Schon der Opener «The Dark Forest» stapft durch eine dunkle Über-Oper, als müsse ein Opfer im Nebelwald dargebracht werden – bevor ein klassisch-knackiges Muse-Riff einfährt. Andere Bands würden daraus ein Album machen. Muse packen es in wenige Minuten.
Bombast als Überlebensstrategie
Matt Bellamy, Chris Wolstenholme und Dominic Howard waren nie interessiert an Sudelei. Muse sind eher die Typen, die an ihrem Sounddesign schrauben, bis alles so perfekt sitzt, dass auch eine Kiste ohne Flügel abhebt.
Ihr zehntes Werk «The Wow! Signal» treibt die Raketenwissenschaft von Muse konsequent weiter. Dabei entsteht nichts wirklich Neues, aber Bekanntes mit neuem Wumms. Und Popappeal. Zum Beispiel beim Discoknaller «Nightshift Superstar». Rockfans dürften hier «sell out!» rufen – aber trotzdem heimlich mit der Hüfte wippen.
«Shimmering Scars» liefert dann die obligate Ballade mit Klavier, Falsett und so viel Hauch, dass man Bellamys Atem in den Kopfhörern spürt. Kitsch? Ja. Aber bei Muse ist Kitsch kein Unfall, sondern Architektur.
Das All sendet Pathos
Der Albumtitel verweist auf das Wow!-Signal von 1977 (siehe Box): eine 72 Sekunden lange Funkwelle aus Richtung Sternbild Schütze, die lange als möglicher Gruss aus dem All herumgeisterte. Heute wirkt die Alien-Lesart wackliger; neuere Arbeiten sehen eher ein natürliches Phänomen.
Für Muse ist das egal. Sie brauchen das Signal nicht als Wissenschaft, sondern als Hülle: kosmische Sehnsucht, mystisches Flackern, Kontakt mit etwas Grösserem.
Was genau Matt Bellamy dazu in seinen Lyrics singt, ist sekundär. Muse sind auch auf Inhaltsebene Sounddesign. Die Single «Be With You» ermöglicht dank Kirchenorgeleinsatz einen quasi-religiösen Stadionmoment.
Das Lied ginge bis zum Schlussteil auch als Coldplay-Song durch – aber dann klingt's plötzlich, als würde die Lautsprechermembrane bersten. Muse-Alben sind auch immer Indikatoren aktueller Kompressions- und Studiotechnik. Wie fett soll es klingen, Matt? Matt: Ja.
Alte Liebe, neue Membranschäden
Am stärksten wird «The Wow! Signal», wenn Muse ihre eigene Geschichte aufblitzen lassen. «Cryogen» erinnert im Intro an ihren Ur-Hit «Plug In Baby», wird aber nicht zur Retro-Übung, sondern zur Erinnerung daran, was diese Band im Kern ist: ein maximalistisches Rock-Trio, zu dessen Musik man immer noch bestens headbangen oder vor lauter Schwulst weinen kann. Oder beides.
Wie effektiv die Songs von Muse immer noch sind, beweist ein Liveauftritt in Brixton, in dem sie vor Kurzem «Cryogen» schon mal auf ein Publikum losschickten. Die Druckwelle ist auf der pumpenden Kameralinse sichtbar.
Muse klingen noch immer, als wollten sie einen Rock-ESC gewinnen, den es zum Glück nicht gibt. Gäbe es ihn, sie hätten ihn längst mehrfach gewonnen. «The Wow! Signal» ist kein subtiles Album. Aber es hat wieder etwas, das zuletzt selten war: Lust am eigenen Bombast.