Stress sitzt auf einem grünen Ledersofa, er blickt unter seiner randlosen Brille hervor, aus den Boxen schallt «A Change Is Gonna Come» von Sam Cooke.
«Es ist schwierig, diesen Song zu hören, denn er erinnert mich an viele – sehr dunkle – Momente», sagt Stress. Er meint damit eine Zeit, in der er Suizidgedanken hatte.
Es sei ein langer Weg gewesen, auf dem er sich immer wieder gefragt habe, wie lange er diese Situation noch aushalten könne. «Aber dann singt Sam Cooke eben auch: ‹Change is gonna come›. Das gibt dir Mut.»
Ich will versuchen, netter mit mir zu sein.
Die Zeilen, «It's been a long road» und «Change is gonna come» wurden für Stress zu wichtigen Ankern in Momenten der Verzweiflung – «an einem Tiefpunkt in meinem Leben, an dem ich keine Kraft mehr hatte.»
Wohin mit der Wut?
Eminems «The Way I Am» war für Stress in seiner Jugend eine Offenbarung. In einer Zeit, in der er «so viele Emotionen in sich hatte und nicht wusste, wohin damit», wurde dieses Lied zu einem Ventil. «Ohne diesen Song wäre ich explodiert», sagt Stress.
Eminem zeigte ihm, wie man Wut und Frustration in Kunst verwandeln kann. «Damit hat er mir den Schlüssel für meine eigene Kunst gegeben.»
Stress ist überzeugt: «Wut ist Energie – und wenn du den richtigen Rahmen dafür findest, ist alles gut. Wut ist nur ein Problem, wenn du sie nicht oder in den falschen Situationen rauslässt.»
Selbstfürsorge lernen mit Stefanie Heinzmann
Trauer, Wut, Energie – Themen, die im Gespräch mit Stress immer wieder auftauchen. «Ich glaube, ich bin zu hart mit mir selber», sagt der Musiker.
Ein Mensch, der ihn immer wieder daran erinnert, ist Berufskollegin Stefanie Heinzmann. «Sie ist so eine starke Persönlichkeit, könnte dastehen und prahlen – aber das tut sie nicht. Das bewundere ich», schwärmt Stress.
Heinzmann erinnere ihn daran, dass der Weg als Künstler oder Künstlerin manchmal einsam sei. «Sie sagt mir, ich solle netter mit mir sein. Ihre Stimme habe ich immer wieder im Kopf.»
Liebe ohne Kitsch
Halt findet Stress auch in seiner Beziehung. Dabei sei ihm wichtig: «Niemand muss hier sein – aber ich bin hier, weil ich dich liebe. Weil ich das will.» Dieses Gefühl transportiere das Lied «Una Palabra» von Carlos Valera.
Haben sich seine Gedanken an die Liebe nach zwei geschiedenen Ehen verändert? «Nein», sagt der Rapper. «Die Challenge ist, Liebe nicht mit Angst zu verbinden.»
In eine neue Beziehung wolle er nicht die Ängste einer alten transferieren. «Man darf nicht hoffen, dass jemand kommt, der alles gut macht.» Er wolle darum «einfach lieben» – mit dem Wissen, dass es am Ende weh tun kann. «Aber es geht nicht um das Ende, sondern um den Weg.»
Streben nach Leichtigkeit
«Wo ich herkomme, gab es viele Regeln: Du musst taff sein, hart sein», erzählt Stress. Darum fühle er auch ein Gefühl von Neid, wenn er «Little Red Corvette» von Prince höre.
Mir fehlt diese Leichtigkeit, das Spielerische.
Er hätte den Song gerne selbst geschrieben, sagt Stress. Warum? Das Lied höre sich so an, als ob sich Prince frei gefühlt habe. «Ich glaube, darauf bin ich ein bisschen eifersüchtig.»
Prince' künstlerische Freiheit, sein spielerischer Umgang mit der Musik und seiner femininen Seite fasziniert Stress. «In meiner Welt ist das nicht erlaubt», sagt er. Und betont: «Ich will damit nicht sagen, dass ich nicht frei bin.» Aber dennoch wünsche er sich, mehr positive Vibes in die Musik bringen zu können. «Manchmal bin ich gefangen in meiner Emotion, in der Tiefe. Mir fehlt diese Leichtigkeit, das Spielerische.»
Das sei die Challenge seines Lebens.