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Live im Hallenstadion Tame Impala beim Pinkeln zuschauen

Was einst in der Indierock-Nerdecke begann, ist mittlerweile auf den grossen Konzert- und Festivalbühnen angekommen. Der Spagat funktioniert. Mehrheitlich.

Wer bis anhin der Meinung war, verhallte Gitarrenriffs und Clubbeats gehen nicht zusammen, wurde am Dienstagabend im Hallenstadion eines besseren belehrt. Wobei: zu hart dürfen die Beats dann auch nicht sein. Aber der Reihe nach.

Tame Impala ist das Solo-Projekt des Australiers Kevin Parker. Dieser war lange Zeit der Darling der Musikpresse, hatte er doch mit seinem psychedelischen Indierock das Genre in den 2010er-Jahre entscheidend mitgeprägt.

Doch als letztes Jahr das fünfte Studioalbum «Deadbeat» herauskam, ging ein Riss durch die Musiklandschaft. Der Grund: Tame Impala macht darauf einen grossen (Tanz-)Schritt in Richtung Dancefloor, Techno und Rave. Dafür gabs teilweise harsche Kritik. Tatsächlich wirken einige der Songs auf «Deadbeat» etwas unausgegoren.

Die Ausgangslage für das Konzert im Hallenstadion war also keine einfache, galt es doch die Indie-Gemeinschaft ebenso bei Laune zu halten, wie die Liebhaber von Clubbeats.

Musikalischer Spagat: 80%

Der Spagat gelang fast perfekt. Tame Impala spielte eine Mischung aus alten Hits – mehrheitlich vom mittlerweile 11-jährigen Album «Currents» – und neuen Songs. Die Verschränkung gelang, weil sich klanglich ein roter Faden durch das Schaffen von Kevin Parker zieht: Egal ob 70s-Psy-Rock-Riff oder 80s-Synthiepop, über allem liegt eine verhallte Melancholie und pulsierende Wärme.

Tame Impala
Legende: Tame Impala klotzt visuell mit halbrunder Bühne und Laserflut. Getty Images/Kevin Mazur

Das mehrheitlich junge Publikum zeigte sich textsicher und durchaus euphorisch über das Geschehen auf der Bühne, egal ob von dort Vier-Viertel-Beats oder LoFi-Drums hämmerten. Bestechend war auch die opulente Lichtshow, die Tame Impala auffuhr. Eine Unmenge an Laserstrahlen verwandelte das Hallenstadion mal in einen clubähnlichen Rave-Tempel, dann wieder in LSD-artige Traumsequenzen.

In der Mitte des Konzerts unternahm Kevin Parker einen Ausflug auf eine kleine Nebenbühne. Dort schraubte er, eingehüllt von sanftem Lampenlicht und Kissen, an elektronischen Gerätschaften herum, und entlockte diesen brettharte Techno-Beats.

Kevin Parker, der Mastermind hinter Tame Impala, sitzend auf der Bühne hinter elektronischen Gerätschaften
Legende: Kevin Parker Getty Images/Kevin Mazur

Was um drei Uhr morgens im Berghain in Berlin bestimmt prima funktioniert hätte, sorgte im Hallenstadion eher für Konsternation. Dies zum einen, weil die kleine Nebenbühne relativ niedrig und schlecht einsehbar war. Zum anderen, weil sich Parker zu den brettharten Rhythmen anstatt in Rave-Ekstase zu verfallen in den Kissen fläzte.

Intimität herstellen: 60%

Vielleicht war der Ausflug ins Wohnzimmer-Setting auch als Versuch gedacht, Intimität herzustellen. Parker hatte zuvor schon eine grosse Selbstgedrehte auf der Bühne angezündet und sich dabei von der Handkamera filmen lassen. Diese folgte ihm auch bei einem Ausflug hinter die Bühne, wo sich das Tame-Impala-Mastermind im Pissoir erleichterte und danach brav die Hände wusch.

Nichtsdestotrotz wollte sich die totale Ergriffenheit nicht so recht einstellen, die aus intimen Konzertmomenten entsteht. Das dürfte zum einen der Tatsache geschuldet sein, dass Tame Impala im Clubsetting besser aufgehoben wären als im riesigen Hallenstadion. Hinzu kommt, dass das vernebelte Klangbild einen emotional auf Distanz hält.

Trotzdem bleibt von diesem Konzertabend die Gewissheit, dass Kevin Parker weiterhin zu den spannendsten Figuren des modernen Pop gehört – gerade weil er Risiken eingeht, Grenzen verschmelzt und sich musikalisch konsequent neu erfindet.

SRF 3, 15.4.2026, 11:15 Uhr

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