die Züri-Fäscht App gibt es gratis fürs iPhone und Android Geräte:

iPhone im iTunes Store
Android bei Google Play

Schnell haben die Forscher gemerkt, dass der Stromverbrauch der App zum Problem werden kann: GPS-Anwendungen sind Stromfresser, vor allem auf dem iPhone. Die Lösung: Fällt der Stand der Batterie unter 30 Prozent, wird das GPS automatisch ausgeschaltet. Die App merkt auch, wenn das Netzwerk überlastet ist und kommuniziert dann nur noch alle 30 Minuten mit der Zentrale. Das spart ebenfalls Strom und entlastet das Netz.

Sorgfältiger Umgang mit Besucher-Daten

«Für uns hatte der Datenschutz eine hohe Priorität» sagt Ulf Blanke, Projektleiter bei der Wearable Computer Group. Für ihn ist selbstverständlich, dass alle Daten anonym abgespeichert werden, so dass sie keinem Gerät und keiner Person mehr zugeordnet werden können. Blanke hat sich auch an die offiziellen Datenschützer gewendet und deren Rat befolgt: Einerseits Transparenz schaffen, so dass der Besucher versteht, was mit seinen Daten geschieht.

Und andererseits die Möglichkeit des Opting-Outs. Das bedeutet: Besucher können die App auch nutzen, ohne dass diese Daten sendet. Blanke meint, dass das Opting-Out für Benutzer ein Vorteil gegenüber herkömmlichen Methoden des Datensammelns darstellt, denn einer Video-Überwachung beispielsweise kann sich niemand entziehen.

Besucherströme im Überblick

Karte mit bunten Flächen, die die Besucher-Dichte visualisieren sollen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Heat-Map: Darstellung der Besucher-Dichte am Silvesterzauber 2012 ETH Zürich

Alle Besucher-Daten aus der App fliessen anonymisiert in eine Datenbank, um später analysiert zu werden. Aus den Positionsangaben der Besucher wird dann eine so genannte Heat-Map erstellt: eine Karte, aus der die Menschen-Dichte hervorgeht. Gebiete mit geringer Besucher-Zahl werden mit kalten Farben eingefärbt, solche mit grosser Dichte mit warmen Farben – von Orange, über Rot (Achtung) bis Weiss (kritisch).

Diese Angaben sind Indikatoren: Aus den Farben kann nicht geschlossen werden, wie viele Menschen sich dort tatsächlich aufhalten, doch sie geben den Trend akkurat wieder. Diese Dichte-Karte wird am diesjährigen Züri Fäscht im Rahmen eines Tests erstmals in die Einsatzzentrale der Polizei übermittelt.

Ein Beitrag für mehr Sicherheit

Die ETH Forscher möchten durch ihre Analysen besser verstehen, wie Menschen sich an Grossveranstaltungen bewegen. Diese Erkenntnisse sollen schliesslich dazu beitragen, Unfälle zu verhindern, wie etwa die Massenpanik an der Love Parade in Dusiburg, wo vor drei Jahren 21 Menschen starben und über 500 verletzt wurden.

In einem nächsten Schritt geht es darum herauszufinden, ob sich aus den Besucher-Daten in Zukunft auch Prognosen errechnen lassen: Ist es möglich, vorauszusehen, wo sich in den nächsten 15 Minuten eine Ansammlung von Menschen bildet, die gefährlich werden könnte? Das würde die Arbeit der Veranstalter erleichterten, da sie rechtzeitig reagieren und Menschenströme umleiten könnten.

Rückschlüsse auf das Verhalten?

Dazu berücksichtigen die Forscher nicht nur die Koordinaten der Besucher – sie untersuchen auch, ob man Rückschlüsse aus der Verwendung der App ziehen kann. Denn für eine Prognose wäre es interessant zu verfolgen, ob jemand, der einen bestimmten Veranstaltungsort auf der Karte sucht, dann wirklich dort hin geht.

Aus Datenschutzgründen ist dies jedoch nur beschränkt möglich. Und ob sich so eine Prognose mit den Daten einer App allein wirklich berechnen lässt, ist noch ungewiss. «Es ist eben Forschung» sagt Ulf Blanke.