Muss man als globaler Mega-Popstar regelmässig neue, grossartige Musik veröffentlichen? Nun, die letzten beiden Taylor-Swift-Alben sprechen eine eindeutige Sprache und sagen: Nein, muss man nicht.
Aber es hilft sicher. Siehe Olivia Rodrigo. Die 23-jährige Kalifornierin katapultierte sich vor fünf Jahren mit Songs wie «drivers license» und «good 4 u» und dem dazugehörigen Album «Sour» auf Anhieb in die oberste Liga des Pops – und zementierte zwei Jahre später ihren dortigen Platz mit dem zweiten Album «Guts».
Neue Farben, alte Vorbilder
Nun also Album Nummer drei: «You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love». Und so wie bereits der Albumtitel im Vergleich zu ihren bisherigen Einwort-Titeln expandiert, erweitert sich auch die musikalische Farbpalette.
Von den Pop-Punk-Ausflügen der ersten beiden Alben, die Sounds aus der Jahrtausendwende von blink-182 bis Avril Lavigne einer neuen Generation schmackhaft machten, ist dieses Mal wenig zu hören. Die Rocksongs des neuen Albums denken grösser und klingen expansiver.
Wobei auffällt: Wieder stammen viele Referenzen aus einer Zeit, in der Rodrigo noch nicht geboren war. Bei der hervorragenden Single «the cure» kommen die grossen Würfe der Smashing Pumpkins in den Sinn, bei «U + Me = <3» The Cure.
Traurig? Den Experten fragen
Die britischen Goth-Rocker gehören zu ihren Lieblingsbands. Das geht so weit, dass sie bei ihrem letztjährigen «Glastonbury»-Auftritt The-Cure-Sänger Robert Smith auf die Bühne holt und mit ihm zwei Cure-Evergreens performt.
Nun zahlt Smith den Gefallen zurück – und wird auf «what's wrong with me» zum ersten Gastsänger überhaupt auf einem Olivia-Rodrigo-Album. 44 Jahre Altersunterschied liegen zwischen den beiden, doch ihre Stimmen ergänzen sich ausgezeichnet. Und: Wenn man schon einen Song darüber schreibt, wie ein Partner für die eigene Traurigkeit verantwortlich ist, wieso nicht bei jemandem anklopfen, der seit 50 Jahren Experte darin ist?
Dass es sich bei diesem Schulterschluss nicht um eine Zwangsehe zwecks Zielgruppen-Akquise handelt, sondern der künstlerische Respekt echt ist, zeigt Smiths Schwärmerei in einem BBC-Interview: Er liebe ihre Musik und bewundere, wie mühelos und natürlich Rodrigo beim Songschreiben wirke, sagt Smith.
Alles schon gehört? Zum Glück!
Inhaltlich erzählt das Album wenig Neues. Es ist Popmusik. Also darf es auch weiterhin ums Verliebtsein, ums unglücklich Verliebtsein, ums nicht mehr verliebt sein wollen oder ums froh sein, nicht mehr verliebt zu sein gehen.
Aber Rodrigo und ihr Songwriting-Partner Daniel Nigro werden hörbar erwachsener. Einen Frustrationssong wie «begged» hätte sie früher noch ganz anders geschrieben, vermerkt sie in einem Interview mit der «New York Times»: weniger Selbstreflexion, mehr Schuldzuweisung. Mittlerweile gehe es ihr auch vermehrt darum, die eigenen Erwartungen und Fehler zu hinterfragen.
Am Ende zeigt sich einmal mehr: Die Bausteine erfolgreicher Popmusik müssen nicht immer neu sein. Sie müssen nur richtig zusammengesetzt werden. Bestehendes auseinandernehmen, neu anordnen und mit der eigenen Perspektive aufladen: Genau so funktioniert Pop seit seinen Anfängen. Und momentan gibt es wenige, die das besser machen als Rodrigo.